Was den Schweizern viel mehr Angst macht als das Klima

Das neue Sorgenbarometer zeigt, warum das Vertrauen in Politik und Wirtschaft auf einem Tiefstand ist – und welche Themen die Menschen bewegen.

Demonstrieren gegen die Umweltverschmutzung: Klimademo in <nobr>St. Gallen</nobr>. Foto: Keystone

Demonstrieren gegen die Umweltverschmutzung: Klimademo in St. Gallen. Foto: Keystone

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Altersvorsorge, Gesundheit und Ausländer: Diese drei Themen bereiten den Schweizerinnen und Schweizern aktuell am meisten Kopfzerbrechen, wie das neue Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt. Im Vergleich zum letzten Jahr bleibt die Spitze des Rangliste damit unverändert – dahinter gibt es allerdings einige Verschiebungen.

Beinahe die Hälfte der Befragten macht sich Sorgen um die AHV. Fragt man die Schweizerinnen und Schweizer nach dem am dringendsten zu lösenden Problem, ist die häufigste Antwort ebenfalls die Altersvorsorge. Dahinter folgt das Thema Umweltschutz und Klimawandel, das lange nur eine Minderheit der Menschen in der Schweiz beschäftigte, aber jetzt ein Revival erlebt.

Nachdem sich das Interesse an der Umwelthematik zwischen den Jahren 2000 und 2016 nahezu halbiert hat, steigt es seither wieder stark an. Letztes Jahr kehrte das Thema erstmals wieder unter die Top-5 der grössten Sorgen zurück. Dieses Jahr hat es – angetrieben von der medial sehr präsenten Debatte rund um den Klimawandel – nochmals zugelegt und liegt neu mit 29 Prozent an vierter Stelle der Rangliste.

Leicht zugenommen hat auch die Angst vor Arbeitslosigkeit, die mit 26 Prozent auf Rang fünf liegt. Allerdings spricht die langfristige Entwicklung eine andere Sprache: Seit 2010 hat das Problem fast kontinuierlich an Bedeutung verloren. Beobachteten damals über drei Viertel der Schweizer die Lage auf dem Arbeitsmarkt mit Sorge, ist es heute nur noch gut ein Viertel. Die viel diskutierte Angst vor einem baldigen Stellenverlust aufgrund der Digitalisierung ist nicht auszumachen.

Auch andere Themen haben an Dringlichkeit verloren. Flüchtlinge und das Asylwesen beschäftigen die Leute nicht mehr so stark. Die Bankenkrise scheint sogar ganz in Vergessenheit geraten zu sein und ist nicht einmal mehr in den Top-20 der Rangliste vertreten.

Zugenommen hat dagegen die Sorge um die persönliche Sicherheit, und zwar stärker als alle anderen. Mit einem Plus von 11 Prozentpunkten liegt sie neu auf Rang sechs. Spannend ist auch die Entwicklung beim Thema Gesundheit und Krankenkasse, das die Schweizer um die Jahrtausendwende mit Abstand am meisten bewegte. 2001 gaben fast zwei Drittel der Befragten an, dass ihnen die Kosten grosse Sorge bereiteten. Dann verloren Gesundheitsfragen immer mehr an Bedeutung, bevor sie wieder stark zulegten auf aktuell 41 Prozent.

Die Bevölkerung erwartet von der Politik Lösungen für die dringendsten Probleme des Landes, ist laut dem neuen Sorgenbarometer aber enttäuscht. So sind 46 Prozent der Befragten der Meinung, Regierung und Verwaltung versagten oft in entscheidenden Dingen. 2017 war dieser Wert noch halb so hoch. 83 Prozent meinen, «der Bundesrat muss seine Führungsrolle besser wahrnehmen» und 68 Prozent finden, «das Parlament muss wieder mehr Kompromisse suchen».

Neben der Führungsschwäche der Exekutive bemängeln viele auch einen generellen Reformstau. Die Folge davon ist ein deutlicher Vertrauensverlust gegenüber fast allen Schweizer Institutionen.

Am stärksten an Vertrauen eingebüsst haben gegenüber dem Vorjahr die Kirchen, gefolgt von der EU und der Wirtschaft, die in den letzten Jahren viel Kredit eingebüsst hat. 41 Prozent der Befragten finden, die Wirtschaft versage oft in entscheidenden Dingen. Eine Mehrheit fordert mehr Freiräume und weniger Bürokratie.

In die Medien und die Politik vertrauen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ebenfalls viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Vor allem das Image von politischen Parteien hat arg gelitten. Mehr als drei Viertel der Befragten sehen die «sinkende Fähigkeit der Politik, für tragfähige Lösungen zu sorgen», sogar als grösste Gefahr für die Schweizer Identität.

«Die Abnahme des Vertrauens in die politischen Akteure ist bemerkenswert.»Manuel Rybach, Credit Suisse

Eine deutliche Mehrheit wünscht sich deshalb einen Bundesrat, der seine Führungsrolle verstärkt wahrnimmt und ein Parlament, das tragfähige Kompromisse findet. «Dies kann als klarer Auftrag für die kommende Legislatur verstanden werden», sagt Manuel Rybach, der bei der Credit Suisse für Politik und öffentliche Angelegenheiten zuständig ist. Die Abnahme des Vertrauens in die politischen Akteure sei bemerkenswert und wohl auf die Tragweite der ungelösten Herausforderungen zurückzuführen.

«Es ist eine gewisse Politikverdrossenheit auszumachen», sagt auch Lukas Golder vom Forschungsinstitut GFS Bern, welches das Sorgenbarometer seit 1995 für die Credit Suisse erstellt. «Im Vergleich zum Ausland vertrauen die Schweizer ihrer politischen Exekutive aber immer noch überdurchschnittlich.» 51 Prozent stehen hinter dem Bundesrat, während die jeweilige Regierung in OECD-Ländern durchschnittlich nur 43,4 Prozent Support geniesst.

Positiv ist auch, dass ein Grossteil der Befragten die eigene wirtschaftliche Lage unverändert als gut bis sehr gut bezeichnet. Trotzdem sollten sich die politischen Entscheidungsträger anschicken, die Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen und Lösungen zu präsentieren. Sonst könnte das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in die Institutionen weiter einbrechen.

Erstellt: 05.12.2019, 06:59 Uhr

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