Das Phantom der Alpen

Wer sind die Walser? Warum diese Pioniere, die viele abgelegene Orte der Schweiz besiedelten, schwer zu fassen sind.

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Vor gut sechs Jahren kam Jean-François Tschopp aus Nufenen an der örtlichen Sperrgutmulde vorbei. Er sah Ehrwürdiges wie ein Spinnrad und einen alten Melkstuhl. Einige Gegenstände schienen ihm erhaltenswert. Tschopp wurde aktiv. Er scharte Gleichgesinnte um sich, fand ein Lokal, gründete eine Stiftung, sammelte historische Objekte und Geld, redete mit dem Denkmalschutz und half mit, den Umbau des Lokals zu überwachen.

Diesen Herbst soll in Nufenen im Rheinwald der Ausstellungsort Walserama öffnen. Auf Führungen werden Auswärtige vom Alltag der Walser vernehmen, die die Bündner Talschaft besiedelten; zu den Exponaten gehört auch ein Plumpsklo.

«Das Projekt lebt von innen»

Das Walserama ist Teil eines kleinen Booms des Walsertums. In Hinterrhein bietet das Bachhuus seit einiger Zeit Spezialitäten der Region. Und in Obermutten, auch Graubünden, hat man einen walserischen Stall zum «Kulturtenn» umgebaut. Vor allem aber ist da der «Walserweg Graubünden», der in 23 Etappen von San Bernardino im Misox nach Brand im Vorarlbergischen führt. Rund 5 Millionen Franken Umsatz hat der Weg seit der Lancierung 2010 ausgelöst, Tendenz steigend.

Irene Schuler hat den zugehörigen, eben zum dritten Mal aufgelegten Wanderführer geschrieben und den Weg mitgeprägt; sie freut sich, dass er in den Dörfern Dinge auslöst: «So lebt das Projekt von innen.» Sie berichtet von jüngeren Menschen und auch Familien, die sie unterwegs getroffen hat. Von Leuten also, die willens sind, wandernd etwas über die Walser zu erfahren.

Dass die Walser interessieren, hat wohl mit dem Grosstrend der letzten Jahre zu: Die Leute dürstet es nach dem Authentischen, Eigenen. Das Regionale hat Konjunktur, so ist es auch beim Essen.

Bloss – wer sind eigentlich die Walser?

Vom «Riitbrätt» zum Snowboard

Alles beginnt damit, dass Bauernsippen gegen das Jahr 1000 aus dem Berner Oberland ins Oberwallis auswandern. Im Goms schaffen sie es, in karger Höhenlage zu überleben. Die Walser, wie man sie später nennt, entwickeln das Know-how, in den kurzen Saisons den Boden optimal zu nutzen, mit wenig Wasser zu bauern, den Lawinen zu trotzen.

Eine speziell gekrümmte Sense oder ein schlaues Verfahren zur Heutrocknung sind typische Entwicklungen dieser Bergbauern. Aus heutiger Sicht ist das alles furchtbar unsexy. Der Alltag der Walser war alles andere als heroisch; man krampfte schwer und starb früh. Immerhin sollen walserische Säumer das «Riitbrätt» erfunden haben, den Vorläufer des heutigen Snowboards.

Gegen 1200 beginnen die Walserwanderungen aus dem Goms. In den folgenden Jahrhunderten erschliessen die Walser hoch gelegene Gegenden in Hochsavoyen, im Aostatal und im Piemont, im Tessin und in Graubünden. In fünf Ländern werden sie tätig: Schweiz, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich. Bis ins Sarganserland und ins Glarnerland finden sich hierzulande ihre Spuren. Die Landschaft Davos, der Ferienort Lech am Arlberg, das Thermendorf Vals, Nufenen an der San-Bernardino-Route oder auch Bosco/Gurin am Rand des Tessins: Alle sind sie im Kern walserisch.

Bosco – «Gurin» auf Walserdeutsch – ist das einzige deutschsprachige Dorf im Tessin. Theoretisch, denn die Leute, die «Gurinertitsch» reden, sterben weg. Der Tessiner Schriftsteller Alberto Nessi hat über sie gesagt: «Sie schwatzen in einer sonderbaren Sprache, die Dante zum Erröten und Goethe zum Weinen bringen würde.»

Das Heiratsverbot im Lugnez

Wo die Walser ankommen, sind bisweilen schon andere da. Klöster wie das von Disentis haben Kultivierungsarbeit geleistet, auch gibt es alemannische Siedler. Doch mancher Territorialherr möchte mehr. Er will zum Beispiel an einem Passfuss eine Siedlung anlegen und so den Pass unter seine Kontrolle bringen. Ohnehin ist jeder neue Quadratmeter bebauten Bodens ein Gewinn für ihn.

Die Lösung, die sich aufdrängt: die Walser. Sie erhalten im Gegenzug für die Gründung einer Siedlung unter prekären Bedingungen recht viel Eigenständigkeit – etwa einen Teil der Gerichtsbarkeit. Beliebt machen sie sich nicht mit ihren Vorrechten. Es gibt Animositäten zwischen ihnen und ihrer Umgebung. Im rätoromanischen Lugnez erlässt man 1457 ein Bodenverkaufs- und Heiratsverbot. Man will sich nicht mit den ehrgeizigen Walsern von Vals, einer deutschsprachigen Insel, mischen. Man macht auf Protektionismus.

