Den Schweizer Papst-Groupies auf der Spur

Er kommt! Der Papst. Am Donnerstag. Was junge Gläubige von ihm erwarten – in Zeiten, in denen die Kirchen sich leeren.

Draussen rauschen die Trams vorbei, hier drinnen ist es still: Jugendliche an einem Lobpreisabend in der Zürcher Liebfrauenkirche. Alle Fotos: Fabienne Andreoli

Draussen rauschen die Trams vorbei, hier drinnen ist es still: Jugendliche an einem Lobpreisabend in der Zürcher Liebfrauenkirche. Alle Fotos: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Jerom (22) die Treppenstufen zur Zürcher Liebfrauenkirche hochgesprintet ist, umarmen ihn die Wartenden der Reihe nach. Goldkreuzchen und vorblitzende Armbänder mit den Logos christlicher Festivals deuten an, dass die jungen Menschen katholische Christen sind. Sie sind hier, um in der Krypta einen sogenannten Lobpreisabend abzuhalten. Organisiert wird dieser von Adoray, einer Gruppe junger Katholiken aus verschiedensten Kirchen. Diese Woche steht ein Höhepunkt in ihrem Leben an: Der Papst kommt!

Für die katholischen Jugendlichen bedeutet das Ergattern eines der 41'000 Messetickets das, was für Gleichaltrige ein Logenplatz am WM-Final wäre: ein Erlebnis, von dem noch die Enkel erfahren werden. Was bewegt sie zu dieser Reise nach Genf? Und wie leben sie den Glauben in einer Zeit, in der sich die Kirchenaustritte mehren?

Als Christ gegen den Strom

Jerom war noch ein Knirps, als der damalige Papst Johannes Paul II. vor 14 Jahren auf der Berner Allmend zur Einheit aller Christen aufrief. Er war mit seinen Eltern da: «Ich habe zwar mitgeschnitten, dass es ein freudiger Anlass ist; doch nun möchte ich dies echt erleben.» Er habe oft das Gefühl, als Christ gegen den Strom zu schwimmen. «So freue ich mich, am Donnerstag Teil einer Masse zu sein und zu spüren, dass viele meinen Glauben teilen», sagt er. Papst Franziskus sei ein Vorbild, und er versuche, wie «sein Hirte», den Glauben mit kleinen Taten zu leben. Der Student nennt ein Beispiel: «Letztens bin ich einer Person nachgelaufen, die ihr Geld im Automaten vergessen hat.»

Der Gottesdienst beginnt. Stehend singen sie von Jesus, der sich für sie «wie eine Rose am Boden zertreten liess»; singen, dass der Heilige Geist «wie Feuer auf ihre Leben kommen soll». Es sind Lieder, die sonst die Freikirchen erfüllen. Einzelne Hände sind gefaltet, einzelne Augen geschlossen, einzelne Arme erwartend ausgestreckt. Getragen von den Melodien spricht eine junge Frau überleitende Gebete. Als das Echo der letzten Töne in der Krypta verhallt, sind einzelne Stimmen zu hören: «Du bist mein bester Freund», «Du nimmst mir meine tiefsten Ängste», «Bei dir darf ich sein, wie ich bin».

Wie die meisten Adoray-Besucher ist auch Gaby (25) bei katholischen Eltern aufgewachsen. Als 19-Jährige habe sie sich nochmals aktiv für den Glauben entschieden. Ihre stärkste Begegnung mit dem Papst erlebte sie mit vier Millionen Menschen zusammen – an den Welt­jugendtagen in Krakau 2016. «Als Franziskus uns aufforderte, von unseren Sofas aufzustehen und in die Welt hinauszuziehen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, war das für mich ein tiefer Glaubensmoment», erklärt sie. Auch sei es schön, zu wissen, dass, egal aus welcher Ecke der Welt ihre «geistlichen Brüder und Schwestern» kämen, sie etwas verbinde: Papst Franziskus.

Diesen Donnerstag um zehn Uhr werden alte und junge Gläubige in die Genfer Palexpo-Hallen strömen; die Wucht der Nachdrängenden im Nacken. Die erste Euphorie wird während der siebeneinhalbstündigen Wartezeit wohl abflauen. Doch dann wird er kommen – zu Fuss, ohne sein Mobil. Sie werden Fahnen und Banner schwingen, werden klatschen, juchzen, seinen Namen rufen. Fremde und Freunde werden sich in die Arme fallen, die Blitze der Handykameras die Wände erhellen. Er, der Papst; nein, ihr Papst Franziskus wird da sein – eine Eucharistiefeier lang.

