Das Tröpfchen Wehmut

Marie-Theres von Gunten ist die bekannteste noch lebende Komponistin von Jodelliedern. Sie selber bezeichnet sich als Traditionalistin, aber gerade in traditionellen Kreisen eckt sie immer wieder an.

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Die heile Welt, es gibt sie wirklich. Wenn Marie-Theres von Gunten auf die Terrasse tritt, blickt sie in ein Panorama, das Ferdinand Hodler hätte malen können. Die Chalets, die hoch über dem Thunersee wie Schwalbennester am Beatenberg kleben, haben liebliche Namen und unkrautfreie Blumenbeete. «Wenn ich vor dieser heilen Welt die Augen verschliesse», sagt von Gunten im Angesicht der imposanten Bergkulisse, «dann bin ich doch arm dran.»

Grenzgängerin im Trachtengewand

Marie-Theres von Gunten ist die bekannteste lebende Schweizer Komponistin von Jodelliedern. An den letzten drei Eidgenössischen Jodelfesten wurden von keinem Komponisten so viele Lieder vorgetragen wie von ihr; dieses Wochenende in Interlaken wird die verstorbene Jodlerlegende Adolf Stähli für einmal wieder die Nase vorn haben. Aber daran hat die bald 60-Jährige nicht zu kauen, am Eidgenössischen wird sie ohnehin omnipräsent sein. Ihre drei Chöre treten auf, im offiziellen Festakt dirigiert sie ein Lied, sie jodelt im Duett und Terzett, sie tritt in der SF-Sendung «Hopp de Bäse» auf, sie amtet als eine von 70 Juroren – und ihre neue grosse Komposition wird zur Aufführung kommen: eine Jodlermesse. Interpretiert von ihren zwei renommierten Chören Geuensee und Wäber-Chörli sowie dem Organisten Wolfgang Sieber.

Die Jodlermesse passt ins Schaffen von Marie-Theres von Gunten. Sie ist eine Grenzgängerin im Trachtengewand, eine Traditionalistin, die für frischen Wind gesorgt hat – ohne dass sie je den Anspruch gehabt hätte, eine Revoluzzerin zu sein. «Sie hat viele Neuerungen in die Jodelszene gebracht», sagt eine, die es wissen muss: Nadja Räss, die innovativste Jodlerin der Schweiz. Und die Oberländerin Barbara Klossner, eine weitere bekannte junge Jodlerin, die sich an Unkonventionelles wagt, meint: «Was ihre Kompositionen auszeichnen, sind ihre Perfektion und die wunderschönen Melodien – diese sind nicht so berechenbar, nicht so naiv wie viele andere Jodellieder.»

Sie schafft zwei Lieder pro Jahr

Wenn es um ihre Rolle als Frischluftlieferantin der Jodelszene geht, wird von Gunten einsilbig. «Meine Lieder sind nicht viel anders als andere», meint sie. Ihre Kompositionen bedürften eines guten Stimmumfangs – vielleicht wurzle darin ihr Ruf. Hochtrabende Einschätzungen mildert sie lieber ab. Als Musikerin möchte sie sich nicht bezeichnen, eher als «Hobby-Musikerin». Schliesslich komponiere sie pro Jahr im Schnitt nur zwei Lieder. Alleine ihre Auszeichnungen zeichnen aber ein anderes Bild: Sie war für den Prix Walo nominiert und erhielt 2006 den Goldenen Violinschlüssel, die höchste Auszeichnung der Volksmusik.

Während sie auf der anderen Seite des Brünigs eine unbestrittene Grösse ist, eckt die gebürtige Luzernerin im Bernbiet in stark traditionalistischen Kreisen an. In der Volksmusik gilt der Kanton Bern als konservativ – konservativer als die Innerschweiz. Fürs ganze Bernbiet gelte dies aber nicht, sagt von Gunten, die vor über 30 Jahren ihre alte Heimat verlassen hat. «In gewissen Tälern im Berner Oberland herrscht die Angst vor, zu modern zu werden.» Eine Angst, die von Gunten nicht kennt – daher begleitet sie etwa die Erneuerungsbemühungen von Nadja Räss mit Wohlwollen. «Wenns gut ist, muss doch niemand Angst haben.»

Wenns um die Inhalte eines Jodelliedes geht, bleibt von Gunten aber beim Bewährten: Jodellieder handelten hauptsächlich von den positiven Seiten des Lebens. Ein Lied über Umweltverschmutzung kann sie sich schlecht vorstellen. Und so werden in von Guntens Kompositionen gerne die Blumen, der Frühling oder das liebliche Glockengeläut besungen. Der Kummer, die Sorgen, das Leiden, sie kommen darin aber auch vor. Zumindest tröpfchenweise. «Wenn man Lieder schreibt, dann kann man sich den Psychiater sparen», findet von Gunten. Das Motto im Stück «Heb s Chöpfli uf!» taucht sinngemäss in vielen Texten wieder auf: «Heb s Chöpfli uf, tue d Ouge uf! Lueg s Schöni a und fröi di dra!»

Kein Geld für Musikunterricht

Die Verse stammen meist aus der Feder des älteren Bruders. Sein Name taucht in den Liederbüchlein nicht auf, als Sekundarlehrer blieb er lieber ungenannt, inzwischen ist er aber pensioniert. Zusammen teilten sie eine bescheidene Kindheit als Bauernkinder am Baldeggersee. Von den zehn Kindern durfte nur das älteste ein Instrument lernen – für mehr als zehn Musikstunden auf der Handorgel reichte das Geld aber nicht.

Am Sonntag gabs eine Musigstubete im Wohnzimmer, der Vater begleitete die Kinder auf dem Örgeli. Marie-Theres war die Jüngste und brachte sich das Jodeln selber bei. Gerne wäre sie nach der obligatorischen Schulzeit ins Lehrerseminar gewechselt, was der Vater verwehrte: «Eine Ausbildung für ein Mädchen wurde als verschwendetes Geld angesehen.» Ihr Mann habe ihr später vieles ermöglicht, neben dem Haushalt habe sie Zeit für die Musik gefunden. Aber ein Konservatorium, das hätte sie schon gerne besucht, sagt sie und blickt hinunter auf den atemberaubend grünblauen Thunersee – in dem in diesem Moment auch ein Tröpfchen Wehmut schwimmt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2011, 22:11 Uhr

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