Das böse Tram nach Deutschland

Die Basler Verkehrsbetriebe bieten auch dieses Wochenende Extrakurse für Einkaufstouristen nach Weil am Rhein an – und ernten dafür heftige Kritik. Die SBB verzichten auf zusätzliche Züge nach Konstanz.

Seit Dezember fährt das Basler 8er-Tram nach Weil am Rhein. Das Tram ist bei Einkaufstouristen nicht erst seit dem Euro-Entscheid der Nationalbank äusserst beliebt.

Seit Dezember fährt das Basler 8er-Tram nach Weil am Rhein. Das Tram ist bei Einkaufstouristen nicht erst seit dem Euro-Entscheid der Nationalbank äusserst beliebt. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Kaum zwei Wochen war die neue Tramlinie ins deutsche Weil am Rhein alt, da war es den Ersten schon zu viel. «Zieht dem 8er-Tram den Stecker!», hiess es in einer Kolumne in der «Basler Zeitung» Es sei kaum auszuhalten in diesem Tram voller «schlecht angezogener Schnäppchenjäger». An einen Sitzplatz sei selbst ausserhalb der Stosszeiten kaum zu denken, aber weitaus prekärer seien die Einkaufswagen der «kinderreichen Kopftuchträgerinnen», die «bis zum Anschlag mit Hammelfleisch» gefüllt seien und über deren Räder man ständig zu stolpern drohe.

Wenig später wurde die Politik aktiv. In einer parlamentarischen Interpellation fragte SVP-Grossrat Joël Thüring die Regierung, warum die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) das Neubad-Quartier so schmählich im Stich liessen. Denn dort, am anderen Ende der 8er-Linie, spürte man den Erfolg der neuen Tramlinie besonders stark. Seit der Eröffnung im Dezember war der Andrang auf das Tram derart gross, dass die BVB regelmässig Fahrgäste an den Haltestellen stehen lassen mussten. Die Folge waren Staus, Verspätungen und verärgerte Basler: Um den Fahrplan nicht vollends durcheinanderzubringen, wendete das 8er-Tram oft schon am Bahnhof und fuhr nicht mehr bis ins Neubad-Quartier.

Unpatriotisches Verhalten

Seit einer Woche, seit dem Entscheid der Nationalbank, ist alles anders. Als Reaktion auf den stärkeren Franken kündigten die BVB an, den Takt nach Deutschland zu verdoppeln. Auch diese Woche werden am Samstagnachmittag doppelt so viele Trams nach Weil am Rhein fahren, um den Einkaufstouristen einen Sitzplatz anbieten zu können. Ein Entscheid, der schlecht ankommt. Nun wird den BVB unpatriotisches Verhalten vorgeworfen. Die BaZ nennt es den «BVB-Affront».

Vor allem im Gewerbe wird der Entscheid der Verkehrsbetriebe nicht verstanden. Diese Woche verlangte Gabriel Barell in den lokalen Medien, die zusätzlichen Kosten für den ausgebauten Trambetrieb den deutschen Nachbarn zu überwälzen. Seit Jahren stünde der Gewerbeverband hinter dem Tram und dem öffentlichen Verkehr, «aber irgendwann hat jede Solidarität Grenzen», sagt Barell. An jedem Heimspiel des FC Basel stehe er, der Gewerbedirektor, in einem überfüllten Tram: «Hier scheinen die BVB kein Problem zu haben.» Die Verkehrsbetriebe sollten besorgt sein, auch für die Bürger in der Stadt etwas zu tun. «Nicht nur für jene, die aus der Stadt hinauswollen.» Barbara Gutzwiller, Direktorin des Basler Arbeitgeberverbands, findet es «daneben», dass die BVB zusätzliche Kurse für Einkaufstouristen anbieten. In ihre Kritik schliesst sie auch die SBB mit ein, die am vergangenen Wochenende ihre Kurse von Zürich nach Konstanz mit zusätzlichen Wagen verstärkte. Betriebswirtschaftlich möge das Sinn machen, sagt Gutzwiller, volkswirtschaftlich sicher nicht: «In beide Unternehmen fliessen Steuergelder. Was BVB und SBB machen ist unanständig.»

Der Leistungsauftrag

Bei den BVB hat man nur wenig Verständnis für die Kritik aus dem Gewerbe. Man sei weder eine politische Behörde, noch würde man den Wechselkurs bestimmen, sagt BVB-Mediensprecherin Dagmar Jenny. «Wir haben einen Leistungsauftrag und müssen Massnahmen ergreifen, um diesen Auftrag zu erfüllen.» Für dieses Wochenende rechnet sie mit einem noch grösseren Ansturm auf den 8er. Die Leute hätten Zeit gehabt, sich auf den Eurokurs einzustellen und ausserdem sei eben Zahltag gewesen. Ob die BVB den Takt auch in Zukunft verdichten werden, sei noch unklar. «Wir werden das von Woche zu Woche überprüfen.»

Politisch verantwortlich für den Betrieb der Tramlinien ist das Basler Amt für Mobilität. Dessen Leiter, Alain Groff, hält den Entscheid der BVB nicht für heikel. «Heikel wäre es gewesen, wenn die BVB im Wissen um den grossen Andrang nichts unternommen hätte.» Es sei die Aufgabe der BVB, Engpässe zu erkennen und zu beseitigen. Offen zeigt sich Groff bei der Finanzierung des zusätzlichen Angebots. In der Leistungsvereinbarung zwischen Basel und Weil am Rhein werden die Betriebskosten für das Tram von der Schweizer Seite bezahlt – im Gegenzug finanziert Weil eine Buslinie nach Basel. Das sei bisher eine pragmatische Lösung gewesen. Wenn sich nun herausstellen sollte, dass der Andrang auf die Linie so hoch bleibe, müsse man selbstverständlich über die künftige Teilung der Kosten reden.

SBB verzichten

Nicht mehr mit solchen Problemen müssen sich die SBB auseinandersetzen. Am zweiten Wochenende nach dem Entscheid der Nationalbank verzichten die Bundesbahnen auf zusätzliche Züge nach Konstanz. Auch die SBB mussten sich einige Kritik anhören. «Mit subventionierten Extrawagen animieren die SBB zum Shopping-Ausflug», beklagte sich Hansjörg Brunner, der Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands, in der «Thurgauer Zeitung». Der Verzicht auf zusätzliche Wagen an diesem Wochenende habe aber andere Gründe, heisst es auf der SBB-Medienstelle. Die Nachfrage nach Konstanz habe nicht im erwarteten Masse zugenommen, deshalb brauche es dieses Wochenende keine Verstärkungswagen mehr. Aber: «Wir werden die Nachfrage nach Konstanz weiterhin im Auge behalten. Denn: Unabhängig vom Anlass wollen wir möglichst allen Kunden einen Sitzplatz anbieten.»

Erstellt: 21.01.2015, 16:42 Uhr

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