Das geheimnisvolle Leben der Waldmenschen

Der Angreifer von Schaffhausen rückt die Waldmenschen wieder ins Zentrum. Wer entscheidet sich freiwillig für ein Leben fern der Zivilisation?

«Chrütli» ist wohl der bekannteste Waldmensch der Schweiz: Der 46-Jährige wohnt seit über drei Jahren im Berner Bremgartenwald. Foto: Franziska Rothenbühler

«Chrütli» ist wohl der bekannteste Waldmensch der Schweiz: Der 46-Jährige wohnt seit über drei Jahren im Berner Bremgartenwald. Foto: Franziska Rothenbühler

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«Waldmenschen? Hier?», fragt ein Mann, der jeden Tag mit seinem Hund die Sihl entlangläuft. Dahinter, im Dickicht, nur wenige Meter neben dem Fussgängerweg in der Zürcher Allmend, haben sie sich während Wochen niedergelassen: zwei bis drei Männer in einem roten Zelt. Der Hündeler kann es kaum glauben, dass ihm dies verborgen blieb. «Ein merkwürdiges Gefühl» sei es. «Hoffentlich haben sie keine Motorsägen dabei.»

Die Verbindungen zu Franz W. sind dieser Tage schnell gemacht: ein Waldmensch als potenzielle Gefahr für die Bevölkerung. Der inzwischen verhaftete Mann, der am Montag in Schaffhausen mit einer Kettensäge mehrere Menschen verletzte, lebte zuletzt in einem Waldabschnitt im Zürcher Weinland. «Einfach möglichst weit weg von den Menschen», soll W. wenige Monate vor seiner Tat einem Bündner Hotelier gesagt haben.

Ein untypischer Waldmensch

Franz W. war zuletzt Waldmensch – aber ein untypischer. «Wir sprechen von Obdachlosen, und jene, die wir kennen, verhalten sich friedlich», sagt Christian Fischer, Betriebsleiter des Teams Sicherheit Intervention Prävention (SIP) der Stadt Zürich. Seine Leute besuchen auf ihren Patrouillen Obdachlose, darunter auch solche, die im Wald wohnen, wenn sie Kenntnis über deren Standorte haben. Sie seien grundsätzlich scheu, sagt Fischer, so auch die Waldmänner von der Allmend – denn Männer sind es fast immer. Begegne man ihnen jedoch mit einem offenen Ohr, hätten sie interessante Geschichten zu erzählen: «Dann werden sie plötzlich gesprächig», sagt Fischer.

Die SIP hat zurzeit Kenntnis von rund fünf Männern, die sich in Zürichs Wäldern aufhalten. Sie geht aber von einer Dunkelziffer aus, die höher ist. «Es sind Existenzen, die selbst gewählt am Rande der Gesellschaft leben», erklärt Fischer. Oftmals hätten sie Sozialängste, der fortwährende Austausch mit anderen Menschen sei für viele kaum auszuhalten. «Werden sie entdeckt, wechseln sie meistens den Standort.» So auch die Männer im Sihltal: Nur eine Feuerstelle, ein paar Plastikbecher und Zigarettenstummel zeugten gestern von ihrer Anwesenheit. Wo die Männer jetzt sind, ist nicht bekannt.

Lieber Knast als Busse

Obdachlose, die in der Natur leben, sind nicht zwingend öffentlichkeitsscheu. Martin Wyss, den alle nur «Chrütli» nennen, ist der zurzeit bekannteste Waldmensch der Schweiz. Zahlreiche Fernsehteams und Zeitungsreporter hat der 46-Jährige in seiner Wald-WG im Berner Bremgartenwald empfangen, wo er seit über drei Jahren wohnt. Sein Sendungsbewusstsein wurde ihm und seinen Mitbewohnern zum Verhängnis. Die Staatsanwaltschaft, durch die Medienberichte auf das illegale Camp aufmerksam geworden, stellte ihn vor die Wahl: 800 Franken Busse oder acht Tage Haft. Die Männer gingen ins Gefängnis.

