Das ist der Terrorhelfer, der den Schweizer Pass verliert

Zum allerersten Mal entzieht der Bund einem Doppelbürger das Bürgerrecht. Die Geschichte von Ümit Y. – und wofür er verurteilt wurde.

Eine umkämpfte Erdölraffinerie im Nordirak, wo im Juli 2015 der von Ümit Y. rekrutierte Schweizer Konvertit Ylan B. im Jihad fiel. Foto: Ahmad Al-Rubaye (AFP)

Eine umkämpfte Erdölraffinerie im Nordirak, wo im Juli 2015 der von Ümit Y. rekrutierte Schweizer Konvertit Ylan B. im Jihad fiel. Foto: Ahmad Al-Rubaye (AFP)

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Einem rechtskräftig als Terrorhelfer verurteilten Tessiner entzieht das Staatssekretariat für Migration (SEM) das Schweizer Bürgerrecht. Das ist nur möglich, weil der
35-jährige Ümit Y. ­Doppelbürger ist. Er verfügt noch über die türkische Staatsbür­gerschaft. 2017 war er vom Bundesstrafgericht in Bellinzona in einem abgekürzten Verfahren wegen Verstössen gegen das Al-Qaida- und IS-Verbot zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Davon musste er allerdings nur sechs Monate ­absitzen, der Rest wurde ihm auf Bewährung erlassen.

Noch nicht rechtskräftig

Das SEM könne einem Doppelbürger das Bürgerrecht entziehen, wenn dieser die Sicherheit des Landes gefährde, schreibt das Staatssekretariat in einer knapp gehaltenen Mitteilung. Das SEM hält Ümit Y. offenbar für ein Mitglied einer Terrororganisation, gab aber nicht an, um welche Gruppe es sich dabei handeln soll. Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig, Ümit Y. kann dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einlegen.

 Der Entzug des Passes ist nur bei Personen möglich, die noch über eine zweite Staatsbürgerschaft verfügen.

Es ist dies das erste Mal, dass die Bundesbehörden einen solchen Schritt wagen. Planspiele für den Entzug des Bürgerrechts bei diversen Jihadisten und Terrorsympathisanten gibt es schon seit längerem. Allerdings ist dies nur bei Personen möglich, die noch über eine zweite Staatsbürgerschaft verfügen. Ein denk­bares Beispiel wäre der Genfer ­Jihadist Daniel D., der beim IS gekämpft hat und sich nun in Gefangenschaft kurdischer Milizen in Nordostsyrien befindet. Er hat neben dem Schweizer auch noch das spanische Bürgerrecht. Sollte der SEM-Entscheid gegen
Ümit Y. rechtskräftig werden, ist zu erwarten, dass die Bundesbehörden weiteren Doppelbürgern in der Jihadisten-Szene den Schweizer Pass entziehen werden.

Ümit Y. verkehrte in der berüchtigten Moschee des Luganeser Stadtviertels Viganello und arbeitete bei der inzwischen bankrotten Sicherheitsfirma Argo1. Er hatte gute Kontakte in der ­italienischen Salafisten­szene und versuchte dort, Muslime für den Jihad in Syrien zu mobili­sieren, konkret für die syrische Filiale von al-Qaida.

Auf die Spur des Rekrutierers waren die Schweizer Ermittler laut Medienberichten dank Hinweisen aus Italien gestossen. Dort hatte die Polizei herausgefunden, dass der in Italien lebende zweifache Schweizermeister im ­Kickboxen, Abderrahim Mutaharrik, einen Anschlag im Namen des Isla­mischen Staats in Rom oder im Vatikan plante. Er wollte sich in ­Syrien dem IS anschliessen, wofür er angeblich Ümit Y. kontaktierte. Ausserdem verkehrte ­Mutaharrik, der ­inzwischen in Italien zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde, in der Moschee von Viga­nello. Bekannt wurde er unter anderem auch, weil er mit einem der IS-Flagge nachempfundenen schwarzen Trikot in den Boxring stieg.

Kontakt mit Terroristen

Mutaharrik war allerdings nicht der einzige Terrorist, mit demder türkisch-schweizerische Doppelbürger in Kontakt stand. In Mutaharriks Dunstkreis bewegte sich der «Jihadist aus Lugano», Oussama Khachia, den die Schweiz ausgewiesen hatte. Ihm half Ümit Y. bei der Ausreise via Türkei zum IS nach Syrien. Khachia soll noch 2015 im syrisch-irakischen Kriegsgebiet umgekommen sein.

Bei der Sicherheitsfirma Argo1 rekrutierte Ümit Y. ausserdem einen Arbeitskollegen, den Schweizer Konvertiten Ylan B., der ebenfalls in der Moschee von Viganello betete. Ylan B. hatte erst im November 2014 bei der Sicherheitsfirma angefangen und bewachte Asylheime. Schon nach wenigen Monaten schloss sich der leicht beeinflussbare junge Mann aber dem IS an. Im Juli 2015 kam er bei Kämpfen um die irakische Stadt Baiji und die dortige Erdölraffinerie um. Ümit Y. hatte ihm noch 100 Franken für die Reisekosten zugesteckt und ihn instruiert, wie er in der Türkei mit dem Bus bis zur syrischen Grenze fahren könne.

Es handelte sich bei den Leuten rund um Ümit Y. und die Moschee von ­Viganello um eine veritable ­Jihadisten-Zelle mit Ablegern in Norditalien.

Zu den von Ümit Y. indoktrinierten Moscheegängern von Viganello gehörte ausserdem der 30-jährige Peter G., ebenfalls ein ehemaliger Sicherheitsagent. Der Salafist bedrohte den freien Journalisten und Buchautor Stefano Piazza mit dem Tod – weil sich Piazza in seinen Artikeln mit ­Islamismus und Terrorismus ­beschäftigt. So gesehen, ­handelte es sich bei den Leuten rund um Ümit Y. und die Moschee von ­Viganello um eine veritable Jihadisten-Zelle mit Ablegern in Norditalien. Das Muster erinnert an die Netzwerke rund um andere Schweizer Gotteshäuser, zum Beispiel die Winterthurer An’Nur-Moschee oder die ­Grosse Moschee von Genf.

Dass Ümit Y. mit einer vergleichsweise milden Gefängnisstrafe davonkam, hängt damit zusammen, dass er geständig war und vor Gericht Reue zeigte. Allerdings hinterliess der Prozess in Bellinzona den Eindruck, dass es den Richtern nicht wirklich um die Aufklärung und die Hintergründe des Verbrechens ging, sondern um eine möglichst schnelle und unkomplizierte Verurteilung.

Erstellt: 12.09.2019, 07:16 Uhr

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