Das ungenutzte Potenzial der Jungen

Nur 17 Prozent der jungen Erwachsenen sind bei der Abstimmung zur Zuwanderungsinitiative an die Urne gegangen. Die Schweiz müsste in die politische Bildung der Jugend investieren.

Frust nach der Abstimmung: Studenten der ETH Lausanne demonstrieren gegen den Ausschluss der Schweiz vom Forschungsprogramm Horizon 2020 und vom Studentenaustausch Erasmus+. <br />(10. März 2014)

Frust nach der Abstimmung: Studenten der ETH Lausanne demonstrieren gegen den Ausschluss der Schweiz vom Forschungsprogramm Horizon 2020 und vom Studentenaustausch Erasmus+.
(10. März 2014) Bild: Keystone

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Die Analyse des Stimmverhaltens zur Masseneinwanderungsinitiative hat aufgezeigt, wie das knappe Ja am 9. Februar zustande kam. Augenfällig war die Beteiligung der jüngsten Altersgruppe: Die 18- bis 29-Jährigen verwarfen die Initiative mit 58 Prozent Nein-Stimmen zwar am deutlichsten, blieben im Vergleich zu älteren Stimmbürgern der Urne aber am häufigsten fern. Nur gerade 17 Prozent gaben ihr Votum ab.

Dieses Verhalten macht stutzig. Denn unzählige kantonale Jugendparlamente, die jährlich stattfindende Jugendsession in Bern sowie medial omnipräsente Jungparteien vermitteln das Bild einer politisch interessierten und partizipierenden Jugend. Diese Diskrepanz bietet ein Steilvorlage für Polemik: Die stimmfaulen Jungen hätten es in der Hand gehabt, den Abstimmungsausgang umzukehren. Doch statt an die Urne gingen sie lieber im Nachhinein auf die Strasse, um sich über die Folgen des Volksentscheids zu beklagen.

Solche Pauschalkritik greift aber zu kurz – und muss relativiert werden: Unabhängig von den Vorlagen stimmen Junge generell weniger ab als ältere Stimmbürger. Und gerade migrations- und europapolitische Abstimmungen vermögen sie kaum zu mobilisieren, wie frühere Vox-Analysen zeigen. So lockte etwa die Ausschaffungsinitiative 2010 lediglich 20 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an die Urne. Zur Personenfreizügigkeit gaben 2009 nur 10 Prozent ihr Votum ab und zur Minarettinitiative im selben Jahr 25 Prozent. Zum Vergleich: Die Altersgruppe der über 60-Jährigen verzeichnete bei denselben Vorlagen eine Stimmbeteiligung von weit über 70 Prozent.

Fehlende Betroffenheit

Doch warum ist diese Gruppe so schwer zu erreichen – wo ihr in der direkten Demokratie doch alle Wege offenstünden, mit ihrer Partizipation etwas zu bewegen? Zunächst ist diese Alterskohorte keineswegs homogen. Es gibt sie nämlich durchaus, die politisch sehr interessierten und aktiven jungen Erwachsenen. Das zeigen die rege besuchten Jugendparlamente und der Zulauf zu den Jungparteien. Ihnen stehen die kaum informierten und inaktiven Jugendlichen gegenüber. Ein Grund für deren Haltung dürfte die fehlende Betroffenheit sein: Viele sind noch nicht im Berufsleben angekommen oder haben noch keine Familie, weshalb etwa Steuer- oder Sozialversicherungsfragen für sie nicht im Vordergrund stehen. Doch genau hier schlummert das ungenutzte Potenzial dieser Wählergruppe – und Anknüpfungspunkte sowohl für die Schule als auch für die Parteien. Denn die Jungen müssen letztlich am längsten mit den Folgen eines politischen Entscheids leben.

Wenn sie anhand alltäglicher Beispiele nachvollziehen könnten, welche direkten Auswirkungen politische Beschlüsse auf ihre Lebenswelt haben, würde Politik erlebbar, und der Weg an die Urne wäre weniger steinig. In der Schweiz, wo regelmässig über Sachfragen abgestimmt werden kann, wäre das umso wichtiger. Doch angesichts des Schattendaseins, das politische Bildung in den Schulen unterschiedlichster Stufen fristet, bleibt es von der Affinität der Lehrpersonen abhängig, ob dieses Bewusstsein geschärft wird. Trockene Staatskunde reicht nicht aus, um nachhaltig Freude an der Partizipation zu wecken. Politische Bildung soll nun zwar im Lehrplan 21 erstmals flächendeckend verankert werden, bleibt aber in einen Fächerkomplex gebettet – und damit im Ermessen der einzelnen Lehrer.

Parteien in der Pflicht

Experten verweisen in diesem Zusammenhang gerne auf die positive Wirkung konkreter Politikerlebnisse: Schulräte oder -parlamente beispielsweise sind demokratische Mitgestaltungsmöglichkeiten. Und Podiumsdiskussionen an Berufsschulen und Gymnasien bieten Gelegenheit, verschiedene politische Positionen kennen zu lernen. Hier wären wiederum die Parteien in der Pflicht: Wenn sie solche Veranstaltungen vermehrt als Chance wahrnehmen würden, um Jugendliche zu informierten, verantwortungsbewussten Staatsbürgern zu machen, investierten sie nachhaltig in die politische Bildung. Studien verdeutlichen nämlich, dass Schüler insbesondere den Austausch mit jüngeren Politikern als motivierend empfinden. Und das könnte auch den Parteien später zugutekommen.

Vielleicht würde der vermehrte Einsatz von Podien oder Schulräten auch eine Brücke zu den bei Jugendlichen beliebten Partizipationsformen schlagen. Denn wie gerade die Reaktion auf die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative gezeigt hat, suchen manche andere Wege als den Stimmzettel, um ihre politische Meinung auszudrücken. Der Protest, die Manifestation oder das politische Konzert sind der Lebenswelt vieler Jungen näher als das Abstimmungsbüro. Diesen Gestaltungswillen in einen Urnengang zu überführen, bleibt die Herausforderung für künftige Abstimmungen. Sollen politische Entscheide über alle Altersgruppen hinweg legitimiert sein, muss sich die Gesellschaft ihr stellen.

Erstellt: 04.04.2014, 17:03 Uhr

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