«Das Tessin droht zum Katalonien der Schweiz zu werden»

Der Südkanton fühle sich seit Jahrzehnten nicht verstanden von der Restschweiz, sagt der Politologe Oscar Mazzoleni. Ein Nein zur zweiten Gotthardröhre würde den Regionalismus fördern.

Die Idylle trügt – das Tessin fühlt sich nicht wahrgenommen: Blick auf Lugano.

Die Idylle trügt – das Tessin fühlt sich nicht wahrgenommen: Blick auf Lugano.

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Bei der Abstimmung zur zweiten Gotthardröhre geht es für viele Tessiner Unternehmen um die Existenz: In der Leventina fürchten die Firmen, dass ihr Geschäft zum Erliegen käme, wenn die Verkehrsader durch den Gotthard für Jahre gekappt würde. Das hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet heute in einer Reportage aufgezeigt. Würde das Volk am 28. Februar die zweite Röhre ablehnen – und das Tessin damit nach Lesart vieler Tessiner vom Rest der Schweiz abschneiden –, dann würde dies im Südkanton als neuster Beweis für das Desinteresse des übrigen Landes gewertet. Das sagt der Tessiner Politologe Oscar Mazzoleni, der ein Buch zum Tessiner Sonderfall verfasst hat. Er ist Professor an der Universität Lausanne.

Dieses Gefühl, in Bundesbern nicht wahrgenommen und verstanden zu werden, habe in den letzten 25 Jahren zur Herausbildung eines «spezifischen Regionalismus» geführt, so Mazzoleni. Seit der Gründung der Lega dei Ticinesi 1991 werde die politische Debatte im Tessin von diesem Regionalismus geprägt, und ausnahmslos alle wichtigen Parteien würden ihn gleichermassen kultivieren, beobachtet der Politologe. Grundlage dafür sei die sprachliche und geografische Einzigartigkeit des Kantons.

«Ein Quartier von Mailand»

Auch die Deutschschweiz nimmt von diesem Phänomen regelmässig Notiz – vornehmlich dann, wenn im Tessin zum Erstaunen der Restschweiz die Grenzen zwischen links und rechts verschwimmen. So haben sich zum Beispiel auch die Tessiner Grünen für die Zuwanderungsinitiative der SVP ausgesprochen. Und der Kanton hat in einer Standesinitiative erfolglos die Kündigung des Grenzgängerabkommens mit Italien gefordert – Urheberin des Anliegens war die Tessiner FDP.

Gerade in den Standesinitiativen manifestiere sich der Tessiner Regionalismus deutlich, sagt Mazzoleni. Ein gutes Dutzend dieser kantonalen Anliegen hat das Tessin allein in den letzten sechs Jahren in Bern vorgebracht – ausnahmslos alle wurden vom Parlament abgeschmettert. «Alle zielten darauf ab, dass der Bund die Spezifität des Tessins anerkennt», so Mazzoleni.

Doch was macht diese Spezifität aus? «Die Situation des Tessins lässt sich mit keiner anderen Region der Schweiz vergleichen. Wir sind quasi ein Quartier von Milano. Von der Schweiz dagegen trennen uns die Alpen. Das hat weitreichende Folgen», antwortet der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano ohne Zögern. Den 330'000 Einwohnern des Tessins stünden rund 10 Millionen in der Lombardei gegenüber. 60'000 Italiener kämen Tag für Tag als Grenzgänger in die Schweiz zur Arbeit. «Wir sind der grösste Arbeitgeber der Lombardei», sagt Romano.

Gleichzeitig sei die Kommunikation mit Italien im Unterschied zu Deutschland und Frankreich erschwert, weil dort neben der Wirtschaft auch die politischen Institutionen schwächelten. «Und das wird in Bern einfach nicht verstanden.» Denn während die Tessiner diesen Druck aus Italien täglich spürten, erhalte man aus der Restschweiz lediglich das Signal, es laufe ja alles gut.

Statt mehr Kohäsion mehr Abschottung

Das eigene Territorium verteidigen zu müssen – genau dieses Gefühl nähre den Tessiner Regionalismus, sagt Mazzoleni. Es liege nicht nur der politischen Diskussion zum Arbeitsmarkt zugrunde, sondern eben auch jener zur Sicherheit, der Raumplanung, den Beziehungen zur EU und dem Transportwesen. Eigentlich strebe das Tessin als periphere Region nach mehr nationaler Kohäsion, aber weil seine Probleme in Bundesbern zu wenig ernst genommen würden, geschehe genau das Gegenteil: «Das Tessin droht zum Katalonien der Schweiz zu werden.» Mit dieser Provokation zielt Mazzoleni auf ein Umdenken: «Das Tessin will mehr Schutz, mehr Unterstützung. Solange es in Bundesbern aber wie jeder andere Kanton gesehen wird, wird das nicht geschehen.»

Die Lösung für eine bessere Einbindung in die Restschweiz sieht Romano in einem Tessiner Bundesrat. «Wir sind seit 17 Jahren nicht mehr in der Regierung. Nur wer die Situation im Tessin aus eigener Erfahrung kennt und die Sprache beherrscht, kann richtig mit Italien verhandeln.» Und wenn es schon kein Bundesrat sein soll, dann doch wenigstens eine bessere Vertretung in der Bundesverwaltung, findet Romano. In Bezug auf die Regierung widerspricht Mazzoleni: Auch in der Amtszeit des letzten Tessiner Vertreters Flavio Cotti bis 1999 habe sich der heutige Regionalismus entwickelt. «Ein Bundesrat kann sich nicht nur um kantonale Anliegen kümmern.»

Erstellt: 19.01.2016, 17:57 Uhr

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