Bauern kaufen weniger Pestizide – wie schädlich sie sind, bleibt offen

Neue Zahlen zeigen, dass weniger Pflanzenschutzmittel verkauft werden. Das allein sagt aber nichts darüber aus, wie stark sie die Umwelt belasten.

Ein Helikopter besprüht bei Siders im Wallis die Reben: Wie gross das Risiko dabei ist, hängt von vielen Kriterien ab. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Ein Helikopter besprüht bei Siders im Wallis die Reben: Wie gross das Risiko dabei ist, hängt von vielen Kriterien ab. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Es sind Worte des Bedauerns. Leider, so schreibt der Schweizer Bauernverband auf seiner Website, habe die Presse diese «erfreuliche Entwicklung nur sehr spärlich» aufgenommen. «Gute Nachrichten scheinen weniger wert als schlechte.»

Die «gute Nachricht» – sie stammt aus dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und berührt einen politisch sensiblen Bereich: den Einsatz von Pestiziden. Neue Zahlen zeigen, dass zwischen 2008 und 2017 die Verkaufszahlen in der Schweiz von 2237 Tonnen auf 2030 gesunken sind, was einer Abnahme um 9 Prozent entspricht. Gar 27 Prozent beträgt das Minus bei jenen Pflanzenschutzmitteln, die ausschliesslich in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt werden dürfen.

Einen besonders deutlichen Rückgang verzeichnen die Herbizide und speziell Glyphosat, dessen Verkäufe um fast 50 Prozent geschrumpft sind. Demgegenüber erhöhte sich der Absatz von Wirkstoffen, die in der biologischen Landwirtschaft eingesetzt werden können, von 600 Tonnen im Jahr 2008 auf ­deren 840 im Jahr 2017. Das ist ein Plus von 40 Prozent.


Video: Initiative fordert Lebensmittel ohne Pestizidbelastung

Lebensmittel sollen frei von Pestiziden sein. Darüber wird die Schweiz dank sieben Vätern aus Neuenburg abstimmen können. Video: SDA


Das BLW hat diese Zahlen am 4. Februar publiziert – kurz bevor die ständerätliche Umweltkommission über die Trinkwasserinitiative beriet, also jenes Volksbegehren, das zum Schutz des Trinkwassers nur noch jenen Bauern Subventionen gewähren will, die vollständig auf den Einsatz von Pestiziden verzichten.

Die Kommission stand somit unter dem Eindruck dieser «guten Nachricht», als sie entschied, der Initiative keinen Gegenvorschlag gegenüberzustellen. Das Volksbegehren kommt wohl 2020 zur Abstimmung. Ebenso ein zweites Agraranliegen, das der Bauernverband auch bekämpft: die Volksinitiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide, die auf ein Verbot von synthetischen Pestiziden abzielt. Am Montag starten die Initianten in Bern ihre Kampagne.

Risiko auch einbeziehen

Die «guten Nachrichten» aus dem Departement von Agrarminister Guy Parmelin (SVP) sind vor diesem Hintergrund politisch höchst bedeutsam. Indes: Die Statistik des BLW zeigt nur einen Ausschnitt der Wahrheit. Die Tonnagen an verkauften Pflanzenschutzmitteln sagen nicht ­alles darüber aus, wie problematisch diese Mengen für Mensch und Umwelt sind. «Eine rein mengenbasierte Betrachtung verkennt die Risiken», sagt Robert Finger, Agrarökonom an der ETH Zürich. Für eine sinnvolle Pflanzenschutzmittelpolitik brauche es einen fundierten ­Risikoindikator, doch fehle dieser noch in der Schweiz.

