«Der Bund missbraucht Entwicklungshilfe»

Bernd Nilles vom Hilfswerk Fastenopfer sagt, der Bund gebe viel zu viel Entwickungshilfegeld für die Betreuung von Migranten in der Schweiz aus.

«Wir müssen alle genügsamer werden»: Bernd Nilles leitet seit 2017 das Hilfswerk Fastenopfer. Foto: Franziska Rothenbühler

«Wir müssen alle genügsamer werden»: Bernd Nilles leitet seit 2017 das Hilfswerk Fastenopfer. Foto: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Nilles, glauben Sie an eine bessere Welt?
Ja. Sonst würde ich diesen Job nicht machen. Mut machen mir beispielsweise streikende Schülerinnen und Schüler. Es ist schon bemerkenswert: Nichtregierungsorganisationen betreiben seit Jahren intensive Lobbyarbeit und erreichen nur ein butterweiches CO2-Gesetz. Dann fangen die Schüler an zu streiken, Eltern schliessen sich den Demos an, und plötzlich entsteht eine ganz neue Dynamik.

Welche Bedeutung hat der Klimawandel für Sie?
Ich wuchs in einem Braunkohlegebiet Deutschlands auf. Die zahlreichen Proteste gegen den Tagebau haben mich geprägt. Heute sehe ich, wie Taifune auf den Philippinen laufend stärker werden und ganze Landstriche verwüsten. Ich halte den Klimawandel für eine der grössten Bedrohungen für die Menschheit.

Sie kommen aus Deutschland, arbeiteten in Brüssel und leiten seit zwei Jahren das katholische Hilfswerk Fastenopfer. Haben Schweizer Hilfswerke zu Recht einen guten Ruf?
Ja. Steuergelder und Spenden sind gut investiert bei uns. Angesichts der wachsenden Herausforderungen wie Klimawandel oder Migration braucht es zusätzliche Gelder. Die Schweiz ist ein sehr reiches Land. Wir verdienen 70-mal mehr als ein Bürger eines Entwicklungslandes. Besitz bringt auch Verantwortung mit sich.

Kritiker zweifeln am Nutzen insbesondere der Entwicklungshilfe.
Ich besuche seit langem unterschiedliche Projekte. Was ich da sehe, ist kein Scheitern, sondern Erfolg. Wir bei Fastenopfer und unserem reformierten Partner Brot für alle können nachweisen, dass es den Menschen dank unserer Arbeit besser geht: Wir schützen Menschen davor, in extreme Armut zurückzufallen. Wir verhelfen Menschen zu Papieren, die ihren Landbesitz verbriefen, wir schaffen Rechtssicherheit. Es ist wirklich traurig, wenn die Politik diese Arbeit nicht anerkennt.

Bundesrat Ignazio Cassis will Initiativen der Privatwirtschaft stärker fördern.
Ein solcher Ausbau ist nur dann sinnvoll, wenn er nicht Bestehendes gefährdet. Unser Engagement für die Zivilgesellschaft bewirkt mit wenig Geld viel: Mit 80'000 Franken gelingt es uns auf den Südphilippinen das Leben von 5000 Bauernfamilien auf bescheidene Weise zu verbessern. Was passiert stattdessen, wenn nun in die Privatwirtschaft investiert wird?

Sagen Sie es mir.
Die Privatwirtschaft wird dort Vorschläge machen, wo sie Profite machen kann. Das ist nicht verwerflich, orientiert sich aber nicht an den Bedürfnissen der Ärmsten. Die Entwicklungsarbeit wird dahin gehen, wo Marktmechanismen greifen. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass grosse Saatgutkonzerne dafür sorgen, dass kommerzielles Hybrid-Saatgut in arme Länder kommt. Wir hingegen setzen uns für genügend und erschwingliches lokales Saatgut ein.

Jetzt malen Sie schwarzweiss.
Nein. Saatgut ist ein Riesenthema und ein gutes Beispiel, wie die Interessen derPrivatwirtschaft und der Entwicklungszusammenarbeit nicht immer deckungsgleich sind.

«Ich glaube, dass unsere Arbeit so viel bewirkt, dass wir damit einen gewissen CO2-Ausstoss legitimieren können.»

