Das verdienen Lehrer in der Deutschschweiz

Je mehr Frauen, desto tiefer die Löhne? Der Lehrerdachverband legt neue Zahlen vor und fordert bessere Saläre.

Welche Zahlen stimmen? Je nach Sichtweise sind die Löhne im Unterrichtswesen zu tief. Foto: Esther Michel

Welche Zahlen stimmen? Je nach Sichtweise sind die Löhne im Unterrichtswesen zu tief. Foto: Esther Michel

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In diesen Tagen besetzen die Gemeinden die letzten Stellen für das neue Schuljahr – ein Kraftakt vielerorts. Für die Lehrer ist klar: Auch die Löhne sind schuld daran, dass es schwierig ist, ausreichend Personal für die Klassenzimmer zu finden. «Die Saläre der Lehrer sind zu tief. Das macht den Beruf unattraktiv», sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrerdachverbands LCH. Insbesondere Männer, die häufig lohn- und laufbahnaffiner seien als Frauen, würden davon abgeschreckt.

Der Verband hat umfangreiche Daten erhoben und fordert die Kantone und Gemeinden jetzt auf, «endlich zu handeln», wie Peterhans sagt. In den letzten 25 Jahren hätten sich die Lehrerlöhne im Vergleich zu anderen Branchen nur schleppend entwickelt, die Anforderungen seien aber stark gestiegen. Diese sind heute laut Studien der Wirtschaftsprüfer PriceWaterhouseCoopers und Towers Watson mit jenen an Angestellte in der öffentlichen Verwaltung, in der Industrie und im Finanzdienstleistungsbereich zu vergleichen. Die Entlöhnung hingegen liege bis zu 80 Prozent unter jener in diesen Referenzmärkten, so der Befund der Analysen im Auftrag des LCH. Der Unterschied fällt umso grösser aus, je tiefer die Unterrichtsstufe ist.

Für Peterhans handelt es sich hierbei um eine strukturelle Diskriminierung. «Die Löhne haben sich nur deshalb so schlecht entwickelt, weil der Lehrer- heute längst als Frauenberuf gilt.» Je mehr Frauen auf einer Schulstufe arbeiten würden, desto tiefer seien die Löhne. An der negativen Spitze stünden die Kindergärtnerinnen.

«Lehrer stehen sehr gut da»

Stefan Denzler, stellvertretender Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, hält die Orientierung an solchen Studien für wenig objektiv. Sinnvoller sei es, als Richtwert die Löhne von Berufsleuten mit ähnlicher Ausbildung heranzuziehen. Im Falle von Primarlehrern seien dies etwa Personen mit einem dreijährigen Fachhochschulstudium. «Dabei stehen die Lehrer sehr gut da.» Auch im Vergleich mit Universitätsabsolventen beim Berufseinstieg und in den ersten Jahren «stellen wir keinen Grund für die Klagen der Lehrerverbände fest», sagt Bildungsökonom Denzler mit Verweis auf Befunde im neusten Bildungsbericht.

Für die Lehrer hingegen ist dieser Quervergleich zu oberflächlich. «Wir stützen uns auf die exaktere Funktionsbewertung der Wirtschaftsprüfer, die nicht nur die Ausbildung, sondern auch das Jobprofil berücksichtigt», sagt Peterhans. Im Unterschied zur Privatwirtschaft hätten die Lehrer zudem keine Aussicht auf eine Karriere mit höherer Entlöhnung. Sie seien deshalb auf eine verlässliche Lohnperspektive mit einem kontinuierlichen Stufenanstieg angewiesen. Dazu müssten die Lohnsummen der Lehrer regelmässig angehoben werden. «Heute unterliegt dies jedoch der politischen Willkür der kantonalen Parlamente. Häufig wollen sie bei der Bildung sparen – und setzen bei den Lehrerlöhnen an.» Der LCH fordert deshalb eine gesetzlich verankerte Lohnentwicklung.

Denzler bestätigt, dass die Lohnkurve der Lehrer «eher flach» sei. Das hänge mit den vergleichsweise hohen Einstiegslöhnen, aber auch mit grossen kantonalen Unterschieden beim generellen Lohnniveau zusammen. Hier seien vertiefte Abklärungen nötig, ob die Lehrersaläre tatsächlich abfallen.

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Für die Lehrer wiege die «unzuverlässige Lohnperspektive» umso schwerer, als in den letzten Jahrzehnten vielerorts die Teuerung nicht ausgeglichen worden sei, sagt Peterhans. Auch Daten des Bundesamts für Statistik zeigen, dass die Löhne im Unterrichtswesen seit 1993 vergleichsweise gering gestiegen sind. Der Verlauf entspricht etwa jenem der Saläre in der öffentlichen Verwaltung.

Um diese Entwicklung ist im Frühling eine Kontroverse entbrannt: Das Zürcher Amt für Arbeit (AWA) hatte im «Lohnbuch Schweiz 2018» von einem stark überproportionalen Anstieg der Lehrerlöhne um 36,4 Prozent seit 2006 berichtet. In der Privatwirtschaft beliefen sich die Lohnerhöhungen bestenfalls auf 10 bis 18 Prozent. Gemäss Abklärungen des LCH sind diese Zahlen falsch. Auf Nachfrage dieser Zeitung hat das AWA die Lohnentwicklung der Primarschullehrer neu berechnet – und kommt tatsächlich zu einem anderen Ergebnis: Demnach sind die Löhne von 2011 bis 2018 lediglich um 13,38 Prozent gestiegen. In den davorliegenden Jahren habe der Kanton Aargau das Lohnbuch herausgegeben, weshalb ein «etwas problematischer Vergleich zweier verschiedener Lohnquellen» gezogen worden sei, sagt Sprecherin Irene Tschopp.

Kritik der Kantone

Peterhans betont, dass der Handlungsbedarf nicht überall gleich dringlich sei. Es gelte aber, teilweise grosse Lohnunterschiede zwischen benachbarten Kantonen zu korrigieren. So suchten sich etwa viele Berner Lehrer eine Stelle im benachbarten Solothurn. Oder Thurgauer in Zürich. Und weil in Graubünden die tiefsten Saläre der Deutschschweiz bezahlt würden, wanderten zahlreiche Lehrer ins Unterland ab. «Dieser Konkurrenz müssen sich die Kantone besser bewusst werden. Nur so wird es ihnen gelingen, die besten Lehrer zu halten.»

Die Kantone zeigen jedoch wenig Verständnis für die «pauschalen» Forderungen der Lehrer. «Es macht wenig Sinn, national höhere Löhne einzufordern», sagt Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Für die Saläre seien die einzelnen Kantone zuständig, und die diesbezüglichen Unterschiede schafften eine für die Lehrer positive Konkurrenzsituation, so die Zürcher Bildungsdirektorin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 07:18 Uhr

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