«Das Problem der Schweiz ist ihr Dünkel»

Sie kamen als Flüchtlinge: Autorin Irena Brežná (66) nach dem Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei, Zahnarzt Blend Hamza (31) aus Syrien. Beide haben Mühe mit der Schweiz.

Nach ihrer Flucht in der Schweiz gelandet und immer wieder mit Widerständen konfrontiert: Irena Brežná und Blend Hamza. Foto: Sabina Bobst

Nach ihrer Flucht in der Schweiz gelandet und immer wieder mit Widerständen konfrontiert: Irena Brežná und Blend Hamza. Foto: Sabina Bobst

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Frau Brežná, wie war Ihr erster Eindruck von der Schweiz?
Irena Brežná: Ich war befremdet, wie konservativ die Schweiz war, und die Stellung der Frau in der Gesellschaft fand ich erniedrigend. Wenn ich an der Uni in Basel nur den Mund aufmachte, staunten die Kommilitonen, oha, eine Frau, die redet. Es gab kaum Studentinnen. Auch an privaten Anlässen hatten nur Männer das Wort. Aber ich war sowieso die ganze Zeit traurig darüber, was mit der Tschechoslowakei geschah. Ich hatte nicht vor, zu emigrieren, sondern mich für mein Land einzusetzen.

Das war nach dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968, in einer Zeit, als die Frauen in der Schweiz kein Stimm- und Wahlrecht hatten.
Brežná: Nicht nur das. Sie waren im öffentlichen Leben, in der Berufswelt praktisch inexistent. Ich fand hier keine weiblichen Vorbilder. Für mich war klar, dass ich einen Beruf erlernen und gesellschaftlich aktiv sein würde. Den Druck auf die Schweizerin, in der Küche ihre ganze Erfüllung zu finden, erlebte ich als bedrohlich.

Sie haben gesagt, Sie wollten gar nicht emigrieren. Warum?
Brežná: Es war die Entscheidung meiner Eltern. Sie haben das kommunistische Regime abgelehnt. Meine Mutter war im Gefängnis von 1959 bis 1961, da sie schon damals die Flucht aus der Tschechoslowakei vorbereitet hatte. Aber man konnte es ihr nicht nachweisen, sonst hätte sie mit fünfzehn Jahren Haft rechnen müssen. Mein Vater war Anwalt, er hatte in Bratislava eine Kanzlei, diese Berufsgruppe galt als Klassenfeind, und so wurde er zum Hilfsarbeiter in einem Steinbruch degradiert. Wir mussten auch aus Bratislava in die Provinz wegziehen. Als die Tschechoslowakei im Frühling 1968 einen Reformkurs einleitete, war es eine wundervolle Zeit voller Hoffnungen. Doch mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes wurde alles zunichtegemacht.

Alt trifft Jung: Irena Brežná und Blend Hamza im Gespräch. Video: Sabina Bobst

Herr Hamza, wie ist es Ihnen am Anfang in der Schweiz ergangen?
Blend Hamza: Zunächst lebte ich in einem Asylbewerberzentrum zwischen Schwyz und Muotathal. Und schon am ersten Tag wurde ich unangenehm überrascht. Ich stand draussen, als eine alte Frau im Auto vorbeifuhr, sehr langsam, dann liess sie das Fenster herunter und zeigte uns den Stinkefinger. Ich dachte, möglicherweise wohnt in diesem Haus jemand, der die alte Frau beleidigt hat. 20 Minuten später fuhr ein junger Mann vorbei, auch er zeigte uns den Stinke­finger. Ich dachte: Mein Gott, wo bin ich gelandet? Mir wurde klar, dass es in der Schweiz Menschen gibt, die Flüchtlinge ablehnen.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Hamza: Ich bin nach zwei Monaten abgehauen. Das Asylverfahren hat sich in die Länge gezogen, man beschied mir, ich dürfe hier als Zahnarzt nicht praktizieren. Also bin ich nach Schweden weitergereist. Doch auch dort konnte ich nicht bleiben, denn gemäss dem Dublin-Abkommen muss der Antrag von dem Staat geprüft werden, in den der Flüchtling zuerst eingereist ist. In meinem Fall war das die Schweiz. Ich wollte aber nicht zurück und habe mein Glück in Grossbritannien versucht. Doch die britischen Behörden haben mich in die Schweiz zurückgeschickt.

