«Das reale Dorf löst sich auf»

Der Politologe Markus Freitag erforscht den sozialen Zusammenhalt der Schweiz. Sein Befund: Die Städte entdecken den Gemeinsinn, während die Dörfer anonymer werden.

Hier entsteht Gemeinschaft: Markus Freitag zwischen Urban-Gardening-Töpfen des Gleisgartens in Wipkingen. Foto: Sabina Bobst

Hier entsteht Gemeinschaft: Markus Freitag zwischen Urban-Gardening-Töpfen des Gleisgartens in Wipkingen. Foto: Sabina Bobst

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Früher hiess es: Auf dem Land sind die Menschen sozial aufgehoben, in den Städten leben Egoisten anonym. Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dies stimme nicht mehr. Warum?
Die Stadt holt auf. Es entstehen ständig neue Plattformen des sozialen Austausches, zum Beispiel Urban-Gardening-Initiativen oder selbstverwaltete genossenschaftliche Projekte. Zentral ist auch, dass junge Familien nicht mehr aufs Land ziehen, sondern in der Stadt bleiben. Eltern fürchten nicht mehr, dass Stadtkinder in einer Betonwüste aufwachsen. Stattdessen haben sie die guten Betreuungsangebote und kurzen Wege zu schätzen gelernt.

Was bedeutet das fürs Zusammenleben?
Familien sind ein wichtiger Motor des urbanen Gemeinsinns. Kinder bringen Eltern miteinander in Kontakt, die dann gemeinsam für Verbesserungen im Quartier kämpfen. Und Eltern helfen auch mal in den Vereinen ihrer Kinder aus, obwohl sie dort selber keine Mitglieder sind.

In den Dörfern dagegen leidet das Miteinander. Wieso?
Es gibt vier entscheidende Entwick­lungen. Erstens: Viele dörfliche Begegnungsstätten verschwinden. Post- und Bahnschalter, Läden oder Beizen schlies­sen, weil sie nicht mehr rentieren. Der Gemeinschaft wird so der Boden für Kontakte weggezogen. Zweitens: Die Frauen arbeiten häufiger. Früher schufen Hausfrauen informelle Netzwerke, indem sie sich beim Einkaufen oder bei Kinderaktivitäten trafen. Heute fehlt ihnen die Zeit dazu, das hinterlässt Lücken im Beziehungsgeflecht. Drittens: Das Internet beschleunigt den Niedergang ländlicher Gemeinschaften. Die Dörfer bieten nur ein beschränktes Angebot an sozialem Austausch: Sportvereine, Parteien, Musikvereine, Chöre. Wem dies nicht genügt, dem hilft das Internet. Online trifft man immer Gleichgesinnte. Virtuelle Beziehungen werden zunehmend nachbarschaftlichen Erkundungen vorgezogen. Weil die Welt zum virtuellen Dorf wird, löst sich das reale Dorf auf.

Ist diese Entwicklung nicht auch in Städten zu beobachten?
Schon, aber Städte bieten ein breiteres Angebot, um die Freizeit mit Gleich­gesinnten zu gestalten. Daher übt das Internet eine schwächere Anziehung aus.

Und was ist der vierte Grund für das schwindende Miteinander?
Die Stadtflüchtigen: Wer aufs Land zieht, möchte Ruhe geniessen, ein Haus im Grünen besitzen und das Gefühl haben, sein eigener Herr zu sein. Oft entscheiden Bodenpreise und Verkehrsanbindung, wo man sich niederlässt. Charakter und soziales Miteinander der Gemeinde zählen weniger. Um sich in dieser zu integrieren, müsste man einem Verein oder einer Partei beitreten. Davor schrecken viele Zuzüger zurück.

Wie sieht das Zusammenleben in den Agglomerationen aus?
Während die meisten Dörfer einen Charakter bewahrt haben, der auf Traditionen, alteingesessenen Familien oder einem Dorfkern beruht, fehlt Agglomerationsgemeinden eine solche Prägung. Sie unterliegen stetigem Wandel, das macht sie oft gesichts- und identitätslos. Eine geteilte Identität bildet aber die Grundlage, damit Gemeinsinn entstehen kann. Agglomerationen sind ein Zufluchtsort für Individualisten. Man bleibt dort meist unter Seinesgleichen oder allein, schlägt kaum Brücken in die Gemeinschaft.