«Viele haben Mühe, sich mit ihrem Glauben zu outen»Bischof ­Marian Eleganti

Auch die Zürcher Studentin Lena (22) wird dem Papst zujubeln: «Ich werde nicht kreischen. Aber ich möchte in diesem Moment mit meinem Applaus meine Freude am Glauben ausdrücken.» Franziskus sei für sie ein Hirte, der seiner Kirche mit seinem «mega Herz» vorangehe, ohne Berührungsängste: «Wie Jesus ist der Papst jemand, der die Nähe zu den Randständigen und Armen sucht.»

Keine kritischen Worte

Auch nach längerem Nachdenken fallen keinem der Adoray-Jugendlichen kritische Worte zu ihrem Hirten ein. Nicht erstaunlich, findet die Theologin Jacqueline Straub, die derzeit ein Buch über die Jungen in der Kirche schreibt: «Die Mehrheit ist von Papst Franziskus einfach nur begeistert.» Dies, weil er seinen Worten oft Taten von hohem Symbolwert folgen lässt: Er verlässt das Papamobil trotz Sicherheitsrisiko, um den Menschen nah zu sein; er feiert seinen Geburtstag mit Obdachlosen; er wischt und küsst die Füsse von Flüchtlingen.

In der Zürcher Krypta fängt die Predigt an. An einem Adoray-Abend wird sie ­Impuls genannt. Der Gastreferent, ein Theologiestudent in Chur, spricht von Agape – der göttlichen Liebe, die sich an den Nächsten verschenkt, bedingungslos. «Stell dir eine Person vor, mit der die Beziehung schwierig ist. Sie zu lieben, das ist das Übernatürliche, das uns übersteigt», sagt er.

Adoray startete 2004 in Zug und hat sich seither in 14 Deutschweizer Städten ausgebreitet. Die Initianten betonen, sie seien nur eine Ergänzung zu den Pfarreien. Daher sei auch nicht klar, wie viele Besucher die Abende hätten. Am letzten Adoray-Festival ­feierten rund 600 Jugendliche mit. Weshalb die Schweizer Landeskirche solchen neuen Ansätzen mit offenen Armen begegnet, verraten die Zahlen: Die römisch-katholische Kirche verlor hierzulande in den letzten 15 Jahren eine halbe Million Mitglieder. Mit weiteren Abgängen ist zu rechnen: Aufgrund einer Befragung des Bundesamts für Statistik wird geschätzt, dass rund 6 Prozent der Katholiken im Verlaufe ihres Lebens aus der Kirche austreten werden.

Diese Zahlen haben auch Bischof ­Marian Eleganti in seinen acht Jahren als Jugendbischof beschäftigt. Im Eingang zum Pfarrhaus St. Josef in Dietikon steht eine gerahmte Zeichnung, die er von Adoray-Besuchern zu seinem Rücktritt im März erhalten hat. Die sinkende Zahl von aktiven, überzeugten Gläubigen sei für die jungen Christen eine persönliche Herausforderung. Viele lebten in einem kirchendistanzierten Umfeld, das ihre Religion nicht verstehe. «Sie haben Mühe, sich mit ihrem Glauben zu outen», sagt Eleganti. So würde man den Kollegen lieber erzählen, man treffe Freunde, statt zuzugeben, dass man einen Gebetsabend besuche. Eleganti sieht zwei Tendenzen: Der eine Teil der Jugendlichen privatisiere den Glauben, um sich nicht zu exponieren. Der andere suche sich seine Freunde eher unter Gleichgesinnten. «Sie weichen dadurch teilweise einer Konfrontation mit Andersdenkenden aus», sagt er.

In der Anbetung ist Gott gegenwärtig

Die Art aber, wie die Jugendlichen ihren Glauben zelebrierten, habe sich in den vergangenen Jahren gut ent­wickelt: Neben den neuen, freikirchlich inspirierten Liedern seien die Beichte und die eucharistische Anbetung ins Zentrum gerückt. «Die Jungen schätzen die Beichte als individuellen, persönlichen Moment in einem geschützten Rahmen», sagt Eleganti. Die Anbetung dagegen stelle einen intensiven Moment dar, in dem die Gegenwart Gottes konkret und visuell wahrgenommen werde.

