Kopf des Tages

Der Blogger von Bern

Flurin Jecker: Der 21-Jährige war einer von zehntausend Demonstranten in Bern – und doch viel mehr.

«Gut hörbare Stimme eines jungen, politischen, linken Bern»: Flurin Jecker.

«Gut hörbare Stimme eines jungen, politischen, linken Bern»: Flurin Jecker. Bild: PD

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Wenige Minuten nur – und schon ruft Flurin Jecker zurück. Zwei Tage sind vergangen, seit er in Bern zusammen mit über 10'000 vorwiegend jungen Menschen dem Aufruf «Tanz dich frei» gefolgt ist. Er ist lange Zeit ganz zuvorderst im Umzug mitgelaufen, hat getanzt und diskutiert und sich gefreut.

Jetzt ist er wieder online – und bloggt. Politische Statements auf Youtube sind das Markenzeichen des 21-Jährigen. Über 20 000-mal wurde sein offener Brief an den Berner SVP-Politiker Erich Hess anlässlich der Anti-Reitschule-Initiative im Sommer 2010 angeklickt. Sein Statement gegen die Ausschaffungsinitiative im Oktober 2010 lasen gar 30'000 Menschen. Seither ist Jecker zu «der gut hörbaren Stimme eines jungen, politischen, linken Bern» («Der Bund») avanciert. Egal, ob Gleichstellung von Frauen und Männern, Atomenergie oder Erhöhung von Studiengebühren: Flurin Jecker gibt vor der Webcam seine Meinung ab – und stellt das Statement anschliessend auf flurinjecker.wordpress.com. «Sorry, Herr Lerch! – Wir machen da nicht mit» heisst sein neustes Werk. Angesprochen ist der Berner Regierungsstatthalter Christoph Lerch, einer der Hauptprotagonisten im Streit um die Reitschule.

In erster Linie «Konsument»

Daneben bloggt der 21-Jährige in schriftlicher Form, tritt an Poetry-Slam-Veranstaltungen auf, schreibt Gedichte, Geschichten und Kolumnen – Letztere unter anderem für die Berner Studentenzeitschrift «Unikum», bei der er als Redaktor tätig ist. Er studiert im 7. Semester Biologie, bald hat er seinen Bachelor in der Tasche. «Das ist gut so», sagt Jecker, «denn eigentlich schlägt mein Herz für einen anderen Beruf: die Schriftstellerei». Seit rund einem Jahr schreibt er an seinem ersten Buch, einer «autobiografischen Erzählung in literarischer Tagebuchform».

Dieser Tage kommt der Berner aber nicht viel zum Schreiben. Es sind die Geschehnisse in seiner Stadt, die ihn umtreiben. Man könne ihn «vielleicht schon als einen der Köpfe der Bewegung» bezeichnen, sagt er, «aber mit der eigentlichen Organisation der Aktion hatte ich nichts am Hut». Er habe die Party in erster Linie als «Konsument» genossen.

Mehr als nur Partygänger

Und doch macht Jecker unumwunden klar: Er war am Samstag weitaus mehr als nur ein Partygänger. Mit seiner Teilnahme am Umzug wollte er – wie mit seinem «Lerch-Video» – politisch etwas bewirken. Es ging ihm bei allem Feiern immer auch um den «Protest gegen die Zerstörung von Freiräumen». Um den «zivilen Ungehorsam». Überhaupt findet er die Diskussion um Politik oder Party müssig: «Nur weil zehntausend Menschen bei einer Demonstration Spass haben, bedeutet das nicht, dass die Demonstration nichts wert ist. Politik und Party schliessen sich nicht aus. Vor allem dann nicht, wenn die Feier selbst den Protest darstellt.»

Ein Teil der Leute habe aber sicherlich «ohne jegliche politische Motivation» am Anlass teilgenommen, sagt er. Andere wiederum hätten diesen als Kundgebung gegen den Kapitalismus gesehen – oder gar als Plattform für den Wahlkampf genutzt.

Für Flurin Jecker überwiegt an diesem Tag aber vor allem die Freude. Sein «Lerch-Video» ist für viele zum gemeinsamen Nenner der Bewegung geworden. Innert vier Wochen verzeichnete es auf Youtube über 11'000 Klicks. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2012, 06:20 Uhr

«Sorry, Herr Lerch!»

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