Es gibt auch anders ausgerichtete privatwirtschaftliche Initiativen.
Okay. Für mich ist wichtig, dass man sich über die Ziele klar wird: Stehen benachteiligte Bevölkerungsgruppen im Fokus oder wollen wir Märkte für Schweizer Unternehmen erschliessen? Letzteres halte ich als Ziel der Entwicklungshilfe für problematisch. Vertretbar wäre, wenn lokale Unternehmen vor Ort gemeint wären, die günstiger und angepasst arbeiten. Und wir unterstützen sie dabei, faire Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Budget des Bundes für Entwicklungshilfe befindet sich politisch unter Dauerdruck.
Das ist so. Bundesrat Alain Berset versprach an der Klimakonferenz in Polen zusätzlich 120 Millionen Franken zur Milderung der Folgen des Klimawandels. Dieses Geld müsste zusätzlich gesprochen werden. In der Realität wird es einfach aus dem Topf für Entwicklungshilfe abgezweigt. Noch extremer ist der Missbrauch von Entwicklungshilfegeldern zur Betreuung von Migranten hier in der Schweiz. 19 Prozent des Budgets wird mittlerweile dafür ausgegeben. Jeder fünfte Franken bleibt also in der Schweiz.

Weshalb ist das falsch?
Ich hätte nichts dagegen, wenn das Geld für die Integration zum Budget dazugeschlagen würde. Doch es wird davon abgezwackt. Da muss ich fragen, was die Betreuung von Asylbewerbern mit Entwicklungshilfe zu tun hat.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) stellt Migranten als Entwicklungshelfer dar.
Das habe ich gesehen. Doch Migranten überweisen seit je Bargeld in die Heimat. Das ist gut, aber noch lange keine Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungshilfe soll sich künftig stärker auf die Herkunftsländer der Migranten ausrichten, verlangt die Politik.
Der Wunsch ist uns natürlich bekannt, aber keineswegs beschlossen. Ich zweifle daran, dass eine solche Fokussierung sinnvoll ist.

Weshalb?
2018 kamen rund 4000 Menschen aus Afrika in die Schweiz. Das Budget für die internationale Zusammenarbeit beläuft sich auf knapp 3 Milliarden Franken pro Jahr. Wenn ich nun zur Priorität erkläre, dass die Migration aus Afrika nachlässt: Wollen wir dann fast 1 Million Franken pro Person ausgeben, um sie von der Reise abzuhalten?

Spitzen Sie da nicht etwas stark zu?
Es wird so oder so nicht zu einer völligen Abkehr vom bisherigen Kurs kommen: Die Deza will die staatliche Entwicklungszusammenarbeit zwar auf Afrika und Asien konzentrieren und jene in Lateinamerika auslaufen lassen. Via uns Nichtregierungsorganisationen wird sie aber dort weiterhin präsent sein. Das ist auch wichtig. Schauen Sie bloss, wie es um das Amazonasbecken steht, die Lunge der Erde. Die Herausforderungen sind auch in Lateinamerika enorm.

Wieso sind Sie dagegen, dass sich Entwicklungszusammenarbeit in Flüchtlingslagern engagiert? Dort brechen viele nach Europa auf, weil ihnen die Perspektiven fehlen.
In Flüchtlingslagern ist humanitäre Hilfe beispielsweise des Roten Kreuzes gefragt. Wir betreiben jedoch langfristige Aufbauarbeit. Eigentlich lässt sich damit bestens zeigen, wie wichtig die Entwicklungshilfe für arme Länder ist: Weil sich dort mehrere Probleme überlagern wie Armut, Krieg, Vertreibung und sie diese nicht bewältigen können, fliehen Menschen. Wir helfen mit, dass die Menschen in ihrer Heimat eine Zukunft haben.

Dann sind Sie aber nicht dort, wo sich die akutesten Krisenherde befinden.
Müsste man stets dort präsent sein, wo Flüchtlingswellen entstehen, würde sich die Präsenz aktuell auf Afghanistan und Syrien konzentrieren. Solche Engagements wären erstens nicht nachhaltig und zweitens würden die Gelder ausgerechnet dorthin fliessen, wo Regime ihre Bevölkerung in die Flucht treiben. Das wäre sehr problematisch.

Alliance Sud, Ihre politische Lobbyorganisation, markiert hier eine rote Linie: kein Pakt mit Regierungen, die Menschenrechte verletzen. Das unterschreiben Sie?
Natürlich. Ich glaube aber nicht, dass die Schweiz so etwas machen würde.

