Das Rentnerdorf der Schweiz

In Riehen bei Basel hat die Zukunft der Schweiz bereits begonnen – jeder dritte Einwohner ist über 65.

Die Gemeinde Riehen ist «age friendly»: Sie hat sich ganz auf die Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren ausgerichtet. Karikatur: Felix Schaad

Die Gemeinde Riehen ist «age friendly»: Sie hat sich ganz auf die Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren ausgerichtet. Karikatur: Felix Schaad

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Es surrt, die Zugtüren klappen zur Seite, das Trittbrett fährt aus: nahtlos an die Perronkante heran. Höchstens ein Blatt Papier liesse sich dazwischenschieben. Fahrgäste mit einem Rollator oder im Rollstuhl können mühelos aufs Perron hinübergleiten. Sie können auch ungehindert den kleinen Park beim Bahnhof queren, dank abgeschrägten Randsteinen die Strassen. Holprig wird es erst auf dem neuen Gemeindeplatz – nicht wegen Stufen oder Kanten, sondern wegen des gepflegten Kopfsteinpflasters.

Willkommen in Riehen, der Gemeinde der schrägen Randsteine und platten Treppen. Riehen ist eine «age friendly city», eine altersfreundliche Gemeinde; sie hat sich ganz auf die Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren ausgerichtet. Was der Schweiz erst bevorsteht, ist hier Realität: Riehen hat schon heute einen so hohen Altersquotienten, wie ihn die Schweizer Durchschnittsgemeinde voraussichtlich im Jahr 2049 erreicht: Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen 49 über 65-Jährige.

Silversurfer am Computer

Wo haben sie es besser? Heinz von Arx (77) steht nur zwei Minuten vom Dorfplatz entfernt auf einem Spazierweg. Die Kirchenglocken schlagen, Vögel pfeifen, in der Ferne beackert ein Traktor das Feld. Der Ökonom arbeitete 25 Jahre für Ciba-Geigy in der ganzen Welt, vor fünf Jahren hat er sich in Riehen niedergelassen. Er fand hier alles, was er suchte: eine schöne Wohnung, Ruhe, Kultur, die Fondation Beyeler etwa. Und: Er ist schnell in Deutschland, schnell in Frankreich, schnell in Basel, schnell im Grünen. Von Arx zeigt auf den nächsten Hügel: Er liegt bereits in Deutschland, daneben beginnt Frankreich. Während des Gesprächs ist er an den Wegrand gewichen. Alle paar Minuten sausen Velofahrer vorbei, viele paarweise, wenige allein. Sie tragen kurze Hosen, unter den Velohelmen wächst graues Haar heraus.

Das ganze Dorf wurde nach Hindernissen für Gehbehinderte abgesucht.

2012 startete die Gemeinde das Projekt «Leben in Riehen – 60plus». Die Bevölkerung war aufgerufen, Vorschläge für ein «gelingendes Alter» einzubringen, und aus einer Flut von Post-it-Zetteln wurden 33 Massnahmen herausgefiltert: Das ganze Dorf wurde nach Hindernissen für Gehbehinderte abgesucht, Sitzbänke wurden montiert. Die Senioren bekamen in der Lokalzeitung eine Spezialseite, und am Wochenende, wenn der Kleinbus nicht fährt, werden sie kostenlos von einem Ruftaxi gefahren.

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Aus den Post-it-Zetteln ging auch die Idee für die Silversurfer hervor – Senioren, die von Heinz von Arx und einem Informatiker im Ruhestand lernen, sich im Internet zu bewegen. Jeweils montags sitzen sie mit ihren iPads im Gemeindehaus, recherchieren im Netz, diskutieren über Apps und schreiben Mails. Nach einem Jahr sind es bereits hundert Surfer – 90 Prozent sind Frauen. Von Arx sagt, das habe nichts mit ihm zu tun, und lacht. Aber in seinem Briefkasten findet er immer wieder kleine Aufmerksamkeiten. Den hohen Frauenanteil erklärt er damit, dass es mehr ältere Frauen als Männer gibt – und dass sie weniger Angst haben, sich zu blamieren.

