«Der Cannabiskonsum wird allgemein verharmlost»

Im Kanton St. Gallen hat die Teil-Entkriminalisierung junger Kiffer neue Probleme geschaffen. Nun wird erwogen, künftig wieder alle Drogenkonsumenten unter 18 Jahren zu verzeigen.

Weil Jugendliche seltener auf der Gasse kiffen, werden sie auch weniger erwischt.

Weil Jugendliche seltener auf der Gasse kiffen, werden sie auch weniger erwischt. Bild: Béatrice Devènes

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums ist problematischer, als manche Politiker wahrhaben wollen. Dies zeigt sich beim St. Galler Modell, das nach dem Willen der Gesundheitskommissionen von National- und Ständerat auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden soll. Gemäss diesem Modell werden Kiffer von der Polizei nicht mehr verzeigt, sondern nur noch mit einer Ordnungsbusse belegt – analog zu Falschparkieren oder Schwarzfahren.

Die vierjährige Erfahrung in St. Gallen zeigt, dass das Bussenmodell die Früherfassung von suchtgefährdeten Jugendlichen erschwert. «Weil es weniger Anzeigen gibt, gelangen auch weniger junge Kiffer in ein Präventionsprogramm», sagt Stephan Ramseyer von der St. Galler Jugendanwaltschaft. Eine zentrale Rolle spielt der kontrollierende Polizist: Er entscheidet, ob er eine Gefährdungsmeldung macht – oder ob er es bei einer Busse bewenden lässt.

Vorschlag für ein national verbindliches Bussensystem

Die Jugendanwälte fordern nun eine Korrektur am St. Galler Modell: Künftig soll die Polizei wieder alle Kiffer unter 18 Jahren verzeigen müssen, denn der Jugendschutz habe erste Priorität. Das Problem hat auch die nationalrätliche Subkommission Drogenpolitik erkannt. Sie wird demnächst ihren Vorschlag für ein national verbindliches Bussensystem präsentieren. «Es auf erwachsene Kiffer einzuschränken, ist auch für uns eine Variante», sagt SP-Kommissionsmitglied Silvia Schenker.

Der Zürcher Kriminologe Martin Killias äusserst sich generell skeptisch zur Entkriminalisierung. «Der Cannabiskonsum wird allgemein verharmlost», sagt er. Neuste Studien zeigten, dass Cannabiskonsum stärker mit Gewaltverhalten korrespondiere als der Konsum von Alkohol. Erst vor einem Monat hatte eine Expertengruppe unter Führung des Bundes die Straffreiheit für sämtliche Drogen vorgeschlagen – von Hanf bis zu Heroin. Wenn Konsum und Handel legal seien, sei auch ein wirksamer Jugendschutz möglich, lautet das Credo. Gleicher Ansicht ist das Stadtzürcher Parlament: Es hat kürzlich einem Pilotprojekt zugestimmt, bei dem der Staat Haschisch kontrolliert abgeben soll.

Erstellt: 28.08.2010, 06:44 Uhr

Artikel zum Thema

Diesen Autoritäten glaubt keiner

Solange der Staat dem Cannabiskonsum vorbeugen will und gleichzeitig Werbung für weit gefährlichere Drogen erlaubt, macht er sich unglaubwürdig. Mehr...

Blogs

Geldblog Corona vermiest Firmen das Geschäft

Sweet Home Grosses Theater zu Hause

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...