Sie kamen Ende 2012 erstmals in die Schweiz. Warum hierher?
Hamza: Ich habe einem Schlepper alle meine Papiere gegeben und 14'000 Euro. Er hat mir einen falschen italienischen Pass besorgt. Mit dem Dokument bin ich von Istanbul nach Zürich geflogen. Ich bin sozusagen innerhalb von 48 Stunden von Damaskus in die Schweiz gekommen. Der Schlepper fragte mich, ob ich beweisen könne, dass ich verfolgt wurde in Syrien. Zusammen mit anderen Aktivisten habe ich das Assad-Regime bekämpft, mein Engagement ist gut dokumentiert, es gibt Presseartikel darüber, die man online findet. Der Schlepper meinte, die Schweiz sei das passende Land für mich.

Wie sind Sie, Frau Brežná, in die Schweiz gekommen?
Brežná: Ich war beim Einmarsch in einem Studentenlager in Frankreich, mein Vater und mein Bruder waren in Deutschland. Dank den Lockerungen in den Monaten davor konnte man endlich reisen. Die Mutter flüchtete nach Wien, wo sie auf mich wartete. Sie wollte nach Kanada emigrieren, aber vor der kanadischen Botschaft campierten unsere Landsleute, alle warteten auf ein Ein­reisevisum. Man tauschte sich aus, und jemand sagte, die Schweiz nehme Flüchtlinge ohne Visum auf. Wir fuhren sofort in unserem Škoda nach Buchs, wo wir registriert und einer Kleinstadt zugeteilt wurden. Meine Mutter sagte: Da will ich nicht hin, wir gehen in eine grosse Stadt. Als wir Zürich erreicht hatten, war es noch hell, dann entschied meine Mutter: Wir fahren weiter westwärts. Als wir nach Basel kamen, war schon Abend, und die Mutter sagte: Ich emigriere keinen Meter weiter. Und so bin ich bis heute in Basel geblieben.

Wann haben Sie begonnen, sich wohlzufühlen?
Brežná: In den ersten Jahren nahm ich nur den Verlust wahr, jenen der Heimat und der Muttersprache. Ich wollte schreiben und eine Rolle in der Gesellschaft finden. Die Schweiz war für mich kalt und unbegreiflich, ich sah keine ­Zukunft; wir haben gedacht, der Eiserne Vorhang würde nie fallen. Zwar konnte ich ein bisschen Deutsch, auch meine Eltern sprachen Deutsch, mein Vater hatte vor dem Krieg in Österreich studiert, aber der Umstand, dass ich mich nicht gut ausdrücken konnte, war für mich, als wäre ich behindert. Darum habe ich von Anfang die ganze Kraft in die neue Sprache investiert. Als ich dann an der Uni in Basel Heidegger, Kant und Spinoza las, überkamen mich zum ersten Mal Glücksgefühle. In der Tschecho­slowakei bedeutete ein Philosophiestudium nur Marxismus-Leninismus. In der Schweiz lernte ich wissenschaftlich und selbstständig zu arbeiten, präzis zu sein, Meinungen und Ideologien von Fakten zu unterscheiden. Das ist mein hier erworbener Reichtum.
Hamza: Die grösste Mühe, die ich nach wie vor habe, ist, dass ich nicht arbeiten darf. Obwohl ich in Syrien als Zahnarzt gearbeitet habe, gilt mein Abschluss in der Schweiz nicht. Ich muss drei Jahre an der Uni Zürich weiterstudieren, das erste Jahr habe ich hinter mir. Erst dann, wenn ich meinen Beruf ausüben kann, werde ich zufrieden sein. Als ich in die Schweiz kam, habe ich mich ständig beklagt, habe die Leute gefragt, was ich jetzt tun soll. Sie haben immer geantwortet: Du musst glücklich sein, jetzt bist du in Sicherheit. Natürlich war ich glücklich in den ersten Monaten, dass ich jetzt in einem sicheren Land lebe. Aber ich kann doch nicht zwei Jahre glücklich sein, dass ich den Krieg überlebt habe, und einfach nichts tun.

