Interview

«Der Abriss wäre für mich der finanzielle Ruin»

Am Neuenburgersee tobt seit Jahren ein Streit um ein Naturschutzgebiet. Umweltverbände fordern, dass dortige Ferienhäuser abgerissen werden. Ein Besitzer sagt, was das für ihn emotional und finanziell bedeuten würde.

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Herr Cadsky, Ihre Familie besitzt ein Ferienhaus im Seeuferfeuchtgebiet in Cudrefin. Damit sind Sie Umweltschützern ein Dorn im Auge.
Ja, das sind wir, obwohl ich nicht verstehen kann, wieso. Am Ufer von Cudrefin stehen seit Jahrzehnten zirka 40 Fahrnisbauten. Bewohnbar sind die Häuser aufgrund ihrer Bausubstanz gerade einmal drei Monate im Jahr. Für die Öffentlichkeit ist das Gebiet frei zugänglich und keineswegs abgeschottet wie in anderen Seeregionen. Die Natur hat sich mit der Situation sehr gut arrangiert. Die Besitzer sind sich bewusst, dass ihr Objekt in einem Naturschutzgebiet steht, und verhalten sich dementsprechend.

Zum Beispiel?
In erster Linie halten sich die Anwohner strikt an die Regeln, die in einem Naturschutzgebiet herrschen. Dazu gehören so banale Dinge wie keinen Abfall liegen zu lassen, aber auch ein Verbot von Feuerwerken oder Reitausflügen. Wenn ein Vogel auf dem Hausdach ein Nest baut, dann bleibt dieses genau dort, wo es der Vogel haben wollte. Viele gehen sogar so weit, dass sie Spaziergänger auf ein allfälliges Fehlverhalten hinweisen. Bringe ich einmal Gäste mit in unser Ferienhaus, halte ich ihnen zuerst eine halbstündige Ansprache darüber, was sie tun dürfen und was nicht. Ich glaube nicht, dass wir einen negativen Einfluss auf die Umwelt hier haben. Beobachte ich die Natur, gibt sie mir recht. Jedes Jahr haben wir hier mehr Frösche, mehr Vögel oder mehr Schilf.

Wie ist das Haus in die Hände Ihrer Familie gelangt?
Mein Grossvater hat das Gebäude vor zirka 60 Jahren einem Fischer abgekauft. Zu diesem Zeitpunkt stand das Haus mit zwei Zimmern sozusagen noch auf Wasser. Durch die Juragewässerkorrektion ist das Wasser schliesslich gewichen. Übrig geblieben sind die jetzigen Fahrnisbauten auf Pfählen. Fakt ist aber: Den Besitzern gehört nur das Gebäude, nicht jedoch das Land, worauf es steht. Weil dort früher Wasser war, verfügt darüber der Kanton Waadt.

Die Natur- und Heimatschutzkommission fordert vom Kanton, die Häuser abzureissen. Was würde das für Sie bedeuten?
Für mich wäre das in zweierlei Hinsicht eine Tragödie. Die Abrisskosten von 80'000 bis 100'000 Franken muss der Hausbesitzer tragen. Für mich wäre das der finanzielle Ruin. Andererseits ist da die emotionale Bindung zu Cudrefin. Ich bin sozusagen in dem Haus aufgewachsen. Dort haben mir meine Eltern beigebracht, wie man mit der Natur umgeht. Es zerreisst mir das Herz, wenn ich daran denke, dass es abgerissen werden könnte. Auch für den Kanton wäre der Abriss der Häuser ein verlustreiches Geschäft. Ich denke, damit ginge einiges an Steuergeldern verloren.

Häuser mit direkter Lage am See sind beliebt. Könnten Sie Ihr Objekt nicht teuer verkaufen?
Abgesehen davon, dass ich das Haus für kein Geld der Welt verkaufen würde, verbietet der Kanton als Grundstückbesitzer den Verkauf. Genauso wie die Vermietung. Die Häuser dürfen nur in der Familie weitervererbt werden. Gibt es keine Nachkommen, wird es abgerissen. Es handelt sich dabei also keineswegs um spekulative Objekte, sondern in den meisten Fällen um traditionelle Ferienhäuser für Familien.

Diese Familien haben sich in Vereinen zusammengetan, um für ihre Anliegen zu kämpfen. Wie tun sie das?
Wir treffen uns einmal im Jahr und besprechen die aktuelle Lage. Sollte sich zum Beispiel einer der Besitzer nicht an die Regel des Naturschutzes halten, würde das sehr schnell auf den Tisch kommen und heftige Diskussionen auslösen. Aber hauptsächlich drehen sich die Gespräche bei den Treffen schon um den Disput mit den Umweltschützern. Dann erzählt uns der Präsident, wie die Gespräche mit der Natur- und Heimatschutzkommission gelaufen sind – und wie lange wir wieder einen Aufschub gewährt bekommen haben. Wirklich Ruhe wird es wohl nicht geben.

Erstellt: 20.01.2013, 22:06 Uhr

Besitzt ein Ferienhaus in Cudrefin im Kanton Waadt: Philip Cadsky.

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