Welchen Einfluss hat das Pendeln?
Pendeln beansprucht Zeit und Energie. Beides fehlt dann, um soziale Beziehungen zu pflegen. Pendler wünschen sich am Feierabend und am Wochenende vor allem Ruhe. Sie vermeiden es eher, noch einmal rauszugehen. Zu diesen Zeiten finden jedoch die entscheidenden sozialen Aktivitäten statt: Proben, Spiele, Vereinsabende.

Welche Architektur begünstigt Gemeinsamkeit? Sind Stadtquartiere oder lockere Dörfer besser?
Dienlich sind Einrichtungen, die gemeinsame Handlungen begünstigen: Clubräume, Plätze, Seniorenclubs, Läden, Cafés. Die Angebote müssen aber den Wünschen der Gemeinschaft entsprechen, sonst werden sie nicht genutzt. Mir fällt auf, dass in Zürich und Winterthur gerade viele Siedlungen entstehen, die solche Begegnungsorte mitplanen, zum Beispiel die Kalkbreite.

Lösen sich die sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land also auf?
Dörfliche Gemeinschaften haben nach wie vor einen engeren Zusammenhalt: in der Familie, unter Freunden, zwischen Nachbarn. Auch das gegenseitige Vertrauen ist auf dem Land noch aus­geprägter. Die Menschen dort erwarten eher, dass man ihnen hilft, weil sie selber zu helfen bereit sind. Solch dichte Netzwerke haben allerdings eine Kehrseite. Sie führen zu gegenseitiger Kontrolle oder zum Ausschluss von Menschen, die nicht dazugehören dürfen.

Geschieht das nun auch in Städten? Ist die Freiheit, die viele in der Stadt suchen, in Gefahr?
Kaum. Städtische Kontakte gestalten sich meist unverbindlicher und austauschbarer. Die Anonymität bleibt gewahrt, man kennt seine Nachbarn schlechter, allein schon, weil es so viele sind. Städter gewähren sich gegenseitig mehr Freiheiten, lassen sich tendenziell in Ruhe. Auf dem Land akzeptiert man eher, dass gewisse Verhaltensweisen sanktioniert werden.

Und städtische Initiativen wie Urban Gardening oder kollektive Wohnformen – führen sie nicht zu mehr Kontrolle?
Eher nicht. Nehmen wir das Urban Gardening. Es vermittelt nur ein schwaches Gefühl von Verpflichtung, obwohl die Pflege von Pflanzen auf Langfristigkeit angelegt ist. Der Ausstieg fällt nicht schwer. Vereine achten dagegen darauf, ihre Mitglieder zu halten. Ihnen beizutreten, ist einfacher, als sie wieder zu verlassen.

Dann lösen sich die städtischen Initiativen im Unverbindlichen auf?
Trotz ihrer Lockerheit können sie nachhaltig wirken. Vielleicht treffen sich zwei Menschen beim Gärtnern und verstehen sich bestens. Später verabreden sie sich privat, obwohl sie längst aufgehört ­haben mit dem Blumenpflanzen.

Wie sieht es allgemein in der Schweiz aus? Ist die Sorge berechtigt, dass der Individualismus die Gesellschaft zersetzt?
Solche Diagnosen sind weit verbreitet. Peter Bichsel klagte kürzlich: «Was einmal Öffentlichkeit hiess, verkommt zur Grill- und Partygesellschaft.» Auch die politischen Parteien haben das Thema entdeckt. Unsere Daten ergeben allerdings kein eindeutiges Bild. Sozialer Rückhalt und Vertrauen in die Mitmenschen sind auf hohem Niveau geblieben. Auch bezüglich der Freiwilligenarbeit hat sich nicht viel verändert. Die Schweiz gehört zu den zehn Ländern Europas mit dem stärksten Sozialkapital. Doch es gibt Anzeichen, dass der soziale Kitt poröser wird und an einigen Stellen abzubröckeln droht.