«Der Schlepper sagte, die Schweiz sei das passende Land für mich.»Blend Hamza

Wie haben Sie in so kurzer Zeit so gut Deutsch gelernt?
Hamza: Für mich war von Anfang an klar: Wenn ich hier leben und arbeiten will, dann muss ich die Sprache lernen. Ich kam im April 2013 aus Grossbritannien in die Schweiz. Während neun ­Monaten habe ich alles gegeben, damit ich mich verständlich ausdrücken kann. Es war ein Moment der Befreiung, als ich nach dieser intensiven Lernphase entschieden habe: Jetzt spreche ich nur noch Deutsch mit den Leuten!

Sie waren im Gefängnis in Syrien. Wurden Sie gefoltert?
Hamza: Wer in Syrien im Gefängnis war, der wurde gefoltert. Ich wurde zum ersten Mal 2004 verhaftet, dann 2009 wegen eines Dokumentarfilms, der vom Geheimdienst als staatsfeindlich eingestuft wurde. Nach den ersten Protesten gegen Assad 2011 habe ich in Feldspitälern Hilfe geleistet. Das ist dem Regime nicht verborgen geblieben.

2012: Gefährliche Demonstrationen in Syrien gegen Bashar al-Assad. Foto: Reuters

Was ist mit Ihrer Familie und Ihren Freunden passiert?
Hamza: Meine Eltern und mein Bruder sind nach mir auch geflüchtet, sie leben in Grossbritannien. Meine Freunde sind geflüchtet oder wurden getötet.

Sie haben sich für ein demokratisches Syrien eingesetzt. Haben Sie so etwas wie ein Gefühl von Scham oder Feigheit, weil Sie sich nicht mehr vor Ort engagieren können?
Hamza: Natürlich. Ich weiss, dass das als Überlebensschuld-Syndrom bezeichnet wird. Aber das hilft mir nicht, dieses Gefühl wegzukriegen.
Brežná: Das Schuldgefühl trägt man mit sich. Ich fand zunächst als Ausgleich das Engagement bei der Schweizer Sektion von Amnesty International, wo ich mich in den 70er- und 80er-Jahren als Koordinatorin für die Freilassung von sowjetischen Gewissensgefangenen einsetzte. Als einige Dissidenten dann aus der Sowjetunion in den Westen ausgebürgert wurden, haben wir sie zu Konferenzen eingeladen; sie berichteten über die Haftbedingungen im Gulag, ich übersetzte und machte Interviews für die Schweizer Presse. So fing ich an, als Journalistin zu arbeiten. Diese Unerschrockenen waren meine Helden, und ich konnte dazu beitragen, dass ihr Schicksal bekannt wurde. Ich hatte mein Volk verloren, aber die Welt gewonnen.

Wie wichtig ist für Sie die Schweizer Identität?
Brežná: Man gibt endlich zu, was längst sichtbar ist: dass die Schweiz ein Einwanderungsland ist. Doch ich vermisse einen neuen Gesellschaftsvertrag. Wir – Einheimische und Einwanderer – müssen darüber diskutieren und gemeinsam aushandeln, was für ein Land wir uns wünschen. Diese Debatte findet nicht statt, es gibt nur den alten Streit zwischen den Linken und den Rechten. Es heisst immer noch so funktionell abschätzig: Die sollen sich an unsere Regeln halten. Wie soll man da eine Schweizer Identität entwickeln? Viele Talente unter den Einwanderern werden nicht genutzt, die Schweiz bleibt gefangen in ihrer Vergangenheit. Auch die weit­verbreitete Unbeliebtheit von Hochdeutsch, also einer verbindenden Sprache, erschwert den Einwanderern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich ­spreche Hochdeutsch, doch da viele Deutschschweizer ihre eigene Landessprache als nicht zu ihnen gehörig empfinden, werde ich immer wieder ausgegrenzt. Das ist absurd.

