Den Wintertourismus ganz aufgeben?

Fehlt der Schnee, trifft das Braunwald schwer. Nun stellt sich die Schicksalsfrage.

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Der Winter ist launisch. Jetzt gerade zeigt er sich gutmütig. Braunwald etwa sieht in diesen Tagen noch kitschiger aus als auf der Postkarte: üppig weiss vom vielen Schnee. Strahlend hell bei wolkenlosem Himmel. Hoch über dem Nebel, der das Tal, das Glarnerland, und die restliche Schweiz verschluckt.

Alle sieben Gondelbahnen, Sessel- und Skilifte des Glarner Skiorts sind geöffnet – wenn auch erst seit Anfang Jahr, so spät wie noch nie. Vom höchsten Punkt, dem Restaurant Gumen auf 1900 Metern, erstrecken sich die Pisten bis hinab zur Bergstation, noch rund 1260 Meter über Meer.

Und hier liegt das Problem: Skigebiete in dieser Höhe haben zunehmend Schwierigkeiten mit dem Schnee. Die Schneegrenze verschiebt sich wegen der Klimaerwärmung stetig nach oben. Wie eine Studie des Instituts für Schnee und Lawinenforschung ­ergab, hat die Dauer der Schneebedeckung seit 1970 abgenommen – am meisten im Bereich zwischen 1100 und 2500 Meter über Meer. Die Schneesaison beginnt durchschnittlich 12 Tage später und endet rund 25 Tage früher. Damit wird Wintersport zum Risiko. Wirtschaftlich. Was man sich in Braunwald fragt, fragt man sich auch anderswo: Müssen wir uns von diesem Sport verabschieden?

Drei Anfragen, drei sorgenvolle Antworten:

  • «Die Leute erwarten, im Dezember Ski fahren zu können – weil dies grössere Skigebiete mit Kunstschnee möglich machen», sagt Fritz Trümpi, Verwaltungsratspräsident der Sportbahnen Braunwald.
  • «Das Geschäft an Weihnachten und Neujahr macht einen grossen Teil des Umsatzes aus. Wenn dann der Schnee ausbleibt, kann man das in der laufenden Saison nicht mehr kompensieren», sagt Mathias Vögeli, Gemeindepräsident von Glarus-Süd.
  • «Das dritte Mal nacheinander hatten wir über die Festtage keinen Schnee. Die meisten unserer Gäste kommen nur, wenn sie auf die Piste können», sagt Markus Zweifel, Besitzer des Adrenalin Backpackers Hostel in Braunwald.

Diese Situation trifft Braunwald sehr. Die 320 Einwohner im Bergdorf leben hauptsächlich vom Tourismus und der Landwirtschaft, viele Menschen aus der Region arbeiten hier. In den vergangenen zehn Jahren gingen über 200 Übernachtungsmöglichkeiten verloren. Hotels mussten schliessen, weil für die nötigen Sanierungen kein Geld vorhanden war. Eines brannte nieder, ein anderes wurde von einer Privatperson zu einer Villa umgebaut. Schon lange machen die Sportbahnen Verluste, jährlich fehlen ihnen Einnahmen von bis zu einer Million Franken.

Das Minus wächst, weil die Gäste, aus dem Aargau, aus Zürich, aus Basel und Schaffhausen, weniger werden, der Wintersport aber gleich teuer bleibt. Die Touristen, die früher aus dem süddeutschen Raum anreisten, sind wegen des starken Frankens schon lange verloren gegangen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Der Hang rund um die Bergstation ist rutschgefährdet. Der geplante Wiederaufbau des niedergebrannten Hotels am gleichen Ort, eigentlich an idealer Lage, ist darum nicht möglich. Seit zwölf Jahren baut man hier nicht mehr. Ausser dem Hostel Adrenalin gibt es nur noch fünf Hotels, darunter das Märchenhotel Bellevue, ein 4-Stern-Familienhotel. Die meisten Unterkünfte sind aber Ferienwohnungen.

Braunwald entdeckt den Sommer

Dass etwas gehen muss, um Braunwald zu retten, haben inzwischen alle eingesehen. Leute aus dem Kanton und der Gemeinde gründeten Arbeits­gruppen, die BDP reichte im kantonalen Parlament einen Vorstoss ein. Es ist jetzt viel die Rede von ­Projekten, Konzepten. Investitionen, Innovationen. Begriffe, die mehr verbergen als offenbaren. Gewiss ist nur: Künstliche Beschneiung ist zu teuer, das Wasser dafür zu knapp.

