Porträt

Der Bergler im Chefsessel

Die Rega kämpft um ihren Marktanteil in der Luftrettungsbranche. Ihr Chef Ernst Kohler steht wegen seines Gehalts in der Kritik. Doch im Gegenwind, so scheint es, blüht das Kind einer Berglerdynastie erst richtig auf.

Rega-Chef Ernst Kohler: Ein grosser Diplomat ist der kernige Bergler nicht. Foto: Tom Kawara

Rega-Chef Ernst Kohler: Ein grosser Diplomat ist der kernige Bergler nicht. Foto: Tom Kawara

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Er ist müde. Der Bergführer sitzt im Bürosessel, schliesst seine Augen, die kurze Nacht fordert ihren Tribut. Im Hintergrund die Konturen der Gipfel des Rosen-, Mittel- und Wetterhorns. Das Bild erinnert Ernst Kohler, Chef der Rega, an sein Zuhause, an seine Vergangenheit. Es war ein steiler Weg vom Berner Oberland bis ins Büro des Rega-Sitzes am Rand des Zürcher Flughafens.

Seit einigen Wochen stehen er und sein Unternehmen in der Kritik. Aufgeben ist nicht sein Stil: damals als Bergführer genauso wenig wie heute als Chef eines Unternehmens mit mehr als 300 Mitarbeitern. Teil des Sturms, der über die Rettungsflugwacht niedergeht, ist die Diskussion um Kohlers Lohn: Unverdient sei dieser für den Chef einer Stiftung. Ungerecht sei diese Kritik, kontert Kohler, der neun Jahre lang als Richter am Kreisgericht Interlaken-Hasliberg selbst Recht sprach. Mit mehr als 400 000 Franken jährlich ist er wohl der bestbezahlte Bergführer der Schweiz: Noch heute steht sein ehemaliger Beruf neben seinem Namen im Telefonbuch.

Der «kleine Oberst»

Seine Karriere gleicht derjenigen des Tellerwäschers, der zum Millionär wurde. Gelernt hat Kohler ursprünglich den Beruf des Elektromonteurs – im tiefsten Haslital. Dort ist der heute 50-Jährige aufgewachsen, dort hat seine Familie ihre Wurzeln. Sein Bruder Peter ist Verwalter der Gemeinde Meiringen. Aber auch Ernst Kohler ist in der Gemeinde bekannt: Er amtete dort als Flugplatzchef von Meiringen. Der «kleine Oberst», wie ehemalige Dienstkollegen Kohler scherzhaft nennen, weil er rund ein Kopf kleiner ist als der Durchschnittsmann, wurde in der Armee gross. Rekrut Kohler absolvierte die Ausbildung zum Helikopterwart und liess sich später als Windenoperator weiterbilden. Gleichzeitig wurde aus dem jungen Bergführer ein Bergretter. Massgeblich am Aufbau des einzigen Gebirgsdetachements der Schweizer Luftwaffe beteiligt, übernahm er später dessen Leitung.

2006 – Kohler war inzwischen mit einem Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft ausstaffiert – trat er seinen Posten als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Rega an. Er verliess das Haslital, wohnte vorübergehend mit zwei seiner Kinder in einer Wohngemeinschaft in Zürich. Später zogen Kohlers nach Meggen. Bald schon zeigte sich die Fähigkeit des Retters, eine komplexe Situation rasch zu erfassen, zu entscheiden und zu handeln: Kohler vollzog mit einer neuen Geschäftsstruktur den letzten Schritt hin zu einer nach einem betriebswirtschaftlichen Konzept aufgestellten Firma. Aus den Pionieren der Luftfahrt sind Profis geworden.

Kohler verteilte die Verantwortung auf mehrere Schultern, holte junge Führungskräfte an Bord. Als seine «Abnicker» will er diese keinesfalls verstanden wissen: «Ich stelle Leute ein, die besser sind als ich. Sie können mir etwas vormachen und fordern mich heraus. Gemeinsam finden wir den richtigen Weg.» Dieser führte in den vergangenen Jahren nach oben: Die Bilanzsumme der Rega ist unter dem neuen Chef von 399 auf 552 Millionen Franken gestiegen, die Anzahl Gönner nimmt kontinuierlich zu.

Farbe Gelb ist ein Dorn im Auge

Früher führte er Touristengruppen an, heute steht er einer Rettungsorganisation vor, die dem Pionieralter entwachsen ist. Andere würden vielleicht an seiner Stelle das gemachte Nest geniessen und sich auf den Lorbeeren der Reputation der Luftretter ausruhen. Doch Kohler kann nicht ruhen, das liegt nicht in seiner Natur. Gelangt der Rega-Chef zur Überzeugung, dass Veränderungen nötig sind, will er Taten sehen, ohne Verzug. Das fordert er von sich ebenso wie von seinem Team. Ganz der Bergführer, setzt er sich und seiner Seilschaft Ziele. Einige der Weggefährten von «Kohler Ernst», wie sie ihn nennen, schreiben diesen Ehrgeiz seiner Körpergrösse zu; für andere ist es der Charakterzug des Sprösslings einer Berglerdynastie.

Als Bergretter «Aschi» war Kohler stets mit gelben Handschuhen und gelbem Helm unterwegs. Heute dürfte ihm diese Farbe ein Dorn im Auge sein: Sie verkörpert die neue Konkurrenz der Rega, den Jet und den Helikopter des Touring-Clubs Schweiz (TCS). Eine Herausforderung für Kohler. «Wir wollen die beste Luftrettungsorganisation der Welt sein», so lautete sein ehrgeiziges Ziel, als ihm und der Rega der Swiss Leader Award 2012 verliehen wurde. Der Hang zur Perfektion gepaart mit den teils tragischen Erfahrungen, die Kohler als Bergführer und -retter gesammelt hat, macht aus ihm einen fordernden Geschäftspartner.

Das stellte die Aargauer Regierung kürzlich fest, als sie von der Rega verlangte, die Helikopter des TCS zu disponieren. Kohlers Antwort war unmissverständlich: die Standards der Rega müssten in diesem Fall auch für den gelben Hubschrauber gelten. Weil es um die Sicherheit und die Gesundheit von Patienten und Mitarbeitern geht, ist er kompromisslos und scheut dabei weder die Konfrontation noch das öffentliche Urteil. Trotzdem sprechen ihm Mitarbeiter und Dienstkollegen keineswegs die Fähigkeit ab, Mittelwege einzuschlagen und seine Meinung zu revidieren.

Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen haben Ernst Kohlers Kritiker auf den Plan gerufen. Einstige Mitarbeiter nennen ihn selbstherrlich, seinen Führungsstil diktatorisch. Ein grosser Diplomat ist er jedenfalls nicht. Ganz der kernige Bergler, tritt er im Gespräch mit der Journalistin mit Ecken und Kanten auf und nennt die Dinge beim Namen, egal, wen er damit trifft.

Inzwischen ist aus Aschi dem Bergretter «Monsieur Rega» geworden. Die feuerfeste Retterkleidung ist einem Anzug gewichen. Darin steckt aber nach wie vor der Mann, der es gewohnt ist, sich widrigen Bedingungen auszusetzen und zu kämpfen. Der Stiftungsausschuss und die Rega-Belegschaft stehen wohl auch deshalb hinter dem manchmal unnahbaren Chef, der im Gang nicht immer grüsst und zu wenig im Hangar präsent ist. Vielleicht deshalb, weil sie wissen: Er wird den Gipfel erreichen – und mit ihm sein Team.

Erstellt: 17.08.2013, 06:30 Uhr

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