Heute leben sie, dem illegalen Status zum Trotz, weiter im Bremgartenwald. Ihre Lebensart scheint viele zu begeistern. Gross ist die Unterstützung, die die Waldmenschen aus der Öffentlichkeit erfahren. Ihre Facebook-Seite «Lebenskünstler Bremgarten» zählt fast 1000 Anhänger. Namhafte Politiker grüssen «Chrütli», wenn er gelegentlich durch Bern schlendert. Dieser fühlt sich offenbar wohl in seiner Rolle als Freizeitphilosoph und erteilt Tipps an die Gesellschaft: «Die Leute sollen sich auf das Menschsein besinnen und mehr im Einklang mit der Natur leben. Wir hoffen, einigen Menschen mit unserer Lebensweise die Augen geöffnet zu haben», sagte er im Dezember dem «Bund».

Der Waldmensch als Vorbild in einer reizüberfluteten Gesellschaft? Monika Christen warnt davor, das Leben im Wald zu romantisieren. Die Projektleiterin der Pfarrer-Sieber-Institution Pfuusbus kommt gelegentlich mit Waldmenschen in Kontakt. «Sie kommen bei uns vorbei, um sich aufzuwärmen oder eine Mahlzeit einzunehmen.» Die Obdach­losigkeit sei nur bedingt selbst gewählt: «Sie leben draussen, weil sie nicht mehr anders können.» Hinter der Fassade der Naturburschen stünden nicht selten geknickte Existenzen. Menschen, die meist mehrere Schicksalsschläge erleiden mussten.

«Einem der Zürcher Waldmenschen ist die Frau weggestorben», sagt Christen. Es sei gleichzeitig sein Abschied aus der Zivilisation gewesen. Seit vier Jahren wohne er im Wald, unfähig, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Einige hätten ein Drogenproblem, das Körpergefühl gehe bei manchen verloren.

Eine Meldepflicht gegenüber der Polizei besteht nicht

Andere wiederum seien sehr gepflegt und äusserlich kaum zu unterscheiden von einer gesellschaftlich integrierten Person, sagt Monika Christen. Für die meisten gelte: «Wer sich an das Leben draussen gewöhnt hat, der kommt in der Regel nicht mehr zurück.» Ausser, man zwinge sie dazu.

Vor drei Jahren wurde erstmals der psychische Zustand von Obdachlosen in der Schweiz untersucht. Die Studie der Psychiatrisch-Psychologischen Poliklinik der Stadt Zürich ist alarmierend: 96 Prozent der untersuchten Personen leiden an mindestens einer psychischen Krankheit. Trotzdem halten es soziale Institutionen wie der Pfuusbus oftmals für richtig, die Obdachlosen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen zu lassen. Eine Meldepflicht gegenüber der Polizei besteht nicht. Die Verantwortung der Sozialarbeiter liege darin, zu erkennen, ob die Situation noch tragbar sei, sagt Christen – für das Umfeld wie die Anwohner, für Verwandte und für die Obdachlosen selbst.

Auch die Präventionsfachleute der Stadt Zürich drücken oftmals ein Auge zu: «Wir empfehlen den Leuten lediglich, in die Notschlafstelle zu gehen», sagt SIP-Betriebsleiter Fischer. Wenn bei einer Person die Gefahr auf Fremd- oder Selbstgefährdung bestehe, ziehe man den Notarzt herbei. Manchmal werde die Polizei eingeschaltet.

Sich unsichtbar machen

Die Toleranz schützt die Personen nicht vor Strafen. In Zürich kann die Polizei für das illegale Campieren im Wald eine Ordnungsbusse von 80 Franken ausstellen. Eher werde jedoch die SIP eingeschaltet, um mit den Obdachlosen nach einer Lösung zu suchen, heisst bei der Stadtpolizei. Allzu genau scheint die Polizei nicht in den Wald zu blicken: «Uns sind zurzeit keine Personen bekannt, die im Wald leben», sagt Polizeisprecher Michael Walker.

Doch vielleicht sind Waldmenschen einfach nur schwer zu entdecken. Viele dieser Personen hätten eine ausgesprochene Fähigkeit dafür, sich unsichtbar zu machen, sagt SIP-Betriebsleiter Fischer. In der Waadt sorgte ein Fall für Aufsehen, der letztes Jahr publik wurde: Am Waldrand der Gemeinde Lutry hauste ein Pärchen in einer Jurte: 27 Quadratmeter Wohnfläche und 3,50 Meter hoch. Trotz der stattlichen Grösse der Behausung blieben die beiden während vier Jahren unbemerkt. Dann erstattete ein Förster des Kantons Anzeige – und das Paar musste den Platz räumen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 06:13 Uhr

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