«Der Bezug zum Wohnort ist bei vielen Schweizern stark»

Deal zwischen NZZ und AZ: Rettet schiere Grösse die Schweizer Medienhäuser? Antworten von Publizistikprofessor Otfried Jarren.

Legen ihre regionalen Titel zusammen: Die NZZ-Gruppe und die AZ Medien.

Legen ihre regionalen Titel zusammen: Die NZZ-Gruppe und die AZ Medien. Bild: Keystone

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Der Markt für kostenpflichtige Tageszeitungen in der Schweiz ist hart. Steigen mit grossen Zusammenlegungen wie aktuell zwischen den AZ Medien und der NZZ-Gruppe oder jener innerhalb des Tamedia-Konzerns, der auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet herausgibt, die Chancen auf ein längerfristiges Überleben?
Die Hoffnung der Verlage ist, dass ihnen die Konzentration eine genügend grosse Finanzkraft gibt, um die Umstellung auf einen mehr oder minder vollständig digitalisierten Markt zu schaffen und darin auch bestehen zu können. Wenn man aber davon ausgeht, dass der Medienkonsum der Bevölkerung immer stärker durch Algorithmen gesteuert wird und das Abonnement eines Titels noch häufiger durch eine sehr unterschiedlich zusammengesetzte Einzelnutzung ersetzt wird, dann stellt sich natürlich schon die Frage, ob es in Zukunft Bezahlmodelle geben wird, die diesem veränderten Konsumverhalten gerecht werden. Und ob man dem mit der Schaffung von grösseren Einheiten gerecht wird.

Die Konzentration der Medien ist in der Schweiz noch weniger weit als in anderen Ländern. Was sind die Erfahrungen im Ausland? Hat dort die Konzentration den Verlagen geholfen, sich besser zu positionieren?
Vergleiche zwischen dem Ausland und der Schweiz sind schwierig, weil die Bedingungen hierzulande sehr anders sind. Der Zeitungsmarkt in der Schweiz ist traditionell viel stärker regionalisiert und es gibt hierzulande immer noch vergleichsweise viele Titel. Hinzu kommt, dass in der Schweiz die Lesekultur viel stärker ausgeprägt ist als in anderen Ländern, weshalb auch der Anteil der Zeitungen am Werbemarkt noch immer vergleichsweise hoch ist. Allerdings mussten sie bei den Werbeeinnahmen in den letzten Jahren sehr starke Einbrüche verkraften.

Auffällig ist doch: In den Nullerjahren setzten viele Schweizer Zeitungen auf das Regionale, die Nähe zum Leser. Setzt jetzt eine Gegenbewegung ein? Wieso geht es jetzt plötzlich um nationale Grösse?
Der lokale Markt lässt sich redaktionell und auch von der Werbung her noch immer relativ gut bearbeiten. Der Bezug zum Wohnort ist bei vielen Schweizern weiterhin stark. Schwierig wird es bei der Region. Die Menschen bewegen sich heute im Alltag in viel grösseren Räumen als früher und identifizieren sich deutlich weniger mit einer bestimmten Region. Das Interesse an lokalen Informationen ist nach wie vor da, bei relativ grossen Räumen, wie sie die einzelnen Regionalzeitungen bislang abdeckten – die Nordwestschweiz oder die Ostschweiz –, ist das Interesse jedoch nicht mehr besonders ausgeprägt.

Viele Schweizer interessieren sich also für das, was direkt vor der Haustür passiert, und die grossen nationalen und internationalen Themen. Das heisst aber auch, dass es für jene, die den Raum dazwischen abdecken, schwierig wird?
Ja, das zeigt sich auch in anderen Märkten. Die Identifikation mit der Region ist anders als mit einem Ort oder einem Land weniger ausgeprägt.

Dann stört es einen Leser aus der Region St. Gallen also auch nicht, dass er den gleichen Artikel zu einem nationalen Thema vorgelegt bekommt, wie ein anderer Leser aus der Region Aarau? Was sagt die Forschung?
Da bin ich skeptisch. Denn das politische oder gesellschaftliche Denken ist in der Schweiz sehr stark regional ausgeprägt, viel stärker als in anderen Ländern. Wenn dieser regionale Bezug in einer Zeitung verloren geht, stellt sich schon die Frage, warum sie überhaupt noch gelesen werden soll. Der Zugang zur Welt oder der Zugang zu einer bestimmten Information ist nun mal geprägt von einer bestimmten Sicht. Die Ostschweiz ist anders als die Zentral- oder die Nordostschweiz. Den unterschiedlichen Ansprüchen verschiedener Regionen in einer Redaktion gerecht zu werden, ist schwierig.

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Hier kommt dann der Vorwurf: nur noch Einheitsbrei.
Der Einheitsbrei ist aus der Leserperspektive ein Problem. Es stellt sich einem Leser doch die Frage, ob er für etwas zahlen soll, das sich kaum vom Angebot anderer Anbieter unterscheidet. Alleinstellungsmerkmale fallen weg. Das ist die eine Seite. Die andere betrifft das Politische, die Demokratie. Es findet möglicherweise eine Entkoppelung zwischen dem politischen Raum und dem Medienversorgungsraum statt. Abstimmungen zum Beispiel können in den einzelnen Regionen unterschiedliche Auswirkungen haben. Wenn das nicht hinreichend tief reflektiert wird, kann das Probleme verursachen.

Die positive Sicht auf die Medienkonzentration ist: Statt vieler zahmer Kleinredaktionen entstehen wenige schlagkräftige Grossteams. Werden die Rechercheleistungen durch die Konzentration insgesamt nicht besser, können Journalisten so nicht eher ihre wichtige Kontrollfunktion ausüben?
Das ist eine schwierige Frage und die Forschung liefert hier keine eindeutigen Antworten. Natürlich kann man sagen, dass grössere Teams die investigativ arbeiten oder Hintergrundgeschichten machen, die Leistung einer Zeitung stärken. Allerdings wird mit dieser Sicht ein Teil der journalistischen Realität ausgeblendet: In grossen Teams herrscht auch ein stärkerer sozialer Anpassungsdruck – vor allem dann, wenn durch die Zusammenlegung von Redaktionen alternative Arbeitsorte fehlen. Hinzu kommt, dass zwar fast alle Konsumenten grundsätzlich investigative journalistische Arbeit begrüssen, jedoch unklar ist, wie gross in Realität die Zahlungsbereitschaft dafür ist.

Sie gehen also eher davon aus, dass Konzentration zu schlechterem Journalismus führt?
Nicht unbedingt. Aber das Argument, dass weniger, aber grössere Teams bessere Arbeit leisten, halte ich für wenig überzeugend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 14:29 Uhr

Otfried Jarren ist Professor am Institut für Publizistik und Medienforschung der Universität Zürich.

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