In Zürich steht jetzt genau dieser Teil der Feier an, die eucharistische Anbetung. Noch ein einzelner Lichtstrahl beleuchtet den Altar. Der Gastreferent hat sich in reinstes Weiss gehüllt. Als er den Tabernakel öffnet, lassen sich die Jungen auf die Knie fallen. Ihre Arme entlang des Körpers ausgestreckt, als wären sie bereit für eine Umarmung Gottes. Ihre Augen richten sie auf das Allerheiligste vor ihnen. Als der Referent die Monstranz in die Höhe stemmt, überzieht ein gewaltiger Schatten das Gesicht des ans Kreuz genagelten Jesus. Der Strahlenkranz funkelt vom Altar in den Raum. Fünf Minuten. Draussen rauschen die Trams vorbei, hier drinnen ist es still. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Grelles Licht weckt die in sich versunkene Gruppe auf.

Papst Franziskus selbst hat die Jugend ins Zentrum seiner Arbeit gerückt, zuletzt in seinem Büchlein «Gott ist jung»: «Ich denke, dass wir uns bei den Jugendlichen entschuldigen müssen, weil wir sie nicht immer ernst nehmen», schreibt er da und schreitet nun zur Tat: So wird am Bischofstreffen im Herbst die Lage der Jugend im Mittelpunkt stehen. ­Damit die zumeist über 50-jährigen Synodenteilnehmer erfahren, was die jungen Christen beschäftigt, luden sie im März eine Auswahl von ihnen zu einem Vortreffen an den Stadtrand Roms ein.

Mit dabei war die Theologiestudentin Medea Sarbach (23). Nach ihrer letzten Semesterprüfung sitzt sie entspannt im Café Le Mondial in Freiburg. Vor der Vorsynode habe sie Umfragen studiert und mit Jungen aus allen Landesteilen gesprochen. «Viele erzählten, dass der Glaube nichts mit ihrem Leben zu tun habe», sagt Sarbach. Sie hätten zwar das Gefühl, dass die Kirche etwas Gutes sei, doch fehle ein persönlicher Bezug. In den Vatikan begleiteten Sarbach ein Atheist und ein Kirchenkritiker, da auch ihre Ansichten gewünscht waren. Ein Novum für die Synode. Eine Woche lang diskutierten die drei mit den 300 Vertretern aus aller Welt. Ein Abschlussdokument fasst ihre Wünsche zusammen.

Der Wunsch nach Authentizität

Herausgestochen sei der Wunsch nach Authentizität, sagt Sarbach. Die Kirche solle auch über kontroverse Themen wie die Geschlechterfrage und die Homosexualität sprechen. Auch wünschen sich die Jungen einen Ort, an dem Freude und nicht Moral überwiegt: «Wir möchten eine Kirche, die nicht bloss für die Themen bekannt ist, die sie ablehnt; sondern für jene, die sie aktiv unterstützt.» Die Synode soll für die jungen Erwachsenen mehr sein als ein symbolischer Akt des Vatikans.

In ihren Semesterferien reist Medea Sarbach nach Genf: «Der Papst hat solch eine Ausstrahlungskraft», sagt sie und hofft, «sein Leuchten» werde auch für kirchenferne Schweizer sichtbar.

Als künstliches Licht die Krypta wieder erleuchtet, stehen die jungen Gläubigen ein letztes Mal auf. «Ganz dein, Maria», singen sie auf Lateinisch, bevor gemurmelte Abschlussworte den Abend beenden: «Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes: Amen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2018, 20:11 Uhr

Artikel zum Thema

Drei Bundesräte wollen den Papst in Genf treffen

Franziskus wird am 21. Juni in der Schweiz erwartet. Das Programm steht – auch das mit der Landesregierung. Mehr...

Der Sturz der Kardinäle

Analyse Gleich mehrere der engsten Papst-Berater haben Missbrauchs- und Korruptionsvorwürfe zu gewärtigen. Papst Franziskus’ Personalpolitik wirkt zunehmend zweifelhaft. Mehr...

Der Papst setzt sich für todkrankes Baby ein

In Grossbritannien sollten die lebenserhaltenden Geräte eines unheilbar kranken Jungen abgeschaltet werden. Jetzt hat sich Papst Franziskus zu Wort gemeldet Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog So vergolden Sie sich Ihren Lebensabend
Tingler Bin ich fix?

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...