«Die Leute erwarten, im Dezember Ski fahren zu können - weil dies grössere Skigebiete mit Kunstschnee möglich machen». Skifahrer in Saas-Fee, im Dezember 2016. Bild: Keystone/ Manuel Lopez

Hilfe sucht man sich auch ausserhalb des Kantons. Die Sportbahnen Braunwald haben eine externe Beratungsfirma engagiert, die herausfinden soll, ob der Wintertourismus in Braunwald überhaupt noch funktionieren kann. Oder ob man besser daran täte, ganz auf den Sommertourismus zu setzen. In einem sind sich die Beteiligten einig: Braunwald muss klarmachen können, warum die Gäste ausgerechnet hierher kommen sollen.

Aber wie? Drei Anfragen, drei Erklärungen:

  • «Es ist ein familienfreundlicher Ort. Alle müssten mehr Mut haben und sich voll darauf spezialisieren», sagt Patric Vogel, Besitzer des Märchen­hotels Bellevue.
  • «Wir bieten Entschleunigung und Ruhe. In Braunwald geht alles ein wenig langsamer», sagt Zweifel vom Hostel Adrenalin.
  • «Wir haben schon sehr lange den Slogan ‹Braunwald – autofrei›, werden aber von einem grossen Teil unserer Gäste nicht mehr so wahrgenommen. Das müssen wir unbedingt ändern», sagt Fridolin Hösli, Geschäftsführer von Braunwald Tourismus.

Familienfreundlich, autofrei, entspannend – Braunwald will wieder dort sein, wo es sich seit ­langem wähnt: hoch über dem Alltag.

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Damit dieses Gefühl genau dann einsetzt, wenn die Gäste in Linthal aus dem Zug aussteigen, hat Braunwald Tourismus eine Kampagne gestartet: «Braunwald willkommen». Bevor die Leute mit der Standseilbahn hochfahren, werden sie von An­gestellten empfangen, die sie begrüssen und da­rüber informieren, was man in Braunwald unternehmen kann, die ihnen mit dem Gepäck helfen. Der Gast soll sich willkommen fühlen. So will­kommen, dass er wiederkehrt.

Damit dieses Gefühl anhält, wenn die Besucher oben in Braunwald aussteigen, will man den Verkehr eindämmen. Die Auswärtigen sind nämlich ­irritiert: Dieselbetriebene Fahrzeuge sind oft das Erste, das sie sehen. Und riechen. Das aber ist das Letzte, das die Gäste an einem autofreien Ort erwarten. Und das ist es, worüber sie sich am meisten beschweren. Mit ihrer Kritik treffen sie Braunwald empfindlich: bei der Glaubwürdigkeit.

Das Märchenhotel befördert Waren und Gäste nur mit Elektroautos.

Nun möchte man diese Fahrzeuge nach und nach durch elektrische ersetzen – ausgenommen sind jene für landwirtschaftlichen und gewerb­lichen Transport. Eine Elektrokutsche gibt es bereits, und das Märchenhotel befördert seine Waren und Gäste nur mit Elektroautos. Weil diese aber teurer sind als die üblichen Fahrzeuge, soll der Kanton die Differenz des Betrags aus dem Energiefonds bezahlen – so zumindest sieht es das braunwaldsche Konzept vor. Ob es durchkommt, ist ­fraglich.

Damit dieses Gefühl, in Braunwald hoch über dem Alltag gewesen zu sein, auch nachwirkt, wenn der Gast schon längst wieder daheim ist, plant man noch anderes. Es ist eine alte Sehnsucht, die mit dem neuen Verkehrskonzept wieder aufkommt: dass Braunwald einfacher erreicht werden müsste. Unter Glarnern ist bekannt, dass man Geduld braucht, bis man auf der Piste ist. Von der Bergstation geht es zuerst mit der Gondelbahn hoch zum Hüttenberg, wo man auf die nächste Gondelbahn umsteigen muss – und wo bereits schon andere warten: Schlittenfahrer, Schneeschuhwanderer, ganze Skischulen. Erst viel später, oben bei der ­Station Grotzenbüel angelangt, kann man endlich die Hänge hinunterfahren.

Das Dorf braucht 25 Millionen

Würde man die Standseilbahn direkt vom Tal bis zum Hüttenberg verlängern oder durch eine Luftseilbahn ersetzen, fiele das Umsteigen weg. Die ­Anreise wäre bequemer und schneller. Und für Braunwald wäre das ein Gewinn, weil es einen seiner grössten Nachteile loshätte. Aber auch hier: Ob das Glarnervolk diesem Vorhaben an der Lands­gemeinde zustimmen würde, ist offen. Manche wenden zudem ein, dass man damit das Dorf und seine Bewohner abhängen würde. Unsicher ist das Projekt auch, weil der Kanton rund 25 Millionen Franken sprechen müsste. Die wirtschaftliche Bedeutung des Glarner Tourismus werde von der Politik wohl als zu gering empfunden, sagt Fridolin Hösli, der Tourismuschef von Braunwald.