Sie verlangen ein Recht auf Fremdheit. Was heisst das?
Brežná: Für die Heldin in meinem letzten Roman «Die undankbare Fremde», der von der Emigration in die Schweiz handelt, ist das Recht auf Fremdheit ein Menschenrecht, das heisst, so zu sein, wie sie ist, und zu ihrer Hybridität zu stehen. Ich besetze in meinem Buch das ­negative Wort Fremdheit positiv, zum Beispiel als Verweigerung der Assimilation, die man damals von den Einwanderern gefordert hatte. Die Einbürgerungsbeamten fragten unsere Nachbarn: Wenn Sie dieses Fräulein sehen, denken Sie, es sei eine Schweizerin? Aber nein, sagten sie. Das Problem der Schweiz ist ihr Dünkel, als wäre sie ein auserwähltes Land. Es herrscht die Vorstellung, wenn man in die Schweiz einwandert, dann hat man glücklich zu sein. In einer Demokratie muss man nicht glücklich sein, nur in einer Diktatur ist das Pflicht. Und ausserdem: Wie kann ein Flüchtling sofort glücklich sein?

Wann wurden Sie eingebürgert?
Brežná: Erst nach 19 Jahren, denn ich war verheiratet mit einem Deutschen, und in der Schweiz konnte man sich nur als Familie einbürgern lassen. Nach der Scheidung liess ich mich zusammen mit meinen beiden Söhnen einbürgern, aber der Antrag wurde zuerst abgelehnt. Erst nachdem mir ein Dutzend Kollegen aus Schweizer Medien eine «gelungene Assimilation» bestätigt hatten, klappte es.

Haben Sie Interesse, Schweizer zu werden, Herr Hamza?
Hamza: Wenn ich für immer hier leben würde, dann könnte ich mir das überlegen. Aber ich kann jetzt nicht sagen, mein Ziel sei, Schweizer zu werden. Vieles hängt von der Lage in Syrien ab.

Würden Sie dorthin zurückkehren?
Hamza: Ja.

Was fehlt Ihnen am meisten?
Hamza: Ich vermisse mich in Syrien. Dort war ich ein anderer Mensch, hatte eine andere Wahrnehmung, andere Meinungen, eine andere Lebensweise.

«Die Schweiz war für mich kalt und unbegreiflich. Ich sah keine Zukunft.»Irena Brežná

Wie steht es bei Ihren Landsleuten um den Wunsch nach Heimkehr?
Hamza: Die meisten Flüchtlinge würden nach Syrien zurückkehren, wenn der Krieg vorbei wäre. Klar, für manche ist Europa ein Kontinent der Träume. Aber viele Syrer sind enttäuscht, sobald sie in Europa angekommen sind. Denn sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Sie wissen, dass das Geld nicht auf der Strasse liegt. Sie wollen arbeiten. Aber sie können nicht den Beruf ausüben, den sie gelernt haben, weil ihre Diplome nicht anerkannt werden. In der Schweiz ist das besonders schlimm. So bleiben nur zwei Arbeitsmöglichkeiten übrig: Betreuer in einem Asylsuchendenheim oder Übersetzer in einem Migrationsamt. Das ist auch das, was ich in der ersten Zeit gemacht habe.

Die Flüchtlingskrise verunsichert sehr viele Menschen in Europa. Verstehen Sie das?
Hamza: Ich kann nachvollziehen, dass es ein Problem ist, wenn so viele Flüchtlinge in kurzer Zeit nach Europa kommen. Eine Obergrenze ist wohl unvermeidlich. Man darf allerdings nicht vergessen, dass der Westen mitverantwortlich ist für die Lage in Syrien. Amerikaner und Europäer haben sich politisch und militärisch eingemischt. Sie haben es in einer Weise getan, die alles nur noch schlimmer gemacht hat. Ist der ­Islamische Staat verschwunden? Ist ­Assad weg? Es gibt nur zwei Möglich­keiten: Entweder man mischt sich nicht ein, oder man mischt sich richtig ein.

1968: Das jähe Ende des «Prager Frühlings». Foto: Bettman Archive, Getty Images

Besonders die osteuropäischen EU-Staaten tun sich schwer damit, Flüchtlinge aufzunehmen. Warum?
Brežná: Das offizielle Mittelosteuropa benimmt sich furchtbar. Ich kritisiere das in meinen Kolumnen in der grössten slowakischen Zeitung «SME». Dabei berichte ich auch über die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland und der Schweiz. Die Reaktionen können heftig ausfallen. In der Slowakei wird von der Mehrheit der Islam abgelehnt, dabei gibt es dort nur 3000 Muslime und keine einzige Moschee. Die populistischen Politiker in Ungarn, Polen, Tschechien und in der Slowakei schüren diese Ängste in der Bevölkerung zusätzlich. Die Isolation während des Kommunismus rächt sich. Man will das Dogma der homo­genen Gesellschaft nicht aufgeben und weigert sich, in der Moderne anzukommen. Aber es gibt auch dort Menschen, die ihren Regierungen gegenüber kritisch eingestellt sind und sich solidarisch mit den Flüchtlingen zeigen.

