Das akademische Störsignal

Der Historiker Thomas Maissen lehnt sich gegen das Geschichtsbild der Schweizer Nationalkonservativen auf und wurde damit zur Zielscheibe von SVP-Chef Christoph Blocher.

Thomas Maissen warnt die Schweiz davor, sich nur «einem einzigen Bergführer» anzuvertrauen. Foto: Gaëtan Bally

Thomas Maissen warnt die Schweiz davor, sich nur «einem einzigen Bergführer» anzuvertrauen. Foto: Gaëtan Bally

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist Basler, er ist Schweizer, und er ist Europäer. Seit über zehn Jahren arbeitet Thomas Maissen (52) nicht mehr in der Schweiz, wo er bis 2004 für die NZZ historische Analysen verfasste. War lange in Heidelberg, als Professor für Neuere Geschichte, ist seit 2013 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris, als erster Schweizer. Und dort sitzt er, in Heidelberg, in Paris, und erklärt aus sicherer Distanz die Heimat.

Er tut das so pointiert, dass er sich innert kürzester Zeit als wichtigster Gegenspieler der Nationalkonservativen und vor allem von Christoph Blocher etabliert hat. Maissen ist das akademische Störsignal in der grossen Geschichtsschlacht der SVP, die im Wahlkampf des Jubiläumsjahr 2015 (700 Jahre Morgarten, 500 Jahre Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress) Ziele von heute mit dem Blutvergiessen von damals erklärt. Maissen macht die SVP wütend. Nicht nur, weil er in seinem neuen Buch «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt» jene Mythen demontiert, mit denen Blocher seinen Kampf gegen Europa legitimiert. Maissen macht die SVP vor allem wütend, weil er für alles steht, was die Volkspartei ablehnt. Er möchte, dass die Schweiz der EU betritt, und macht daraus kein Geheimnis. «Das ist meine persönliche Überzeugung, und mir ist schon klar, dass das heute mancherorts quasi als Landesverrat gilt.»

Maissen ist in den Augen von Blocher (der selber kein Historiker ist) jene Sorte von Gelehrten, die sich die Auflösung des eigenen Landes wünschen, heimatmüde und unpatriotisch seien. Die «Schweiz abschaffen», so nannte es Blocher in seiner Replik auf die Arbeit von Maissen im «Blick». Dabei schwang mit, was bei Blocher immer mitschwingt, wenn jemand seine Meinung nicht teilt: Maissen, der Unschweizer.

Maurer und Blocher widerlegt

Den Geschichtsprofessor ficht das nicht weiter an. Die Kritik von Christoph Blocher sei alt. Während der Reformation reklamierten Katholiken wie Reformierte für sich, die «richtigen Schweizer» zu sein, im 19. Jahrhundert taten es die Liberalen ebenso wie die Konservativen. Wer annehme, es gebe genau eine richtige Art, Schweizer zu sein, habe den Kern dieses Landes nicht begriffen, sagt Maissen. «Es ist diese Unterstellung, die unschweizerisch, unföderalistisch und undemokratisch ist.» Die Strategie der Konservativen sei offensichtlich: Es gebe entweder ihr Bild oder das falsche Bild.

Angriffsfläche für die Konservativen bietet der Historiker durchaus. Er hat über den Umgang der Schweiz mit nachrichtenlosen Vermögen publiziert («Verweigerte Erinnerung») und ein Standardwerk zur Geschichte der Schweiz verfasst, das diese nicht als «Sonderfall» zeichnet. Sein neues Buch versteht er als «Handreichung für das politische Streitgespräch», die einzelnen Kapitel beginnt Maissen jeweils mit einem Zitat von Christoph Blocher oder Ueli Maurer – das er danach am aktuellen Forschungsstand spiegelt (und so widerlegt). Im Schlusswort geht er so weit, vor dem «einzigen Bergführer» zu warnen. Geschichtsbilder und gemeinschaftliche Normen gingen aus öffentlichen Debatten hervor, aus politischem Streit. «Skeptische Vorsicht gebietet daher, dass sich das Land nicht nur einem einzigen Bergführer anvertraut, der in stolzer Selbstüberschätzung behauptet, man könne durch den Nebel hindurchsehen, wenn man nur standhaft rückwärts schaue.»

