«Das verängstigt die Bevölkerung»

Für die Atommüll-Tiefenlager hat die Nagra beim Bund 20 Standortvorschläge eingereicht. Es geht dabei nur um den sichtbaren Teil der Lager. Die Kantone kritisieren die Nagra überraschend scharf.

Rote Punkte: Von der Nagra vorgeschlagene Areale für Oberflächenanlagen.

Rote Punkte: Von der Nagra vorgeschlagene Areale für Oberflächenanlagen. Bild: Nagra

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Die Standortvorschläge für die Gebäude sind Teil der zweiten Etappe bei der Auswahl für die künftigen Tiefenlager. Im Dezember reichte die Nagra die Vorschläge beim Bund ein. Am Freitag präsentierten die Nagra und das Bundesamt für Energie (BFE) die Vorschläge in Bern.

Die Vorschläge für die Tiefenlagerportale teilen sich auf die Gebiete Jura-Ost (ehemals Bözberg AG, 4 Vorschläge), Jura-Südfuss (AG, 4 Vorschläge), Nördliche Lägern (AG/ZH, 4 Vorschläge), Zürich Nordost (ZH, 4 Vorschläge), Südranden (SH, 3 Vorschläge) und Wellenberg (NW, 1 Vorschlag) auf. Direkt betroffen sind 21 Gemeinden, da die Anlagen teilweise auf dem Territorium zweier Gemeinden zu stehen kämen.

Als nächster Schritt sollen sich die betroffene Regionen nun äussern können und allenfalls auch eigene Vorschläge einreichen. 15 Informationsveranstaltungen sind geplant. Schon ungefähr Ende 2012 will die Nagra danach für jedes mögliche Lager einen Standort für die Oberflächenanlagen festlegen. Dieser Zeitplan sei «ambitiös», aber machbar, sagte Michael Aebersold vom BFE.

Atommüll neu verpacken

Umstritten sind an den Oberflächenanlagen vor allem die Anlagen zur Neu-Verpackung der Atomabfälle. Brennelemente und anderer radioaktive Müll wird dort ausgepackt und in Lagerbehälter umgepackt, damit der Müll im 200 bis 900 Meter tieferen Tiefenlager sicher eingeschlossen werden kann. Das Gebäude müsse daher die höchsten Sicherheitsanforderungen erfüllen, sagte Aebersold.

Als Alternative gilt eine Verpackung an einem anderen Ort, beispielsweise im bestehenden Zwischenlager in Würenlingen im Kanton Aargau. Das sei zwar möglich, sagte Nagra-Chef Thomas Ernst, aber «nicht vernünftig». Auch dort wäre laut Ernst ein Neubau nötig, und zudem würde die Zahl der Transporte fünf- bis zehnmal höher ausfallen, als wenn der Abfall beim Tiefenlager verpackt wird.

Zu den Oberflächenanlagen gehören ausserdem weitere Betriebs- und Administrationsgebäude, ein Besucherzentrum sowie Zufahrten und Schienenanschlüsse. Von der Anlage aus lässt sich das Tiefenlager, das in mehreren Kilometern Entfernung liegen kann, über ein Tunnelsystem erreichen.

Unabhängig von den Gebäuden sind die Lüftungs- und Bauschächte, die zwingend über dem Tiefenlager liegen müssen. Ihr Standort wird in einem späteren Schritt definiert.

Kiesgruben und Industriezonen

Die Bauten besetzen eine Fläche von 8 Hektaren für das Tiefenlager für hochaktiven Abfall und von 5 Hektaren für das Tiefenlager für schwachen und mittelaktiven Abfall. Im Fall des grösseren Gebietes entspricht dies einer Fläche von rund 11 Fussballfeldern. Das höchste Gebäude - die Verpackungsanlage - wird mit rund 25 Metern so hoch wie ein ungefähr 11-stöckiges Haus.

Im Gegensatz zu den Tiefenlagern gebe es für die Gebäude eine «gewisse Flexibilität» im Bau, solange die Sicherheit und die technische Machbarkeit gewährleistet seien, sagte Ernst. Bei den Vorschlägen wählte die Nagra stillgelegte Kiesgruben, Industrie- und Gewerbezonen oder Waldparzellen. Kommt es nicht zu einer Einigung, könnten die jeweiligen Grundeigentümer enteignet werden.

Entscheid in zehn Jahren

In der laufenden zweiten Etappe für die Tiefenlagerauswahl wird in den kommenden vier Jahren auch die Sicherheit der möglichen Standorte geprüft. Am Ende muss die Nagra mindestens zwei Standorte für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und mindestens zwei Standorte für hochradioaktive Abfälle auswählen.

Ein definitiver Entscheid des Bundesrats - vor der Zustimmung des Parlaments und absehbarer Referendumsabstimmung - soll spätestens in zehn Jahren fallen.

REAKTIONEN

Auf wenig Gegenliebe sind die Vorschläge der Nagra für Gebäudestandorte für Atomendlager gestossen. Der Aargauer Regierungsrat kritisierte das Vorgehen ungewohnt scharf als «ungewöhnlich».

Die Vorschläge der Standorte seien «nicht nachvollziehbar», wird der Aargauer Regierungsrat Peter C. Beyeler (FDP) in einer Medienmitteilung der Staatskanzlei zitiert. «Wir sind sehr überrascht über die Standortvorschläge.» Die kantonalen Entwicklungsgebiete seien nicht berücksichtigt worden.

Der Regierungsrat bekräftigte die bisherige Haltung: Der Aargau wolle «grundsätzlich» kein geologisches Tiefenlager. Zehn Aargauer Standorte stehen als mögliche Standorte für Oberflächenanlagen zur Diskussion.

Unlogisches Vorgehen

Ebenfalls aus grundsätzlichem Widerstand gegen ein Endlager äusserten sich die Kantonsregierungen Schaffhausen und Nidwalden ablehnend zu den Standortvorschlägen auf ihrem Kantonsgebiet. In Zürich wird die Baudirektion bis im April die Vorschläge prüfen. Die Thurgauer Behörden wollen die weiteren Abklärungen «aufmerksam verfolgen».

Der Zürcher Baudirektor Markus Kägi (SVP), der den Ausschuss der Kantone für die Tiefenlager-Suche leitet, bemängelte bei der Präsentation der Vorschläge ebenfalls das Vorgehen. Die Kriterien, mit denen die Nagra die Gebäudestandorte beurteilen wolle, seien für die Kantone und Gemeinden zu wenig klar, sagte er. Das Bundesamt für Energie (BFE) und die Nagra wiesen dies zurück.

Mehrere atomkritische Organisationen wie die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) kritisierten ausserdem, dass die Nagra die Gebäudestandorte ins Spiel bringt, bevor ein Lagerstandort ausgewählt wurde. Das sei unlogisch und verängstige die Bevölkerung, schreibt die SES. (bru/sda)

Erstellt: 20.01.2012, 12:46 Uhr

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