Welche Anzeichen?
Wenn man die wenigen Zahlen aus den 70er-Jahren mit heute vergleicht, zeigt sich ein Abwärtstrend. Gehörten damals rund 90 Prozent der Bevölkerung einem Verein an, beträgt dieser Anteil heute noch zwei Drittel. Zudem kämpfen viele Vereine gegen Überalterung. 1976 waren 44 Prozent aller Mitglieder jünger als 40, diese Zahl hat sich halbiert. Der Schwund betrifft vor allem politische und kirchliche Gruppen. Auch das Milizwesen darbt. Kleine Dörfer haben Mühe, ihre politischen Ämter zu besetzen.

Warum dieser Schwund?
Es gibt einen Drang zur Unverbindlichkeit. Viele müssen beruflich fast rund um die Uhr abrufbar sein, darum wollen sie sich in der Freizeit keine weiteren Verpflichtungen aufbürden. Man treibt Sport – aber für sich allein, ohne feste Termine. Die Menschen wünschen sich weithin spassiges Miteinander – nur ohne Vereinskorsett. Lieber geht man ins Internet. Dort ist man freier, kann sich ein- und ausklinken, wann man will.

Auch über die sozialen Medien bilden sich Gemeinschaften.
Internetgruppen können wirklich geteilte Lebenswelten nicht ersetzen. Wenn man mit Menschen aus Ohio oder Uppsala chattet, schafft dies keine Gemeinschaftlichkeit. Man verharrt in sicherer Entfernung, kann sich nie wirklich auf diese Menschen verlassen. Zudem trägt das Internet zur Segmentierung bei.

Inwiefern?
In Vereinen ist man mit Menschen konfrontiert, die anders sind, andere Einstellungen vertreten. Man lernt, ihre Perspektive zu übernehmen, mit ihnen zu diskutieren. Im Internet schliesst man sich meist nur jenen Menschen an, die ähnliche Interessen verfolgen. Dank der vielen sozialen Angebote läuft das in den Städten übrigens ähnlich: Man kann leicht unter Gleichgesinnten bleiben. Die Stadt ist Facebook light.

Auch Vereine basieren auf Einheitlichkeit. In ländlichen Schiessvereinen gibt es kaum Kommunisten.
Wer als Kommunist auf dem Land wohnt und gern schiesst, der muss dies in einem bürgerlich dominierten Schiessverein tun. Ihm bleibt schlicht keine andere Wahl. So führen gemeinsame Interessen unterschiedlich denkende Leute zusammen. Das stärkt die gegenseitige Toleranz.

Was können die Vereine gegen das Desinteresse der Jungen tun?
Sie müssen sich der digitalen Revolution stellen, Angebote für junge Menschen einrichten, mehr Mitsprache für Neumitglieder durchsetzen, die Machtstrukturen und Pflichten lockern.

Was wäre daran schlimm, wenn die meisten Vereine ausstürben?
Vereine gelten nicht umsonst als «Schulen der Demokratie». Sie lehren gemeinschaftliches Verhalten, ermöglichen politische Gespräche und bieten den Mitgliedern die Chance, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Menschen, die sich in Vereinen engagieren, handeln auch sonst politischer.

Das Wort Verein hat einen konservativen Klang. Wie sieht das Sozialleben der Zukunft aus?
Die Menschen in der Schweiz werden weiterhin ein soziales Miteinander pflegen, wie es nur wenige Gesellschaften in Europa tun. Das Zusammenleben wird aber eher unverbindlich ablaufen, man bevorzugt zeitlich begrenzte Projekte. Die Städte bringen da Standortvorteile mit. Traditionelle Vereine müssen sich bewegen, wollen sie vorankommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2014, 22:44 Uhr

Politologe mit Gemeinsinn

Der 46-jährige Markus Freitag ist Direktor des Instituts für Politikwissenschaft und Professor für politische Soziologie an der Uni Bern. Markus Freitag wuchs im Schwarzwald auf, vor 20 Jahren zog er in die Schweiz. Heute wohnt er mit seiner Familie in Zürich-Wipkingen.

Markus Freitag (Hg.): Das soziale Kapital der Schweiz. NZZ-libro, Zürich 2014. 352 S., 36 Fr.

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