«Die Walser, das sind Bündner, die nicht bündnern.»Andreas Simmen

Etwas von den alten Zwistigkeiten spürt man in der Gegenwart, wenn man etwa Leute aus der Surselva nach ihrer Meinung zu den Walsern im Prättigau fragt. Man hört Abschätziges; das seien doch keine rechten Bündner, heisst es, abweisend und verschroben seien die, und ihre Mundart nerve. Mit klingt wohl auch das Ressentiment einer erzkatholischen Gegend gegen eine erzreformierte. Und gleichzeitig tönt das wie ein Echo des Bündner Humanisten Ulrich Campell. Er sah die Walser vor einem halben Jahrtausend als Barbaren.

Die Mundart ist heutzutage praktisch das Einzige, das die Walser abhebt. Die Konfession hilft nicht, es gibt katholische und reformierte Walser. Vom Aussehen her kann man die Walser sowieso nicht identifizieren, sie kommen daher wie alle anderen Leute in den Bergen – ziemlich braun sind sie halt. Ist der Skilehrer, den man in Andermatt trifft, ein Walser? Und gibt es die Walser überhaupt?

Flütsch, Kindschi, Brunold, Sprecher

Georg Jäger, lange Präsident der Bündner Walservereinigung, brauchte eine Definition, die das subjektive Fühlen berücksichtigt: Ein Walser ist demnach, wer einen Walserdialekt spricht und nutzt und sich von Herkunft und Umgebung her als Walser oder Walserin versteht.

Typische Namen der Walsergebiete gibt es immerhin: Flütsch in St. Antönien. Kindschi in Davos. Brunold und Sprecher im Schanfigg. Lorez, Trepp und Meuli im Rheinwald. Buchli, Hunger und Zinsli in Safien. Jörger und Furger in Vals. Hitz und Hemmi in Churwalden. Aber natürlich trifft man diese angestammten Namen längst auch in den grossen Städten oder in der Agglo. Die Mobilität macht den Walser nicht leichter fassbar.

Der Walser klingt wie ein Walliser

Bleibt der Dialekt. In so manchem Prättigauer Dorf hört man es gleich: Die reden nicht wie die Bündner aus der Steinbock-Tourismuswerbung mit den vielen Wörtern auf -a. Hört man «ünsch» («uns»), denkt man möglicherweise gar: oh, ein Walliser.

Andreas Simmen, 63-jährig, früherer Programmleiter des Zürcher Rotpunktverlags und Journalist, redet so; er ist im Prättigau aufgewachsen, war aber von Kindsbeinen an auch sehr oft im Rheinwald. In beiden Tälern wird Walserdeutsch gesprochen. Simmen erzählt: Immer wieder sei es ihm passiert, wenn er sich in Zürich als Bündner vorstellte, dass ihm die Leute sagten: «Aber du redest ja gar nicht bündnerisch.»

Die Walser seien, sagt Simmen, «andere Bündner, nicht bessere oder schlechtere, sondern einfach eine Facette mehr in einem insgesamt ziemlich facettenreichen Kanton». Die Walser seien «Bündner, die nicht bündnern». Und Simmen bestätigt: «Die Identität der Walser funktioniert am ehesten über den Dialekt.»

Gibt es die Walserküche?

Simmen ist keiner, den das Walsertum gross umtreibt. Als Junger habe er mit dergleichen gar nichts anfangen können; die Stadt, die Literatur und die Politik hätten ihn interessiert, erzählt er. Und wenn er sich als Journalist mit den Berggebieten befasst habe, dann habe er zum Beispiel die wirtschaftliche Kolonisierung durch die Stromwirtschaft der Unterländer thematisiert. Die Fremdbestimmung der Bergregionen.

Vieles, was heute punkto bäuerliche Arbeitstechniken, Gastronomie oder Architektur als typisch walserisch gepriesen werde, sei schlicht Teil der Bergler- oder Bergbauernkultur, sagt Simmen. Das Gleiche gelte für die meisten Gegenstände in Dorfmuseen. «Ich sah die Walser nie als Ethnie», so Simmen; dafür seien sie viel zu verschieden je nach Talschaft. In Jenaz, im Walserdorf Furna und in Nufenen gross geworden, habe er festgestellt, dass die Leute viel kleinräumiger funktionierten als in den regionenübergreifenden Zusammenhängen der Walser. «Man wusste von den Walsern, aber es war ein abstraktes Wissen.»

«Meine Wurzeln sind einfach bündnerische», sagt Simmen. So sind die Walser bei aller historischen Wirksamkeit der Siedler, die in dem Wort zusammengefasst werden, ein Phantom. Oder sind sie doch mehr? Irene Schuler sagt: «Es sind Menschen mit einer Vergangenheit, die sie verbindet, auch wenn sie diese nur vom Hörensagen, aus Archiven, Veranstaltungen und Büchern kennen. Das genügt vielleicht bereits für eine gemeinsame Identität.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 22:16 Uhr

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