Bild: Reto Oeschger

Heinz von Arx hat eine Strategie, wie er Ältere dazu bringt, sich auf den Computer einzulassen: Er will über das Erlebnis die Begeisterung am Surfen wecken und den Nutzen aufzeigen. Ältere, deren Aktionsradius immer kleiner wird, können ihn virtuell wieder ausdehnen. Als vor zwei Jahren eine Poststelle durch eine Agentur ersetzt wurde, war der Protest heftig; die verbliebene Stelle lag ausserhalb der Reichweite vieler Senioren. Heute lernen sie, wie sie Onlinezahlungen tätigen können – und was mit E-Finance-Log-in gemeint sein könnte.

Am geschäftigsten ist Riehen an diesem Morgen zwischen Migros und Café Brändli. Vor allem rüstige Seniorinnen pendeln zwischen den Geschäften, mit Einkaufswagen und Bequemschuhen. Am Nachmittag tauchen vermehrt Senioren mit einem Rollator auf: der Schritt tastend, die Beine steif, der Körper gebeugt. Andere gehen am Arm einer weniger Älteren, oder sie sitzen in elektrischen Rollstühlen, wie sie hier manchmal vor Hauseingängen stehen. Die Gehgeschwindigkeit hat sich über Mittag entschleunigt, das graue Haar ist erbleicht.

Bild: Reto Oeschger

Annemarie Pfeifer, Riehener EVP-Gemeinderätin, spricht von 65-Plus-ern und 80-Plus-ern. «Die Jüngeren können wir mitnehmen», sagt sie. Sie sollen sich nicht zurückziehen, sondern sich integrieren – in die Vereine, ins tägliche Leben. Die 80-Plus-er hingegen sollen mit allem versorgt werden, was sie zum Leben brauchen. Die Gemeinde hat es sich zur Aufgabe gemacht, Angehörige zu unterstützen, die Pflegebedürftige zu Hause betreuen, etwa mit Selbsthilfegruppen oder Entlastungsaufenthalten in Heimen. Gleichgültig, mit wem man in Riehen spricht, früher oder später fällt das Wort Durchmischung. Auch bei den Silversurfern sind Jugendliche dabei. Sie helfen bei technischen Problemen.

Die Zuzüger sind alt geworden

Die Betagten sind nicht nach Riehen gekommen – sie sind geblieben: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Basler das beschauliche Bauerndorf an ihrer Seite entdeckt, und so erlebte es viel früher als andere Gemeinden einen Wachstumsschub: Allein bis 1960 ist die Bevölkerung von 7700 auf 18 000 Personen gewachsen. Wer bei der Basler Chemie einen guten Posten hatte, baute am Hang ein Haus, wenn es ein sehr guter Posten war, eine Villa. Wie eine Bugwelle hat die Gemeinde ihr stärkstes Alterssegment vor sich her geschoben, und heute ist es die Gruppe der über 90-Jährigen, die am stärksten wächst.

Und die Jungen? «Mir ist lange gar nicht aufgefallen, dass hier mehr Ältere leben als andernorts», sagt David Pavlu (19), Präsident der Jungfreisinnigen Basel-Stadt. Erst als er Unterschriften zu sammeln begann, fielen ihm die vielen tiefen Jahrgänge auf den Bögen auf. Manchmal hat ihm ein Bürger triumphierend gesagt: «Nicht wahr, einen so tiefen Jahrgang haben Sie noch nicht.» Benachteiligt fühlt sich Pavlu nicht: «Die Gemeinde tut auch viel für uns Junge.»

Riehen kann sich das leisten. Die Gemeinde hat eine Handvoll sehr guter Steuerzahler, darunter Roche-Chef Severin Schwan. «Vieles kostet aber gar nicht so viel», wirft Annemarie Pfeifer ein. So tut Riehen einiges, damit Ältere möglichst lange zu Hause bleiben können. Weil sie das so wollen. Die Gemeinde profitiert aber auch, wenn ein Betagter zu Hause wohnt statt im Heim, wo ein Platz die Gemeinde mehrere Tausend Franken pro Monat kostet. So rät Pfeifer: «Es lohnt sich, vorauszuschauen. Wenn man kurzfristig denkt, kann sich das rächen.» Ihrer Meinung nach geht in Zeiten knapper Finanzen ohnehin etwas Wichtiges gerne vergessen: «Betagte sind wertvolle Menschen. Sie haben die Schweiz zu dem gemacht, was sie ist. Sie haben das Recht, in Würde zu altern.»