Selbst in einem Einwanderungsland wie der Schweiz gibt es Ängste. Die grösste Partei betreibt eine flüchtlingsfeindliche Politik. Was macht der SVP Angst?
Brežná: Ich kenne keine SVP-Wähler. Und wenn ich mir die ebenfalls aus der Slowakei stammende SVP-Nationalrätin Yvette Estermann anschaue, die es mit einer fremdenfeindlichen Haltung und einem Image als angeblich vorbildliche Einwanderin schaffte, ins Parlament zu kommen, dann schäme ich mich fast.

Ängste vor dem Fremden zu haben, ist doch völlig normal.
Brežná: Normal allerdings nur als atavistischer Reflex. Der Mensch hat die Fähigkeit, diese Abwehr zu überwinden.

Deutschland zeigte sich sehr gastfreundlich. Trotzdem sind grosse Teile der Bevölkerung jetzt verunsichert und wehren sich gegen eine zu offene Flüchtlingspolitik. Haben Sie dafür kein Verständnis?
Brežná:Wenn die Sorge um das Wohl der Gesellschaft Rassismus ist oder sich in der pauschalen Ablehnung von Muslimen zeigt, dann habe ich kein Verständnis dafür und muss es auch nicht haben.

Die Mehrheit der Flüchtlinge wird hierbleiben. Sie müssen sich also rasch integrieren. Einverstanden?
Hamza: Das Wort Integration verstehe ich nicht, wirklich nicht. Viele Leute benutzen dieses Wort, ohne zu wissen, was es bedeutet. Wenn ich jemanden frage, bekomme ich entweder keine Antwort oder ganz verschiedene Antworten. Ich kann verstehen, dass ein Staat Integration verlangt, was auch immer das sein mag, etwa zuerst die Sprache lernen, danach eine Arbeit suchen. Okay, das kann man so machen. Aber es wäre sinnvoll, das Wort Integration zu definieren, damit wir wissen, wovon wir sprechen.
Brežná: Ich möchte nicht, dass die Alteingesessenen mir vorschreiben, wie integriert ich sein soll. Ich will mitbestimmen über diesen Begriff. Unter einem zu starken Integrationsdruck riskiert man einen psychischen Zusammenbruch, da sich die alte Identität nur allmählich transformiert. Ein Kulturschock ist nicht harmlos. Weder Assimilation noch ­Integration sind realistische Konzepte. Aber es gibt ja noch die Partizipation. Doch wie sollte diese aussehen? Wir brauchen eine Bestandesaufnahme der Gesellschaft und den Entwurf einer Zukunftsvision des Einwanderungslandes Schweiz unter Mitwirkung von allen.

Erstellt: 16.08.2016, 07:41 Uhr

Geflohen vor autoritären Regimes

26. Februar 1950

Irena Brežná wird in Bratislava, Tschechoslowakei, geboren. Sie wächst in Trencín auf.

1968

Sie macht Abitur in Bratislava gerade als in der Tschechoslowakei Reformkommunisten um Alexander Dubcek an der Macht sind. Der Aufbau eines «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» scheitert am Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings am 21. August 1968 emigriert Brežná mit ihren Eltern in die Schweiz und lässt sich in Basel nieder.

1975

Lizentiat in Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Basel. Brežná arbeitet als Psychologin bei Forschungsinstituten in Basel und München, als Russischlehrerin sowie Dolmetscherin. Sie setzt sich in der Schweizer Sektion der Amnesty International für die Freilassung von sowjetischen politischen Gefangenen ein.

1980

Beginn ihrer Tätigkeit als deutschsprachige Journalistin und Schriftstellerin. Veröffentlichungen in schweizerischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften und im Rundfunk.

