«Das geht in Richtung Lügendetektor»

Nicht nur in Luzern, auch in Zürich werden bei IV-Bezügern Hirnscans durchgeführt. Patientenschützerin Margrit Kessler fordert nun einen wissenschaftlichen Nachweis für die Zuverlässigkeit dieser Tests.

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Durch neuropsychologische Tests und Hirnstrommessungen sollen in Luzern IV-Betrüger identifiziert werden. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt die Zürcher Sozialversicherungsanstalt SVA, dass Hirnstrommessungen auch bei der Zürcher IV-Stelle in Gutachten einfliessen können. Anders als in Luzern werden dort die Hirnstrommessungen aber nur von externen Gutachtern durchgeführt, nicht vom regionalen ärztlichen Dienst der IV-Stelle selbst. Die Zahl dieser Untersuchungen ist nicht erfasst worden, teilt die Kommunikationsverantwortliche der SVA Zürich mit. Nur so viel: «Ergänzende Hirnstrommessungen zur Validierung von neuropsychologischen Tests werden von externen Fachärzten selten eingesetzt.»

Auch in St. Gallen basiere die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person «in wenigen Einzelfällen unter anderem auf einem solchen Verfahren», wie der Sprecher der SVA St. Gallen mitteilt. Wie in Zürich werden diese Tests von externen Gutachtern durchgeführt.

Geld sparen statt Patienten helfen

Die IV-Stelle Luzern untersuchte in 60 Fällen die Ableitung von Hirnströmen und liess Patienten unter Zeitdruck Denk- und Leistungstests durchführen. Dabei habe sich Folgendes gezeigt: «Es gibt nicht nur etliche Leute, die eine psychische Erkrankung übertreibend darstellen oder vortäuschen, es gibt ebenso welche, die untertreiben», wie der Direktor der Luzerner IV-Stelle, Donald Locher, gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag» sagte. Sowohl in Luzern als auch in Zürich teilen die IV-Stellen mit, die Tests würden nur als Ergänzung zu anderweitigen Abklärungen verstanden.

Auf Skepsis stossen die neuen Methoden bei der Patientenschützerin Margrit Kessler. «Das geht in Richtung Lügendetektor. Bevor man jemandem anhand eines solchen Screenings die Rente kürzt, muss eine gross angelegte Studie belegen, dass die Tests zuverlässig sind.» Eine solche sei ihr nicht bekannt, sagt Kessler. Suspekt seien ihr die Tests auch deshalb, weil sie «nicht dazu angewendet werden, um dem Patienten zu helfen, sondern um Geld zu sparen». Kessler geht davon aus, dass durch dieses Verfahren mehr Personen Fürsorgeleistungen beziehen müssen.

Zweifel an Zuverlässigkeit

Auch Nationalrätin Bea Heim (SP, SO) steht den Tests kritisch gegenüber. «Meinen Informationen zufolge kann man Krankheitsbilder wie Schizophrenie, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen mit Hirnstrommessungen gar nicht diagnostizieren», sagt die Gesundheitspolitikerin, die in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) einsitzt. Dafür werde jeder Betroffene durch den Test unter einen Missbrauchsverdacht gestellt und seiner Perspektive auf eine begleitete Reintegration in den Arbeitsmarkt beraubt, sagt Heim.

Doch nicht bei allen Mitgliedern der SGK stossen die Hirnstrommessungen auf Ablehnung. Gegenüber 20min.ch spricht SVP-Nationalrat Jürg Stahl von einem enormen präventiven Effekt. Und SGK-Präsident Guy Parmelin (SVP, VD) sagt zum gleichen Medium: «Jede Methode, dank der Betrug effizient und auf korrekte Art und Weise bekämpft werden kann, sollte nach sorgfältiger Überprüfung einheitlich schweizweit eingeführt werden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 18:37 Uhr

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