Pflegeheime bauen aus

Trotz der guten Infrastruktur wird Riehen nicht von Älteren überrannt; die Mieten sind in der steuergünstigen Gemeinde höher als in Basel. Es ist jedoch eine Binnenwanderung in Gang: Die Älteren am Hang oben, denen der Unterhalt von Haus und Garten zu viel wird, ziehen ins Dorf runter. Dort stehen allein Pflegebedürftigen 300 Plätze zur Verfügung, und die Heime schaffen im forschen Tempo mehr: Im Altersspital Adullam etwa wird demnächst ein Trakt mit 50 Betten eröffnet. Derweil ziehen am Hang oben junge Familien in die frei gewordenen Häuser, junge Familien ziehen auch in die Genossenschaftswohnungen in der Ebene. Und während die Schweizer Durchschnittsgemeinde immer älter wird, verjüngt sich Riehen wieder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2017, 20:55 Uhr

Die Vorboten einer betagten Schweiz

Alte Steinhäuser kleben in Corippo am Hang, und alt sind im denkmalgeschützten Dorf im Verzascatal nicht nur die Häuser: 2015 wohnten hier 13 Menschen, 8 von ihnen waren über 65 Jahre alt. Die kleinste Schweizer Gemeinde ist Spitzenreiterin einer Gruppe von 72 Kommunen, die schon heute mindestens einen so hohen Anteil an Rentnern aufweisen wie die Schweiz im Jahr 2045. Ihr Altersquotient liegt gemäss Bundesamt für Statistik bei mindestens 48,1. Das heisst, auf 100 Erwerbstätige kommen 48 Personen über 65 Jahre.

Die Gründe für das hohe Durchschnittsalter sind vielfältig. Laut Joachim Schöffel, Professor für Raumplanung an der Hochschule für Technik Rapperswil, lassen sich alternde Gemeinden grob in drei Gruppen einteilen:

Die meisten Gemeinden mit einem hohen Anteil älterer Einwohner sind Corippo strukturell ähnlich. Sie liegen in den südlichen Bergkantonen Tessin, Wallis und Graubünden oder im Kanton Jura. Und sie sind relativ klein. Weil viele Junge abwandern, steigt das Durchschnittsalter der Zurückbleibenden.

In die zweite Kategorie fallen die Agglomerationsgemeinden im Mittelland, die in den 1970er-Jahren stark gewachsenen sind. Riehen BS, die mit über 20'000 Einwohnern grösste Gemeinde der Gruppe, sei dafür ein Paradebeispiel, sagt Schöffel. «Die Babyboomer leben allein in den Häusern, die sie früher mit ihren Kindern bewohnten.» Auch die steuergünstige Gemeinde Zumikon ZH zählt zu dieser Kategorie.

An Schweizer Seen und anderen bevorzugten, oft stadtnahen Lagen haben sich regelrechte Altersresidenzen entwickelt. Lage und Wohnangebot lassen auf eine eher vermögende Einwohnerschaft schliessen. So finden sich um den Schweizer Teil des Lago Maggiore gleich sieben Gemeinden mit einem hohen Anteil Älterer. Paradebeispiel ist Ascona: Dort sind viele Ferienwohnungen zu Alterswohnungen geworden. Auffällig ist auch die Region um den Thunersee. Hier sind sechs Gemeinden stark überaltert, darunter das beschauliche Oberhofen.

«Die Schweiz ist ein liberales Land», sagt Schöffel. Es herrsche die Meinung vor, dass eine Wohnung plus Spitex reichen müsse. Die öffentliche Hand müsse keine weiteren Leistungen sicherstellen. Dabei gebe es bei einer alternden Bevölkerung durchaus Handlungsbedarf: Auf dem Land fehle es älteren Leute oft an genügend Einkaufsmöglichkeiten und Ärzten. In der Stadt und der Agglomeration wird mancherorts Wohnraum schlecht genutzt – etwa, wenn eine Witwe allein in einer grossen, aber nicht altersgerechten Wohnung lebt. Ein Umzug ist oft uninteressant; viele Ältere haben lange in einer Wohnung gelebt, und entsprechend tief sind die Mieten.

In beiden Fällen – fehlende Infrastruktur in Randgebieten, schlecht genutzter Wohnraum in Städten und Agglomerationen – müsse in Personal und Projekte investiert werden, fordert Schöffel. Das sei aber meist schwierig umzusetzen: «Jugendarbeiter sind vielerorts etabliert. Manche Gemeinden brauchten aber auch Altersarbeiter.»

(Tages-Anzeiger)

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