«Das ist wie in einem Zoo»

Zwischen Graubünden und dem Tessin soll mit dem Parc Adula der grösste Naturpark der Schweiz entstehen. Der Schriftsteller Leo Tuor kritisiert das Vorhaben und warnt vor einem «Mount Disney».

Das Zervreilahorn südwestlich von Vals ist Teil der Graubündner Adula-Alpen. Foto: Robin Skjoldborg (Getty)

Das Zervreilahorn südwestlich von Vals ist Teil der Graubündner Adula-Alpen. Foto: Robin Skjoldborg (Getty)

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Sie lieben die Natur. Warum sind Sie gegen die Errichtung eines Naturparks?
Ich bin in erster Linie jemand, der als Hirt jahrelang in der Natur gelebt hat und sie respektiert. Hier wird eine Art «Mount Disney» geplant, in dem Natur inszeniert wird. Natur ist für mich spannend, gerade weil nicht alles planbar ist. Im Parc Adula soll jedoch das Gegenteil entstehen: ein durchnormierter Park mit Tieren, die laut Managementplan «ausdrücklich gegenüber dem Menschen weniger scheu sein sollen». Und mit Wanderern, die auf vorgegebenen Routen marschieren müssen.

Die Kernzone mit der Auflage, die Wege nicht zu verlassen, ist klein. Und die meisten Wanderer sind ohnehin auf den Wegen unterwegs.
Deshalb braucht es diese Einschränkungen ja auch nicht. Wir können auf die 400 Seiten Parkreglement ebenso verzichten wie auf die «Rangers», wie die Aufpasser genannt werden. Der Park ist ein unehrliches Projekt. Im Unterland wird er als Naturerlebnis verkauft, im Berggebiet als wirtschaftliches Projekt.

Tatsache ist, dass die Nutzung weiterhin möglich bleibt. Sogar in der Kernzone sind Schafhaltung und Jagd erlaubt.
Ja, aber nur mit massiven Restriktionen. Das Konzept für die Schafhaltung wurde von «Experten» entworfen. Von Schafen scheinen die gar nichts zu verstehen, von Gewohnheitsrechten haben sie nie etwas gehört. Das Ergebnis ist, dass die Vorschriften nicht umsetzbar sind. Die Weideflächen soll auf noch 15 Prozent eingeschränkt werden, jeden Tag muss der Hirt Protokoll führen und sicher­stellen, dass die Tiere nicht höher als 2500 Meter über Meer weiden. Dazu müsste man die Schafe einzäunen, was unmöglich ist. 2,2-Meter-Zäune als Schutz vor dem Wolf werden vorgeschlagen. Das ist wie in einem Zoo.

Der Nationalpark im Unterengadin zeigt, dass ein Park für die Region wirtschaftlich lukrativ sein kann.
Wenn dem so wäre, hätten die Unterengadiner die Erweiterung des Parks nicht mehrmals abgelehnt. 11 Hotels im Unter­engadin sind zum Verkauf ausgeschrieben. Allein in S-chanf wurden in den letzten zehn Jahren vier Hotels geschlossen. Der Planung des Parc Adula standen 5,5 Millionen Franken öffentliche Gelder zur Verfügung. Kommt das Projekt zustande, wird es die Steuerzahler jedes Jahr über 5 Millionen kosten – und ganze 18 Arbeitsplätze werden entstehen. Das ist auf 17 Gemeinden verteilt nichts. Zudem ist die Konkurrenz riesig. Es gibt bereits 16 Pärke in der Schweiz, 4 weitere sind geplant! Andere Ideen braucht das Land.

Was für Ideen denn?
Etwa Architektur- und Kulturtourismus. Oder den Ausbau der Rhätischen Bahn. Wir sind schon ein Park. Wir haben eine intakte Natur, wir haben gegen den Bau des Greina-Stausees hart gekämpft und angeschrieben. Unberührte Natur – einen Männertraum – können wir nicht bieten. Zudem beeinträchtigen Subventionen die Fantasie. Es gibt genug Beispiele in der Surselva, bei denen Private ohne jede Subvention mehr Arbeitsplätze geschaffen haben, als es im Parc Adula je der Fall sein wird.

Ein Park kann Familien und ein breiteres Publikum ansprechen als der Kulturtourismus. Unterschätzen Sie nicht das Potenzial für die von Abwanderung bedrohten Regionen?
Mit dem Park werden übervolle Unterkünfte wie die Terrihütte noch überfüllter. Es bringt nichts, die Greina noch bekannter zu machen. Wir müssen die Leute in die Hotels in den Dörfern bringen, dorthin, wo wir leben und arbeiten. Abwanderung gibt es hier seit Jahrhunderten. Aber immer wieder kommen Menschen zurück mit neuen Ideen. Ich wohne mit meiner Frau und meinen drei Söhnen im Val Sumvitg am Fuss der Greina. Als ich vor zwanzig Jahren kam, lebten drei Menschen hier. Nun sind wir zehn Personen, wovon drei Kinder.