Kommt hinzu, dass sich die Gesellschaft gewandelt hat. Hätte früher jeder Bub Ski fahren wollen, wolle heute jeder lieber Fussball spielen, sagt Verwaltungsratspräsident Trümpi. Er vergleicht den Wintersportort mit der öffentlichen Sportanlage Buchholz in Glarus: Während Ski fahren ein privater und teurer Sport ist, kann jeder im Buchholz seine Rennschuhe anziehen, gratis auf der Bahn seine Runden drehen und danach noch auf den Fussballplätzen spielen. Erst wenn sich die Öffentlichkeit an den Kosten der Wintersportanlagen ­beteilige, glaubt Trümpi, würden die Leute auch wieder öfter Wintersport machen.

«Das Vertrauen potenzieller Investoren fehlt ­wegen der bekannten Schwierigkeiten, die Braunwald hat.»Fridolin Hösli, Braunwald Tourismus

Diese Suche nach Investoren, nach einer Verteilung der Kosten kennt nicht nur die Gemeinde Glarus-Süd. Auch die Hotels und Sportbahnen in Braunwald bräuchten Private, die sie unterstützen. Ausser dem Märchenhotel, das sich laufend bauliche Renovationen und Erweiterungen leistet und gerade eine Luxussuite mit Dachterrasse, Whirlpool und Rutschbahn über zwei Stockwerke fertig gebaut hat, verfügt kaum jemand über die nötigen Mittel.

«Das Vertrauen potenzieller Investoren fehlt ­wegen der bekannten Schwierigkeiten, die Braunwald hat», sagt Tourismuschef Hösli.

«Wenn ich einen Investor finden könnte, würde ich sofort einen Wellnessbereich bauen», sagt Zweifel vom Adrenalin. Damit er für schneearme Winter mit einem Alternativangebot gewappnet wäre.

Was bringen aber Projekte und Ideen, wenn ­keiner dafür zahlen will?

Als sich Patric Vogel vor mehr als sechs Jahren überlegte, ob er wieder ins Glarnerland zurückkehren und das Märchenhotel seiner Eltern übernehmen will, wusste er, dass es nicht einfach werden würde. Braunwald habe es dreifach schwer, sagt er: Erstens gehöre der Kanton Glarus nicht zu den wirtschaftlich erfolgreichsten. Zweitens sei die Gemeinde Glarus-Süd von allen drei die schwächste. Und drittens ist die Tourismusbranche immer mit besonderen Herausforderungen konfrontiert.

Trotzdem: Vogel hatte sich dafür entschieden und in den vergangenen fünf Jahren mehr als fünf Millionen Franken in sein Haus investiert. Er und seine Frau konzentrierten sich auf das Angebot für Familien und seien damit erfolgreich, sagt Vogel: Die Gästezahl stieg, der Umsatz auch.

Peter Zumthor möchte am Dorfrand ein Musikhotel mit 70 Zimmern und einer Konzerthalle errichten, für 40 Millionen Franken.

Am Beispiel Märchenhotel hält man sich in Braunwald fest. Es gilt als Beweis dafür, dass Erfolg möglich ist, wenn man nur genug innovativ ist. Ob das auch mit dem Vorhaben des Architekten Peter Zumthor klappt? Er möchte am Dorfrand ein Musikhotel mit 70 Zimmern und einer Konzerthalle errichten, für 40 Millionen Franken. Dafür müsste man allerdings umzonen. Kommenden Monat befindet die Gemeindeversammlung darüber.

Mit solchen Projekten könne man Leute abholen und einen Boom erzeugen, ist Gemeindepräsident Vögeli überzeugt. Überhaupt sieht er die Zukunft von Braunwald nicht ganz so düster. Es gebe positive Entwicklungen. Zentral für Braunwald sei nun, wie es mit den Sportbahnen weitergehe.

Ende Februar steht deren nächster Termin an: Dann trifft sich Verwaltungsratspräsident Trümpi mit der Beratungsfirma. Und dann wird auch die Frage beantwortet, ob der Wintertourismus in Braunwald noch eine Zukunft hat. Im Frühling weiss man mehr. Wenn der Schnee taut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2017, 20:58 Uhr

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