Es gibt Bestrebungen in diese Richtung mit Eritrea. Das Land soll Migranten zurücknehmen, im Gegenzug würde die Schweiz die Entwicklungshilfe wieder aufnehmen.
Das wäre ein Missbrauch von Steuergeldern. Das würde auch der in der Verfassung definierten Ausrichtung auf die Armutsbekämpfung zuwiderlaufen.

Vier Fünftel der Einkünfte sind Spenden. Die angelaufene Jubiläumskampagne von Brot für alle und Fastenopfer hat «Hungertücher» für 160 beziehungsweise 35 Franken im Merchandisingangebot. Braucht es solche Gags, damit Spenden fliessen?
Das Hungertuch ist kein Gag. Ein Künstler versucht in einem Bild Ungerechtigkeit und Hoffnung auszudrücken. Das Hungertuch ermöglicht Gespräche über diese Themen, und wir liefern Informationsmaterial dazu. Es ist also definitiv kein Fundraisinginstrument.

Offensichtlich glauben die Spender weiterhin an die Entwicklungshilfe. 2017 war ein Spendenrekordjahr.
Die Schweizerinnen und Schweizer sind sehr solidarisch. Etwa 83 Prozent der Bevölkerung spendet mindestens einmal im Jahr, dabei kamen 2017 1,8 Milliarden Franken zusammen. Das ist fantastisch! Allerdings gab es früher weniger Hilfswerke, zudem sammeln vermehrt ausländische Hilfswerke in der Schweiz. Fundraising wurde darum deutlich anspruchsvoller.

Sie selber stellen in öffentlichen Auftritten oft einen Zusammenhang zum Klimawandel her. Warum?
Wir haben nur eine Erde: Eine relativ kleine Gruppe von Menschen pumpt Treibhausgas in die Luft, was Folgen für alle hat. Aus dieser Konsequenz lässt sich Verantwortung ableiten.

Sie appellieren, auf Flugreisen zu verzichten, fliegen selber aber oft.
Ich fliege ausschliesslich beruflich. Meine Aufgabe wäre sonst nicht zu erfüllen. Aber wir versuchen, die Reisen zu reduzieren. Ich glaube jedoch, dass unsere Arbeit so viel bewirkt, dass wir damit einen gewissen CO2-Ausstoss legitimieren können. Allerdings fordern wir von der Schweiz, dass sie bis 2050 nur so viel CO2 produziert, wie deren Ökosystem absorbieren kann. Darum braucht Fastenopfer einen Fahrplan, wie wir selber auf null herunterkommen.

Wie weit sind Sie?
Fastenopfer hat Richtlinien erarbeitet zur Nachhaltigkeit und zu Beschaffungen. Viele Mitarbeiter sind sehr motiviert, auch als Privatpersonen. Ich versuche ebenfalls, einen kleinen Beitrag zu leisten: Mein letzter privater Flug liegt 15 Jahre zurück. Wir müssen alle genügsamer werden.

Sind Sie ein Wachstumskritiker?
Ja, sofern Wachstum auf nicht erneuerbaren Ressourcen basiert. Wir haben genug Rohstoffe aus der Erde herausgebaggert, die auch unsere Atmosphäre belasten. Wachstum muss sich darum davon entkoppeln. Momentan sind wir weit davon entfernt. Gerade die Schweiz könnte hier ein Vorbild sein. Stattdessen ist das Land Weltmeister mit den meisten Flugkilometern pro Kopf.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.03.2019, 15:28 Uhr

Gemeinsame Spendenkampagne von Fastenopfer und Brot für alle

Die kirchlichen Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle führen zum 50. Mal ihre gemeinsame Spendenkampagne durch. Bernd Nilles ist zum dritten Mal als Geschäftsführer von Fastenopfer dabei. Der Deutsche ist verheiratet und Vater zweier Jugendlicher, die auch an Schülerstreiks zum Klima teilnehmen. Der Klimawandel prägt zunehmend die Arbeit von Fastenopfer. Das Hilfswerk engagiert sich in 14 Ländern auf drei Kontinenten. (cab)

Artikel zum Thema

Bürgerliche starten Grossangriff auf Hilfsgelder

SonntagsZeitung Weniger Budget, aber mehr Geld für Krisengebiete: So will die SVP die Entwicklungshilfe umbauen. Mehr...

Steuergelder für Hypnotiseur und Migrations-Propaganda

Mit 2,5 Millionen Franken finanziert der Bund eine Plattform, die sich für Migration starkmacht. Nun droht dem Projekt das Aus. Mehr...

Blog

Kommentare

Blogs

Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...