Das gute Erwachen

Und hier ein Lob auf jene, die keiner lobt, solange er sie nicht braucht, und es auch dann vergisst.

Macht der Anästhesist einen guten Job, kommt man meistens nicht mehr dazu, ihm zu danken. Foto: TA-Archiv

Macht der Anästhesist einen guten Job, kommt man meistens nicht mehr dazu, ihm zu danken. Foto: TA-Archiv

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Eben noch mit dem Anästhesisten über New York geredet, die angeregte Diskussion wird von ihm beiläufig dadurch unterbrochen, dass er einem eine Atemmaske gibt, wenig später wird man beim Namen gerufen und realisiert: Die Operation ist vorbei, bevor sie angefangen hat. Ermattet liegt man unter den Laken, wird durch die Gänge geschoben, sieht die Lichtvierecke an der Decke, hört die Pflegerinnen miteinander lachen, eine Tür wird aufgestossen, man wird ins Krankenzimmer gebracht, allgemeine Abteilung des Triemlispitals mit Blick auf den Uetliberg. Das Wetter ist mürrisch, der Mitpatient hat Besuch.

Und es ist nicht die Morphinspritze, die einen euphorisiert, obwohl die sicher hilft, aber ihre Wirkung lässt nach, und der frohe Eindruck bleibt: mit welcher Aufmerksamkeit man hier als Patient behandelt wird. Während man so daliegt und seiner Heilung entgegendämmert, fällt einem auf, dass keine einzige Person unfreundlich zu einem ist, dass die Ärzte einem erklären, ohne zu dozieren, dass die Pflegerinnen auch am nächsten Tag noch aufgestellt wirken, obwohl sie in Schichten arbeiten, dass schon der Hausarzt kompetent vorbereitet hat auf das, was kommt, auch die Sekretärinnen auf der Abteilung sind hilfsbereit.

Unser Gesundheitssystem, wir wissen es, ist zu teurer. Es gibt viele Dinge, die daran zu kritisieren sind. Es werden auch Fehler gemacht, zu teure Behandlungen verschrieben, immer wieder gibt es Prestigestreitigkeiten zwischen Spitälern, die einem als Laien grotesk vorkommen.

Aber dann, wenn man dieses System an sich selber erlebt, fühlt es sich an wie eine Beziehung. Darum hier ein Lob auf jene, die keiner lobt, solange er sie nicht braucht, und selten lobt, wenn er sie braucht, weil er dann meistens in einem Zustand ist, wo er nicht loben kann. Und nachher zu loben vergisst, wenn es wieder geht und er auch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 23:28 Uhr

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