31. Dezember 1984

Blend Hamza wird als Kind kurdischer Eltern in Hassake (al-Hasaka) im Nordosten Syriens geboren.

Brežná berichtet aus Guinea, wo das kommunistische Regime fällt. Später schreibt sie das Kinderbuch «Biro und Barbara» zusammen mit dem Guineer Alpha Oumar Barry (1989).

1987

Brežná erhält das Schweizer Bürgerrecht.

1989

Der Eiserne Vorhang in Europa fällt. Brežná schreibt in den folgenden Jahren literarische Reportagen über die Transformation der Länder Ost- und Mittelosteuropas. Sie wird in Bern mit dem Preis gegen Rassismus geehrt.

1992

Brežná erhält den «Emma»-Journalistinnen-Preis. 2001 bekommt sie den Preis zum zweiten Mal.

1993

Die Familie Hamza emigriert – aus beruflichen Gründen des Vaters – nach Katar.

1996

Brežná berichtet u.a. für das «Tages-Anzeiger»-Magazin über den ersten Tschetschenienkrieg. Ihre Kriegsreportagen erscheinen im Sammelband «Die Wölfinnen von Sernowodsk» (1997) und «Die Sammlerin der Seelen» (2003). Sie engagiert sich an der Seite von tschetschenischen Menschenrechtlerinnen, tritt mit ihnen im Westen auf, gründet hier Gruppen mit.

1999

Während des Kosovo-Krieges arbeitet Brežná im Schweizerischen Roten Kreuz in Basel und für ihre Reportage darüber erhält sie den Zürcher Journalistenpreis (2000).

2002

Hamza kehrt aus Katar nach Syrien zurück. Er beginnt das Studium der Zahnmedizin an der Universität von Damaskus.

Brežná erhält für ihr Porträt einer Tschetschenin den deutschen Theodor-Wolff-Preis.

2004

Der kurdischstämmige Hamza wird im Zusammenhang mit einem Kurdenaufstand verhaftet. Er muss eine Woche im Gefängnis verbringen.

2007

Hamza promoviert in Kinderzahnmedizin in Damaskus. Danach arbeitet er als Assistent an der dortigen Universität sowie in einer Gemeinschaftspraxis.

2008

Brežná veröffentlicht ihren Roman «Die beste aller Welten» über eine Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei.

Hamza wird für einen Monat inhaftiert. Er hatte einen Dokumentarfilm über die arabische Sprache realisiert, der von den Behörden als arabischfeindlich taxiert wurde.

2011

Der Arabische Frühling erreicht Syrien. Das Assad-Regime lässt friedliche Demonstrationen brutal niederschlagen. Das ist der Auslöser des Bürgerkriegs. Hamza engagiert sich als Aktivist und nimmt an Demonstrationen teil. Im Juli kommt er für vier Tage in Haft.

2012

Brežná veröffentlicht ihr neuntes Buch «Die undankbare Fremde». Der Roman über die Erfahrungen von Migranten und Flüchtlingen wird mit dem Schweizer Literaturpreis und später in der Slowakei mit dem Dominik Tatarka-Preis ausgezeichnet. Sie schreibt wieder in ihrer Muttersprache für slowakische Medien.

Im Mai 2012 wird Hamza erneut verhaftet und für eine Woche ins Gefängnis gesteckt. Ende 2012 flüchtet Hamza von Damaskus via Istanbul in die Schweiz.

2013

Nach zwei Monaten im Asylzentrum Ried-Muotathal (SZ) reist Hamza nach Schweden und danach nach Grossbritannien – und er wird im April in die Schweiz abgeschoben.

2014

Im Januar wird Hamza als Flüchtling anerkannt. Die folgenden eineinhalb Jahre arbeitet er als Betreuer und Büromitarbeiter in einem Asylzentrum im Kanton Zürich.

2015

Im Sommer bekommt Hamza einen Studienplatz an der Universität Zürich. Der in Syrien ausgebildete Zahnmediziner muss in der Schweiz drei Studienjahre absolvieren, damit er hier praktizieren kann.

2016

Das slowakische Fernsehen dreht einen Dokumentarfilm über Brežná, der am 17. November 2016, dem Jahrestag der Samtenen Revolution ausgestrahlt werden soll.

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