«Das merkwürdige Bergvolk ist zu Wutausbrüchen fähig»

Die internationalen Medien sind sich einig: Die Schweizer haben sich das weltweit schärfste Aktiengesetz gegeben. «Über Abzocker würden auch Deutsche, Franzosen oder Briten gerne mal den Daumen senken.»

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Kaum waren die ersten Hochrechnungen über das Resultat der Abzockerinitiative bekannt, führten die Kommentatoren weltweit eine spitze Feder.

Sueddeutsche.de: Zu Wutausbrüchen fähig

Der Wutbürger sei ein europaweites Phänomen und jage etablierten Politikern Angst und Schrecken ein. Normalerweise bewege er jedoch wenig, entscheiden würden weiterhin die gewählten Politiker. Nicht so in der Schweiz. Das «merkwürdige Bergvolk» ist laut Sueddeutsche.de zu Wutausbrüchen fähig: «Mit einer deutlichen Mehrheit nahmen die gemeinhin als wertkonservativ und wirtschaftsgläubig geltenden Eidgenossen die sogenannte Abzockerinitiative an und bescherten ihrem Land so potenziell eines der schärfsten Aktionärsrechte der Welt.»

Im Rest Europas geselle sich zum Staunen nun auch Neid: «Über Abzocker in Nadelstreifen würden auch Deutsche, Franzosen oder Briten liebend gerne mal höchstpersönlich den Daumen senken», schreibt die Sueddeutsche.de weiter.

«Frankfurter Allgemeine»: Härtere Zeiten für Manager

«Die Manager in den Schweizer Unternehmen müssen sich auf härtere Zeiten einstellen», schreibt die «Frankfurter Allgemeine» in ihrer Onlineausgabe. Wahrscheinlich ergäbe eine Volksabstimmung gegen Abzocker überall eine ähnlich hohe Zustimmung wie in der Schweiz.

«Das Thema bedient so manche Neidgefühle.» Doch käme in der Schweiz noch dazu, dass es der Wirtschaft über Jahre nicht gelang, die raffgierigen Manager zu zähmen. «Zweistellige Millionensaläre stehen in einem besonders augenfälligen Gegensatz zum Schweizer Selbstverständnis des Masshaltens», schreibt die FAZ weiter.

Spiegel.de: «Linke hofft auf mehr staatliche Regulierung»

«Die Schweiz bekommt eines der schärfsten Aktiengesetze der Welt – per Volksabstimmung», schreibt Spiegel.de. Mit der dritthöchsten Zustimmung, die es je für ein Volksbegehren in der Eidgenossenschaft gab, würden die Managergehälter begrenzt. Nun hoffe die Linke auf mehr staatliche Regulierung der Wirtschaft.

«The Telegraph»: Schlag für internationale Unternehmen

Auch der britische «Telegraph» schreibt, dass die Schweiz nun die weltweit strengsten Kontrollen der Führungskräfte bekomme. Das neue Gesetz zwinge öffentliche Unternehmen, die Aktionäre verbindlich über Vergütungen abstimmen zu lassen. Die Annahme der Initiative sei ein Schlag ins Gesicht all jener internationalen Unternehmen, welche in den vergangenen Jahren ihren Firmensitz in die Schweiz verlegt hätten, um von den tieferen Steuern zu profitieren – unter anderem auch aus Grossbritannien.

BBC News: «Schweizer waren verärgert»

Laut der BBC-Korrespondentin in Bern hätten die milliardenschweren Verluste der UBS und die unzähligen Entlassungen bei Novartis den Ärger über Bonizahlungen an deren Manager geschürt. «Die neuen Massnahmen geben der Schweiz das weltweit strengste Aktienrecht», schreibt die BBC online weiter. Und auch die BBC-Korrespondentin erkennt in Daniel Vasellas 72-Millionen-Entschädigung einen weiteren Antrieb für das wuchtige Ja der Schweizer Bevölkerung.

«New York Times»: Aus persönlichem Kampf Referendum gemacht

Die Annahme der Abzockerinitiative sei ein Triumph für Ständerat Thomas Minder, der aus dem persönlichen Kampf gegen das Swissair-Management ein nationales Referendum gegen gierige Manager machte, schreibt die «New York Times» in ihrer Onlineausgabe. Minders eigenes Geschäft sei selbst fast bankrottgegangen, nachdem die Swissair 2001 gegroundet worden war. Er lieferte Zahnpaste in die Flugzeugkabinen. Kurz davor sei es der Airline aber noch gelungen, 12 Millionen Franken Vorschuss an den neuen Chef Mario Corti zu bezahlen.

«Wall Street Journal»: Modell für Befürworter strengerer Regeln?

Internationale Multis wie Novartis und die UBS würden die Auswirkungen der Initiative wohl am dramatischsten zu spüren bekommen, vermutet das «Wall Street Journal». Dies weil diese Unternehmen hohe Lohnkosten hätten und weil sie ihre Angestellten in der ganzen Welt rekrutieren müssen. Das Finanzblatt sieht die neuen Schweizer Vorschriften gar als mögliches Modell für andere Länder: «Die Entlöhnungsvorschriften in der Schweiz sind strikter als in vielen anderen Ländern und könnten Befürwortern einer strengeren Corporate Governance anderswo als Vorbild dienen.»

«Financial Times»: Strenger als EU-Regeln

Die andere grosse englischsprachige Wirtschaftszeitung, die «Financial Times», stellt die Abzockerinitiative in einen Zusammenhang mit den geplanten Bonibeschränkungen der EU. Diese hätten die Londoner Finanzwelt verblüfft – doch die Schweizer Regelungen gingen nun noch weiter. Die strengeren Regeln hätten bei der Schweizer Bevölkerung nach «hochkarätigen Missgeschicken in der Unternehmenswelt» einen Nerv getroffen.

«The Washington Post»: Wut über goldene Fallschirme

Die Nachricht von Daniel Vasellas 72-Millionen-Abgangsentschädigung habe die öffentliche Meinung gegen die «fat cats» befeuert, urteilt die «Washington Post». «Fette Katzen» werden die mit goldenen Fallschirmen bedachten Manager im englischsprachigen Raum genannt.

Prominent platziert

Auch andere Zeitungen aus den Nachbarländern platzierten das Thema prominent auf ihren Websites. So zum Beispiel «Libération», «Le Monde» und «Le Figaro».

Die liberale Wiener Zeitung «Der Standard» schreibt in ihrer Ausgabe vom Montag: «Das Beispiel der Eidgenossen sollte in Europa Schule machen. Unsere freie Wirtschaftsordnung würde davon profitieren.»

Die französische Wirtschaftszeitung «Les Echos» spricht gar davon, dass die Schweiz «eine echte Revolution» erleben werde. «Sie wird zur Weltmeisterin der Aktionärsdemokratie», schreibt die Zeitung in ihrer Onlineausgabe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2013, 05:27 Uhr

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