Was Finger meint, illustriert folgendes Beispiel: Um ein Feld, das eine Hektare gross ist, gegen Insekten zu behandeln, reichen wenige Gramm Neonicotinoide; das ist ein für die Umwelt besonders schädliches Mittel. Um die gleiche Wirkung mit dem un­bedenklichen Steinmehl zu erzielen, braucht es pro Hektare dagegen mehrere Hundert Kilogramm. Wenn also anstelle von Neonicotinoiden vermehrt Steinmehl verwendet wird, steigt in der Statistik die Verkaufsmenge an Pflanzenschutzmitteln markant, obwohl der Wechsel zu Steinmehl eine wesentliche Entlastung für Mensch und Umwelt bedeutet. Das sagt Andreas Bosshard, Leiter der Denkfabrik Vision Landwirtschaft. «Die Statistik des BLW ist daher schwierig zu interpretieren und kann irreführend sein.»

Sehr giftiger Stoff auf Platz 7

Finger zeigt in einer neuen Studie: Eine rein mengenbasierte Betrachtung kann besonders ­risikoreiche Pflanzenschutz­mittelanwendungen nicht als solche identifizieren. Zwar birgt laut Finger im Mittel eine grössere Menge Pflanzenschutz­mittel im Mittel auch grössere Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt, extrem hohe ­Risiken würden aber überhaupt nicht identifiziert.

«Eine reine Mengenreduktion sollte daher nicht das Ziel der Politik sein», sagt Finger. Um wirksame Massnahmen ergreifen zu können, brauche es vielmehr eine kombinierte Betrachtung der Menge und des Risikos einzelner Stoffe. Das gilt zum Beispiel für Chlorothalonil – ein Fungizid für Getreide und Gemüse, das in der 2017er-Liste der meistverkauften Pestizide auf Platz 7 figuriert: Es ist sehr toxisch, gerade für Wasserorganismen, und kann vermutlich Krebs erzeugen.

Auch Christian Stamm vom Wasserforschungsinstitut Eawag mahnt zur «Vorsicht bei der ­kausalen Interpretation» der BLW-Statistik. Je nach Witterung ­könne der Schädlings-, Unkraut- oder Krankheitsdruck von Jahr zu Jahr stark schwanken. 2017 etwa sei in vielen Regionen der Schweiz trocken bis sehr trocken gewesen. «Das könnte sich darauf ausgewirkt haben, dass der Bedarf an chemischen Pflanzenschutzmitteln geringer war als in anderen Jahren.» Gesicherte Daten dazu fehlen indes.

Andere Länder sind weiter als die Schweiz. Dänemark etwa hat den Risikoindikator «Pesticide Load» entwickelt und kann so detailliert die Risiken für Mensch und Umwelt in einer Masszahl ausdrücken. Alle Landwirte in Dänemark müssen ihren Pflanzenschutzmitteleinsatz rapportierten. Der Index wird so jedes Jahr neu berechnet. Vision Landwirtschaft verlangt, dass die Schweiz nachzieht.

Bund will reagieren

Das Bundesamt für Landwirtschaft hält der Kritik entgegen, dass die Verkaufsstatistik zumindest eine positive Tendenz auch für das Risiko zeige: weniger ­Anwendung von Stoffen, die ­gemäss Vision Landwirtschaft problematisch sind, sowie mehr Anwendung von Stoffen, die weniger problematisch sind. «Um diese Tendenz zu bestätigen, braucht es aber sicher zusätz­liche Instrumente», räumt das BLW ein. Das Amt will nun einen Indikator erarbeiten, der die Entwicklung des Risikopotenzials für Wasserorganismen beurteilen soll – eine Arbeit, die Teil ist des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutzmittel, mit dem der Bundesrat den Pestizideinsatz eindämmen möchte.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei dies, sagt Robert Finger von der ETH. Pflanzenschutzmittel hätten indes auch auf Lebewesen, die an Land leben, Auswirkungen. «Gerade im Lichte aktueller Diskussionen zu Insektensterben und Pestiziden greift es daher zu kurz, nur auf aquatische Lebewesen zu fokussieren.» Zudem müsse eine solche Risikobewertung auch die menschliche Gesundheit berücksichtigen.

Auf den Bund wartet also viel Arbeit – zu viel wohl. Bis alle Daten vorliegen, dürfte die Abstimmung über die beiden Agrarinitiativen längst passé sein.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.02.2019, 12:38 Uhr

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