Das mögliche Ende einer Ära

In fünf Wochen wird die SVP-Parteileitung neu bestellt. An der Basis bröckelt der Rückhalt für Vizepräsident Blocher.

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In einem sind sich die Präsidenten von zufällig ausgewählten SVP-Ortssektionen einig: Christoph Blocher hat in den letzten Jahrzehnten viel für die Partei geleistet – persönlich und finanziell. Dafür gebühre ihm Dank und Anerkennung. Über seine heutige Rolle scheiden sich hingegen die Geister. Mehrere Sektionspräsidenten wünschen sich, dass Blocher in Zukunft kürzertritt.

Ein Spitzensportler trete im besten Fall auf dem Karrierehöhepunkt ab, sagt Joe Wittlin, SVP-Präsident in Nebiken (LU). Dies gelte auch für Politiker. «Blocher hat den Zenit überschritten», findet Wittlin. Er habe die Abwahl aus dem Bundesrat nicht verdaut. Seither schluckten etliche im Bekanntenkreis immer wieder leer wegen Blochers Auftreten, zuletzt in der Affäre Hildebrand. «Die Ära Blocher ist zu Ende», glaubt Wittlin.

Ähnlich sieht es Livio Kägi, Sektionspräsident in Elgg (ZH). Gedankengut und Themenspektrum in der nationalen Parteileitung seien festgefahren, sagt er. Die Partei habe wichtige Entwicklungen verpasst. Deshalb brauche es nun neue Köpfe, so Kägi, denn: «Mit der jetzigen Parteileitung ist ein Wandel nicht möglich.» Er fordert «Leute, die normal im Leben stehen, aber sicher keine Industriellen mehr».

Auf nationaler Ebene zu kurz kämen die Themen erneuerbare Energien oder Sozialversicherungen, sagen mehrere Sektionspräsidenten. Man könne nicht endlos über das Asylwesen reden, sagt Wittlin. «Für die Leute bei uns im Dorf ist vieles andere wichtiger als die Ausländer.»

Vom Vorbild zur Hypothek

Ein weiterer Sektionspräsident aus der Zentralschweiz spricht Klartext: «Das Theater rund um die Affäre Hildebrand schadet der Partei. Die Arbeit der SVP auf lokaler Ebene wird teilweise kaputt gemacht von der nationalen Partei.» Von älteren Parteimitgliedern, für die Blocher einst ein Vorbild war, höre er immer wieder, dass Blocher der Partei nun schade. Auch Jan Griessen, SVP-Präsident in Belp (BE), erachtet Blocher derzeit «mehr als Hypothek denn als Nutzen». Seine Sektion grenze sich bewusst vom Zürcher Parteiflügel ab.

Andere Ortspräsidenten sichern Blocher volle Loyalität zu. Die Öffentlichkeit mache ihn im Fall Hildebrand vom Opfer zum Täter, sagt Nikolaus Jeker, Sektionspräsident von Laufen und Umgebung (BL). Es gebe keinen Grund, dass er deswegen abtreten müsse. Gleich sehen es Andreas John Walker aus Schönenwerd (SO) und Annerose Morach aus Baden (AG). Letztere ist überzeugt: «Die Basis steht auf jeden Fall hinter Blocher.»

Wie gross der Rückhalt Blochers tatsächlich ist, zeigt sich möglicherweise am 5. Mai. Dann wählt die SVP-Delegiertenversammlung die Parteiorgane neu. Ob sich Blocher zur Wiederwahl ins Vizepräsidium zur Verfügung stellen wird, lässt er noch offen. Er wolle zuerst die Diskussionen über die zukünftige Ausgestaltung der Parteiorgane abwarten, sagt sein Sprecher Livio Zanolari.

Erstellt: 29.03.2012, 07:48 Uhr

«Hat den Zenit überschritten»: Christoph Blocher. (Bild: Keystone )

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