Porträt

Der Anti-Mörgeli

Von Professor Flurin Condrau weiss man vor allem eines: Er ist der Vorgesetzte von Christoph Mörgeli. Und sonst?

Christof Mörgelis Chef: Seinen Wechsel nach Zürich 2011 hatte sich der Medizinhistoriker Flurin Condrau lang überlegt.

Christof Mörgelis Chef: Seinen Wechsel nach Zürich 2011 hatte sich der Medizinhistoriker Flurin Condrau lang überlegt. Bild: Alex Spichale («Aargauer Zeitung»)

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Vielleicht bedauert Christoph Mörgeli inzwischen, dass damals, im Frühjahr 2010, der medizinhistorische Lehrstuhl an der Universität Zürich nicht mit dem Mediziner Thomas Schlich besetzt worden war. Schlich war der Wunschkandidat der Berufungskommission. Und er ist Deutscher. Wäre Mörgeli von ihm schlecht benotet worden – es wäre eine Steilvorlage für den SVP-Nationalrat gewesen. Ein Freipass, um sich als Globalisierungsopfer, als Opfer klandestiner deutscher Professorenseilschaften in Szene zu setzen.

Doch Schlich, ein Top Shot der Medizingeschichte, sagte der Uni ab (nachdem seine Berufung bereits von einzelnen Medien vermeldet worden war). Also kam Nummer zwei zum Zug: Flurin Condrau, ein Zürcher mit Bündner Wurzeln. Ein richtiger Schweizer also.

Der 46-Jährige hat in den 80er- und frühen 90er-Jahren in Zürich Geschichte, Soziologie und Volkswirtschaftslehre studiert. Die Erinnerungen von Mitstudierenden und Dozenten haben einen gemeinsamen Nenner: Condrau fiel in der Studentenmasse auf. Erstens seiner Klugheit wegen. «Er war einer der ganz Schlauen, ein Überflieger», sagt ein damaliger Assistent. Zweitens sei Condraus ausgeprägter Ehrgeiz nicht zu übersehen gewesen. Oft habe er sich zu Wort gemeldet, wobei er schon als Student «sehr professoral» aufgetreten sei.

«Grausam am Leiden»

Nach dem Abschluss in Zürich wechselte Condrau nach München, wo er beim inzwischen pensionierten Sozial- und Wirtschaftshistoriker Reinhard Spree doktorierte. Sprees Lehrstuhl galt als ausgezeichnete Adresse für Historiker im deutschen Sprachraum. Condrau schrieb eine Arbeit, die sich mit der Tuberkulose, dem Schicksal der Patienten und den Therapieversuchen in den Sanatorien befasste. Dabei gewann er «für die Medizingeschichte wichtige Erkenntnisse», sagt Christoph Gradmann, Professor für Medizingeschichte in Oslo. Condrau habe das bis in die Gegenwart von Thomas Manns Roman «Zauberberg» dominierte Bild der Sanatorien «vom Kopf auf die Füsse gestellt», so Gradmann. «Dank Condrau weiss man heute, dass viele Tuberkulosepatienten nicht jahrelang in den Sanatorien vor sich hin litten, sondern oft nur relativ kurz dort weilten.»

Von München zog Condrau nach Grossbritannien, wo er zuerst in Sheffield, dann an der Universität von Manchester tätig war. Condrau ist bis heute in der britischen Szene gut vernetzt, zeitweise war er Präsident einer wichtigen Fachgesellschaft. Dass sich Condrau in Grossbritannien einen guten Ruf erwerben konnte, ist umso bemerkenswerter, als das Land als wichtigstes Zentrum der medizingeschichtlichen Forschung in Europa gilt. Nirgendwo wird so viel und so gut geforscht wie auf der Insel. Mit dem Wellcome Trust, einer Stiftung zur Förderung der biomedizinischen Forschung, verfügt das Land über ein höchst potentes Finanzvehikel. Hunderte von Millionen Franken verteilt der Wellcome Trust jährlich – ein ansehnlicher Teil davon fliesst in die Erforschung der Medizingeschichte.

Kritischer Zustand des Museums war uniintern längst bekannt

Gleichwohl wechselte Condrau 2011 an das Zürcher Institut. Dieses hatte einst einen sehr guten Ruf. Erwin Heinz Ackerknecht, bis 1971 Inhaber des Lehrstuhls, hat das bis heute bekannteste medizinhistorische Lehrbuch geschrieben. Doch mit der Zeit verlor das Zürcher Institut seine Dynamik.

Dass Condrau lange gezögert hat, ob er die gut bezahlte Stelle in der Schweiz annehmen und mit seiner Familie nach Zürich kommen soll, mag auch am angekratzten Image der Zürcher Medizingeschichte gelegen haben. Noch mehr zu denken gegeben hat ihm aber die Causa Mörgeli. Mehrere Quellen bestätigen, Condrau sei sich bewusst gewesen, dass er sich mit dem Museum und dessen Leiter ein Problem aufladen – und dass es früher oder später zur Eskalation kommen würde. Denn dass sich das Medizinhistorische Museum in einem kritischen Zustand befindet, war uniintern längst bekannt. Condrau selbst will sich nicht äussern und verweist an die Pressestelle der Uni.

In Zürich angekommen, nahm sich der neue Lehrstuhlinhaber zügig der Situation am Museum an. Ob er damit gerechnet hat, dass die Auseinandersetzung mit Christoph Mörgeli derart hohe Wellen schlagen würde, bleibt sein Geheimnis. Ein Vertrauter des Professors sagt: «Condrau ist grausam am Leiden», die Sache raube ihm den Schlaf.

Ein linker Sozialhistoriker?

Flurin Condrau bekommt im Zürcher Unimilieu für sein bisheriges Wirken viel Anerkennung. Unimitarbeiter von inner- und ausserhalb des Instituts berichten, dass der medizinhistorische Lehrstuhl jahrelang ein Schattendasein gefristet habe. Die Vernetzung mit dem Historischen Seminar und anderen verwandten Uni- und ETH-Einrichtungen sei nur marginal gewesen. Das habe unter Condrau geändert. Beleg dafür sei dessen Mitgliedschaft im Kompetenzzentrum «Geschichte des Wissens», das Uni und ETH gemeinsam betreiben.

Aus Christoph Mörgelis Sicht ist Condrau ein sogenannter Sozialhistoriker, abgehoben und theoriefixiert, während er selbst sich als bodenständigen Kulturhistoriker sieht. Den zentralen Unterschied zwischen den beiden Historikertypen sieht der Nationalrat freilich im Politischen: Die Sozialhistoriker sind aus der Mörgeli-Perspektive Anhänger einer «linksgerichteten Schule». Geht es in der Auseinandersetzung am medizinhistorischen Institut also doch im Kern um Politik? Medizinhistoriker Gradmann winkt ab: «Wer die Sozialgeschichte als ‹linksgerichtete Schule› bezeichnet, ist in den 80er-Jahren stehen geblieben. Diese Diskussion ist längst vorbei. Sozialgeschichte ist eine Methode, keine Weltanschauung. Heute pflegen auch politisch konservative Historiker die Sozialgeschichte.» Im Übrigen sei Condrau selbst gar kein klassischer Sozialhistoriker, sagt Gradmann. Er sei vielmehr «ein Allround-Medizinhistoriker mit einem Schwerpunkt in der modernen Medizin».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2012, 07:35 Uhr

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