«Dass die Eltern sich verweigern, kann ich nicht nachvollziehen»

Eine Schülerin aus St. Margrethen darf weiterhin mit dem Kopftuch zur Schule. Gleichzeitig kritisiert das Gericht die fehlende Integration der Familie. Ferah Ulucay vom Islamischen Zentralrat (IZRS) nimmt Stellung.

«Die muslimische Frau wird trotz dieses St. Galler Urteils weiterhin diskriminiert werden auf dem Arbeits- und auf dem Wohnungsmarkt»: IZRS-Generalsekretärin Ferah Ulucay, die als Beobachterin bei der St. Galler Gerichtsverhandlung dabei war.

«Die muslimische Frau wird trotz dieses St. Galler Urteils weiterhin diskriminiert werden auf dem Arbeits- und auf dem Wohnungsmarkt»: IZRS-Generalsekretärin Ferah Ulucay, die als Beobachterin bei der St. Galler Gerichtsverhandlung dabei war. Bild: Keystone

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Sie haben einen Zwischensieg erreicht. Zufrieden?
Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden, dass wir auf der gerichtlichen Ebene einen weiteren Erfolg erzielen konnten. Gleichzeitig wird das Kopftuch von der Gesellschaft und von der Politik stark abgelehnt. Die muslimische Frau wird trotz dieses St. Galler Urteils weiterhin diskriminiert werden auf dem Arbeits- und auf dem Wohnungsmarkt. 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wird bei uns eine neue Mauer aufgebaut, eine mentale, gegenüber dem Islam. Vor allem gegenüber der muslimischen Frau.

Das Gericht kritisiert die Verweigerungshaltung der Familie der 13-jährigen Bosnierin. Die Eltern besuchen beispielsweise keine Elternabende.
Weshalb die Familie nicht an Elterngespräche geht, kann ich nicht nachvollziehen, und ich finde es auch nicht gut. Der Vater sagte aber vor Gericht, er habe immer wieder versucht, auf diese Gesellschaft zuzugehen, und er werde aufgrund seines Aussehens ausgegrenzt.

Wie sieht er aus?
Er trägt einen Bart.

Was sagen Sie dazu, dass das Mädchen nicht in den Schwimmunterricht geht und nicht an Schullagern teilnimmt?
Das ist eine individuelle Entscheidung. Es gibt auch jüdische Familien, die ihre Kinder nicht in den Schwimmunterricht lassen. Der islamische Zentralrat hat hier eine liberale Haltung und überlässt diese Entscheide den Familien. Wir haben kein Problem damit, wenn der Schwimmunterricht in geschlechtergetrennten Gruppen stattfindet und das Tragen eines Burkinis erlaubt ist.

Und wenn nicht?
Es ist wie gesagt eine individuelle Entscheidung. Aber warum ein männlicher Lehrer pubertierende Schülerinnen beim Schwimmen betreuen soll, diese Frage kann man sich auch als Nichtmuslim stellen.

Wenn Sie gegen Diskriminierung kämpfen, ist es dann nicht Ihr Ziel, dass alle, Mädchen und Jungen, denselben Unterricht besuchen?
Auch der Junge dieser Familie geht nicht ins Schwimmen und nicht in Schullager. Ich muss noch hinzufügen, dass ich dieses Mädchen mehrmals getroffen habe und vollkommen überzeugt bin, dass sie das Kopftuch freiwillig trägt und die Verweigerung des Schwimmunterrichts und der Schullager mitträgt. Wenn ich nur den leisesten Verdacht hätte, dass sie das Kopftuch nicht freiwillig trägt, würden wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass sie es nicht tragen muss.

Es heisst, der Vater spreche nicht mit weiblichem Lehrpersonal, weil er Frauen als Autoritätspersonen nicht respektiert.
Das stimmt nicht, das wird von den Medien falsch dargestellt. Unsere Anwältin in diesem Fall ist Katholikin und er respektiert sie. Der Mann hat vor Gericht übrigens gesagt, er würde gern auswandern, aber seine Frau und seine Tochter seien dagegen. Darum bleibe er in der Schweiz. Wenn er so ein Despot wäre, würde er sich einfach durchsetzen. Aber es kommt den Medien natürlich entgegen, wenn man ihn so darstellen kann.

Sie sagen, Musliminnen würden diskriminiert. Wie?
Ich erlebe das selber oft. Beispielsweise an Frauen-Infoständen zum Thema Islam, da gibt es böse Blicke, Beschimpfungen. Aber auch sonst. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, Bern ist meine Heimat. Viele studierte Musliminnen finden keine Stelle wegen ihres Kopftuchs, obwohl sie sehr gut wären.

Das Kopftuch gilt als Symbol der Unterdrückung.
Das ist eben so ein Vorurteil. Fragen Sie irgendeine Frau mit Kopftuch. Sie wird Ihnen sagen, sie sei nicht unterdrückt, sie wolle ein Kopftuch tragen, aber sie werde von der Gesellschaft ausgegrenzt deswegen. Ich habe noch nie eine Frau gehört, die Hilfe brauchte oder nach mehr Rechten verlangte. Es ist herabwürdigend und auch anmassend, zu behaupten, wir seien nicht selbstbestimmt.

Vor Gericht wurde auch kritisiert, dass die Schülerin in der Schule keinen Gebetsraum beanspruche. Ist sie gar nicht so gläubig, wie sie vorgibt?
Das ist eben witzig. Erstens ist die Schule ja nicht Religionsaufsicht, sie darf die Religiosität nicht beurteilen. Aber es gibt eine Erklärung: Bei den fünf täglichen Gebetszeiten gibt es immer einen gewissen Rahmen. Das Morgengebet beispielsweise kann von 5.30 bis 7.30 gemacht werden, das Mittagsgebet von 12 bis 15 Uhr, am Nachmittag von 15 bis 17.15 Uhr. Es ist also klar, dass die Schülerin das zu Hause machen kann.

Sie sagen, dass die Gesellschaft Muslime diskriminiert. Haben umgekehrt kopftuchfreie Christen eine Chance, wenn sie beim Islamischen Zentralrat arbeiten wollen?
Wir hatten zwei Praktikantinnen ohne Kopftuch, die eine hat sogar die beste Matura ihres Jahrgangs gemacht. Bei einem Islamischen Zentralrat sollten die Mitarbeiter idealerweise schon Muslime sein. Unter den Mitgliedern haben wir auch Nichtmuslime. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 12:37 Uhr

Zur Person

Ferah Ulucay, Generalsekretärin beim Islamischen Zentralrat

Ferah Ulucay ist 1992 in Bern geboren und in Köniz aufgewachsen, sie hat türkische und kurdische Wurzeln. Nach der Ausbildung zur Kauffrau bei der Berner Stadtverwaltung ist sie seit 2013 als Generalsekretärin beim Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) tätig und absolviert parallel dazu die Berufsmatura.

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