Für einen Wissenschaftler sind das erstaunlich politische Aussagen. Geschrieben hat Maissen das Buch, weil er nicht mehr länger zusehen wollte, wie die SVP das Feld der Schweizer Geschichte beherrscht. In einem solchen Moment habe man als Historiker zwei Möglichkeiten: zu schweigen, um sich nicht der Unterstellung auszusetzen, die eigenen Resultate zu instrumentalisieren. Oder zu handeln und sich als ­Bürger an der Diskussion über die Zukunft des Landes zu beteiligen.

Dass er sich damit der Kritik aussetzt, ist Maissen bewusst. Vor allem nach den zwei vergangenen Wochen, in denen er so prominent durch die Schweizer Medien gereicht wurde. Dabei greifen seine Gegner nicht die historische Forschungsarbeit von Maissen an – er wird stattdessen auf sein Bekenntnis zur EU reduziert. «Von einem kritischen Historiker würde man erwarten, dass er selber nicht auch eine politische Agenda verfolgt, wenn er im Namen der historischen Wahrheit spricht», hat der St. Galler Rechtsfreisinnige Konrad Hummler in seiner letzten Kolumne in der «SonntagsZeitung»geschrieben. Bei Maissen sei er sich da nicht so sicher, habe dieser doch schon mehrfach versucht, «der Schweiz die Annäherung an Brüssel, ja die Selbstaufgabe zu verklickern».

Glücksfall für den Wahlkampf

Dass Maissen und die gesamte Debatte über die Schweizer Geschichte im Moment so präsent sind, sagt auch einiges über den Wahlkampf aus. Viel stärker als angenommen rücken Fragen der Identität ins Zentrum. Rechts ist das wenig erstaunlich: Für Blocher ist der Kampf um die Unabhängigkeit zentral, es ist seine Mission. Darum setzt die SVP im Wahljahr 2015 zuerst auf ihre Völkerrechts­initiative und hat die Asylinitiative bis auf weiteres verschoben.

Links hingegen schien es noch vor wenigen Monaten, dass man das Thema Heimat um jeden Preis vermeiden möchte. In den vergangenen Wochen hat die SP ihre Taktik geändert. Nicht nur Bundesrat Alain Berset spricht wenn immer möglich über die eigene Geschichte als Fingerzeig in die Zukunft (und vertritt dabei eine sehr konziliante Haltung), auch Parteipräsident Christian Levrat scheint über nichts anderes mehr nachzudenken als die historischen Wurzeln des Bundesstaates. So gestern, als er sich über die SVP enervierte, «die die feudale Schweiz von 1315 einer freiheitlichen Schweiz von 1848 vorzieht und unser Land abschotten und isolieren will».

Der Wahlkampf 2015: ein Kampf um die richtige Schweiz, ausgetragen auch in einer akademischen Diskussion um richtige Geschichtsbilder. Dass in einem solchen Moment jemand wie Thomas Maissen so aktiv in die Debatte eingreift, ist ein Glücksfall. Denn Maissen mag zwar eine politische Haltung haben, ­zuerst aber ist er: Historiker.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2015, 20:36 Uhr

Artikel zum Thema

Bundesrat Berset ruft streitende Historiker zur Mässigung auf

Im Jubiläumsjahr 2015 streiten Linke und Rechte um das richtige Bild der Schweiz. SP-Bundesrat Alain Berset möchte vermitteln. Mehr...

Eine Woche Streit

Noch selten wurde in der Schweiz während einer Woche so intensiv über Geschichte diskutiert. Welche Schweiz wir wollen? Das ist von Tag zu Tag verschieden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Leisten Sie sich den schönsten Ort der Welt

Der Erwerb und die Finanzierung von Wohneigentum sollen gut überlegt sein. Darum unterstützt die Migros Bank Sie dabei.

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...