Die betroffenen Dörfer entscheiden demokratisch, ob sie den Park wollen. Was ist daran auszusetzen?
Seit Jahren wird die Bevölkerung einseitig und zum Teil falsch von den Parkpromotoren informiert. Sie finanzierten Podien, auf denen nur Befürworter sitzen. Das ist keine Demokratie. Kantonsangestellte dürfen sich zum Park nur positiv äussern. Sind wir in der Türkei? Die Bündner Regierung bestätigt Schiller: «Graubündner Land, das Athen der ­heutigen Gauner.»

Was werden Sie tun, wenn der Park realisiert wird?
Weiterkämpfen. Meine Bücher hätte ich in einem Park nicht schreiben können. Sie entstanden während der Zeit als Hirt und Jäger. Dieses Umfeld wäre in einem Park zerstört. Das wäre das Ende der ­Geschichten. Aber ich glaube an die Unkorrumpierbarkeit der Bergler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2016, 23:09 Uhr

Leo Tuor

Schriftsteller und Schafhirt

Leo TuorSchriftsteller und Schafhirt
Der 1959 geborene Leo Tuor ist einer der erfolgreichsten und eigenwilligsten rätoromanischen Autoren. Nach dem Philiosophie- und Literaturstudium war Tuor vierzehn Sommer lang Schafhirt auf der Greina. Sein Hauptwerk ist die auch auf Deutsch erschienene Trilogie «Giacumbert Nau», «Onna Maria Tumera» und «Settembrini». Tuor lebt im Val Sumvitg bei Trun. (daf )

Parc Adula

Zwei Kantone, drei Sprachen, 17 Gemeinden

Es ist ein Projekt von beachtlichen Dimensionen: 1230 Quadratkilometer umfasst das Gebiet des geplanten Parc Adula, dessen bekannteste Attraktion die Greina-Hochebene ist. Der Nationalpark im Unterengadin nimmt sich dagegen mit 170 Quadratkilometer bescheiden aus. Der Grossteil des Parc Adula besteht allerdings aus einer sogenannten Umgebungszone. Sie soll als Puffer dienen und kennt keine Nutzungseinschränkungen. Ebenfalls nichts ändern wird sich für den Waffenplatz Hinterrhein, den die Armee als Enklave mitten im Park weiterhin nutzt. Mit Einschränkungen verbunden ist hingegen die Kernzone, die 145 Quadratkilometer umfasst. Dort dürfen sich Wanderer nur noch auf offiziellen Wanderwegen sowie auf Sommer- und Winterrouten fortbewegen, das Mitführen von Hunden ist mit Ausnahme von Hirtenhunden nicht erlaubt, Übernachten im Freien (wie bisher) ebenso wenig. Einschränkungen gibt es auch für Hirten, Jäger und Kristallsucher.

Diese Auflagen sorgen für Kritik. So hat der Zentralvorstand des Schweizer Alpen-Clubs moniert, dass in der Kernzone 5 bis 10 Prozent der heutigen Sommerrouten künftig verboten wären. Die lokalen SAC-Sektionen befürworten hingegen das Projekt, wie Parkdirektor Martin Hilfiker betont: «Der Park wurde mit der Bevölkerung vor Ort geplant. Die Parkordnung ist noch bis zum 1. Februar bei den Gemeinden in der Vernehmlassung.» Anschliessend werden die Rückmeldungen berücksichtigt, bevor im Sommer oder Herbst in den 17 beteiligten Gemeinden über den Park abgestimmt wird. Sagen die Dörfer ja, wird der Park für zehn Jahre betrieben. Danach ist für den Weiterbetrieb eine weitere Abstimmung in allen Dörfern notwendig. Hilfiker ist zuversichtlich, dass in den Gemeinden eine Mehrheit hinter dem Projekt steht. Was geschieht, wenn eine oder mehrere Gemeinden Nein sagen, ist offen. Laut Hilfiker wäre denkbar, dass der Parkperimeter entsprechend verkleinert würde.

Peter Binz, Gemeindepräsident von Medel am Lukmanierpass, spricht von einer positiven Grundstimmung in der Bevölkerung. Er erwartet ein Ja seiner Gemeinde: «Die Chancen überwiegen.» Binz erhofft sich vom Park einen höheren Bekanntheitsgrad der Region, mehr Sommertouristen und dank des Parklabels neue Absatzmöglichkeiten für lokale Produkte. Die Restriktionen in der Kernzone erachtet Binz als minim: «98??Prozent der Wanderer sind ohnehin auf den Wegen unterwegs. Und die Gegend ist bereits jetzt ein Jagdbanngebiet.» Laut Direktor Hilfiker ist auch die Alpwirtschaft kaum betroffen. So habe man die effektiv noch genutzten Weideflächen erfasst. Diese seien weiter zur Beweidung frei. Wenn jemand damit nicht einverstanden sei, könne er dies im Vernehmlassungsverfahren anbringen.
Finanziert wird der Park zu 60 Prozent durch den Bund und zu 20 Prozent durch die Kantone Graubünden und Tessin. Weitere 20 Prozent tragen die Gemeinden, Stiftungen und Sponsoren bei. Auch die Stadt Zürich unterstützt den Park. 2011 hat sie einen einmaligen Beitrag von 20?000 Franken gesprochen. (daf)

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