Der Arzt kommt per Videoschaltung

In einigen Apotheken werden Ärzte per Video zugeschaltet – die schweizweite Einführung ist in Planung. Einige Kassen übernehmen die Kosten schon, doch die Dienstleistung ist nicht unumstritten.

Wird der Gang zum Arzt durch die Apotheke ersetzt? Videogespräch mit einem Medgate-Arzt. (Archivbild)

Wird der Gang zum Arzt durch die Apotheke ersetzt? Videogespräch mit einem Medgate-Arzt. (Archivbild) Bild: PD

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In die Apotheke statt zum Arzt – werden so in Zukunft Erkrankungen wie Grippe oder Blasenentzündung behandelt? Das zumindest verspricht Netcare, ein Pilotprojekt vom Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse, dem Zentrum für Telemedizin Medgate sowie der Krankenversicherung Helsana. Gestartet im April 2012, soll das Angebot zwei Jahre lang in 200 ausgewählten Apotheken im ganzen Land getestet werden.

Wie der «SonntagsBlick» jedoch in seiner heutigen Ausgabe berichtet (Artikel online nicht verfügbar), soll bereits am 12. November in der Delegiertenversammlung von Pharmasuisse über eine landesweite Einführung abgestimmt werden – über ein halbes Jahr vor Projektende. «Im Frühjahr dehnen wir Netcare auf die ganze Schweiz aus», zeigte sich Pharmasuisse-Direktionsmitglied Martine Ruggli zuversichtlich im «SonntagsBlick».

Laut Ruggli verlief das Pilotprojekt bisher erfolgreich: Über 3600 mal sollen Patienten das Angebot in den letzten 17 Monaten in Anspruch genommen haben. Eine unabhängige wissenschaftliche Studie begleitet das Projekt, doch bisher sind keine genauen Ergebnisse zu Erfolg oder Einnahmen bekannt.

Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten

Der Besuch einer Netcare-Apotheke – erkennbar durch ein grünes Logo mit Bildschirm und Stethoskop – könnte etwa so ablaufen: Ein Patient klagt über Schmerzen im Nackenbereich, konnte jedoch aufgrund seiner langen Arbeitszeiten bisher keinen Arzt aufsuchen. Da die Schmerzen nach ein paar Tagen nicht abgeklungen sind, entschliesst er sich, die Krankheitsursache abklären zu lassen. An einem Samstag etwa hätte er dafür zwei Möglichkeiten. Er könnte ein Spital aufsuchen – und möglicherweise eine lange Wartezeit in Kauf nehmen. Eine weitere Möglichkeit wäre der Besuch einer Netcare-Apotheke. Mithilfe eines speziellen Fragenkatalogs stellt der Apotheker eine Diagnose.

Bei Zweifeln – und das ist das Besondere an Netcare – kann per Videoschaltung ein Arzt hinzugezogen werden. Die Beratung in der Apotheke kostet den Patienten 15 Franken. Wird der Arzt zugeschaltet, kommen weitere 48 Franken dazu. Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten schon, andere haben angekündigt, das Angebot in die Grundversicherung aufzunehmen.

«An der Effektivität von Ferndiagnosen habe ich Zweifel»

Für die Apotheken ist Netcare ein Instrument, um Gesundheitskosten zu senken. Auch wenn die Anschaffung von Videogerät und die Fortbildungen mit etwa 10'000 Franken relativ hoch sind, erhofft man sich Mehreinnahmen, die die Kosten decken. Die Broschüre des Pharmaverbands verspricht eine «rasche und unkomplizierte medizinische Beratung». Doch längst nicht jede Krankheit lässt sich durch den Dienst abdecken. Für 20 typische Krankheitsbilder sind die Apotheker geschult, alle anderen werden zum Arzt weiterverwiesen.

Das Projekt ist keineswegs unumstritten. Urs Stoffel, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, stand dem Projekt von Beginn an kritisch gegenüber. «Am Bildschirm hat ein Arzt nicht die gleichen Möglichkeiten wie im Direktkontakt», sagte er schon vor Projektstart. Ähnlich sieht das auch Fritz Murray, Arzt für Innere Medizin an einem Zürcher Krankenhaus. «Einen Patienten selbst zu untersuchen ist etwas komplett anderes», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

So brauche ein Arzt, der durch einen Bildschirm Diagnosen stellen muss, umso mehr Erfahrung. «Ich habe Zweifel an der Effektivität von solchen Ferndiagnosen», so Murray. Die Gefahr, falsch zu liegen, sei bedeutend höher. Viele Untersuchungen – selbst bei leichten Erkrankungen – liessen sich über die Videoschaltung nicht durchführen. «Die Beurteilung beruht ja allein auf den Schilderungen der Patienten», erklärt Murray. So sei es schwer, die subjektive Wahrnehmung von medizinischen Symptomen zu unterscheiden.

Teil der Kosten zurückerstatten

Auch die hohen Anschaffungskosten von 10'000 Franken können problematisch sein. Besonders für eine Apotheke auf dem Land würde die Rechnung also möglicherweise nicht aufgehen. Laut «SonntagsBlick» soll Pharmasuisse selbst daher für einen Kostenausgleich sorgen. Man wolle den beteiligten Apotheken einen Teil der Kosten zurückerstatten. Das soll möglichst Viele dazu bewegen, das Angebot für ihre Kunden einzurichten.

Die niedrigeren Gesundheitskosten bei höheren Einnahmen sind zweifelsohne im Interesse der Apotheken. Gleichzeitig werden Hausärzte und Spitäler bei der Behandlung von Krankheiten wie Grippe entlastet. Das hält auch Fritz Murray für einen Vorteil. «Natürlich nimmt dieses Angebot uns Spital- oder Hausärzten Arbeit ab», so Murray. «Wenn sich ein Patient richtig krank fühlt, geht er jedoch wahrscheinlich trotzdem eher ins Spital als in die Apotheke», ist sich der Arzt sicher.

Erstellt: 27.10.2013, 17:17 Uhr

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