Der Churer Bischof und die gehorsamen Diener des Leidens

Bischof Huonder besetzt viele Schaltstellen mit Leuten der Bewegung Servi della Sofferenza. Und schaffte eigens für sie neue Posten.

Er hat sogar seinen früheren Chauffeur zum Priester geweiht: Bischof Huonder nach einer Frühmesse auf dem Hof in Chur.

Er hat sogar seinen früheren Chauffeur zum Priester geweiht: Bischof Huonder nach einer Frühmesse auf dem Hof in Chur. Bild: Keystone

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Die Servi della Sofferenza geloben Keuschheit, Armut und Gehorsam. Sie leben aber nicht im Kloster, sondern in der Welt. Als Diener des Leidens wollen sie die Gesellschaft mit dem Geist des Evangeliums durchtränken. Gemäss Website vereinen sie «ihre Leiden mit dem erlösenden Leiden Christi, um die Sendung Padre Pios in der Welt fortzuführen». Angeblich wurde das sogenannte Säkularinstitut auf Wunsch des heiligen Padre Pio (1887–1968) gegründet. 58 Jahre lang zeigte er an seinen Händen Stigmata, um so «am Kreuz Christi teilzuhaben».

Nach Auskunft von Vikar Martin Rohrer aus Brunnen hat die in Italien entstandene Bewegung einen männlichen und einen weiblichen Zweig. Der Schweizer Sektor zähle etwa 25 geweihte Mitglieder und 7Associati, zugewandte Gläubige. Fast alle leben im Bistum Chur und sind Bischof Vitus Huonder unterstellt.Der Churer Bischof umgibt sich zunehmend mit den Mitgliedern des Instituts. Zwei seiner Sekretärinnen sind Dienerinnen des Leidens. Die Männer der Bewegung, allesamt junge Priester, beruft der Churer Bischof neuerdings zu seinen engsten Mitarbeitern. Den Chef bei den Männern, den Wetziker Pfarrer Andreas Fuchs, hat Huonder gerade zum neuen Generalvikar für Graubünden ernannt, anstelle des aus Protest gegen Huonders Kurs zurückgetretenen Andreas Rellstab.Für einen anderen jungen Diener des Leidens hat Huonder sogar eine Kaderstelle geschaffen: Der 40-jährige Klaus Rohrer amtet an der Kurie als bischöflicher Zeremoniar und ist für alles Liturgische zuständig. Ein neulich von Huonder an alle Priester gesandter Katechismus («Das ewige Leben gewinnen») zeigt Jungpriester Rohrer in farbigen Illustrationen beim Zelebrieren der Messe.

Huonders Chauffeur ist Vikar

Klaus ist der Bruder von Vikar Martin Rohrer, der als Programmleiter des frommen «Radio Gloria. Gott ist Liebe» amtiert. Auffallend ist, dass viele der jungen Priester dank Haas und Huonder auch ohne Matura Theologie studieren und Kleriker werden konnten. Zeremoniar Rohrer war einst Postbeamter, sein Bruder Martin Metallbauschlosser. Sogar seinen früheren Chauffeur hat Bischof Huonder zum Priester geweiht: Heute ist Markus Lussy Vikar in Bivio.

Die in den Pfarreien tätigen Servi della Sofferenza gründen dort eigene Glaubensschulen, sie organisieren Lager für Kinder oder Bubenweekends: «Wichtig ist dabei, das wir uns Zeit nehmen, um mit den Buben zu beten, sie zum Sakrament der Beichte und der Messe hinzuführen.» Vikar Martin Rohrer leitet den Jugendtreff Padre Pio in Brunnen. Der dortige Pfarrer Jürg Thurnheer zeigt sich zurückhaltend gegenüber diesen Angeboten. Pfarrer Urs Traub von Bäretswil hat bis vor einem Jahr in der dortigen Kirche eine Glaubensschule für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geleitet. Doch vor einem Jahr hat der von Bischof Haas geweihte einstige Bauspengler und Sanitärinstallateur die Initiative eingestellt und die Servi verlassen. «Aus persönlichen Gründen», wie er erklärt. Gemeindeseelsorger beobachten, dass Priester des Instituts wegen ihrer konservativen Haltung oft nicht Fuss fassen können. Auch der Zürcher Pfarrer Marcel von Holzen, der gelegentlich Aushilfe bei Pater-Pio-Gruppen machte, erlebte die Spiritualität als einseitig und polarisierend. Darum erstaunt es ihn nicht, dass Priester dieser Bewegung in den Gemeinden aneckten. In Wollishofen ist der von Huonder geweihte Vikar Theo Füglistaller dabei, die Pfarrei im Zwist zu verlassen. Der designierte Generalvikar Andreas Fuchs hatte als Pfarrer auf der Lenzerheide immer wieder Konflikte heraufbeschworen, etwa als er in einem Beichtspiegel die Firmlinge nach der Häufigkeit von Sexualkontakten und Selbstbefriedigung fragte.

Wundmale selber geätzt?

Doch die Servi della Sofferenza scheinen gegen Konflikte gewappnet. «Dank einer Glorifizierung des Leidens», erklärt Pfarrer von Holzen. Damit rechtfertigten sie die ganze umstrittene Kirchenpolitik der Bistumsleitung. Offenbar sei kein guter Priester, wer in seiner Pfarrei nicht leide. Das Kreuz verlange nach dem Martyrium. Vorbild ist der stigmatisierte Padre Pio, der von früheren Päpsten des Betrugs verdächtigt, von Johannes Paul I. aber 1999 selig- und 2002 heiliggesprochen wurde.

Erst vor kurzem geriet Italiens beliebtester Heiliger unter Verdacht, die Wundmale an seinen Händen sich selber mit Säure zugefügt zu haben. Der Turiner Historiker Sergio Luzzatto wies nach, dass der Kapuziner in Apotheken Karbolsäure und Nervengift bestellt hatte. Laut Martin Rohrer lehnen die Servi della Sofferenza die «Säurethese» ab: «Man kann immer alles Mystische infrage stellen.» Bei den Dienern des Leidens bleibe die Leidensmystik von Padre Pio zentral. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2011, 22:50 Uhr

Der «Schwarze Block»

Bedingungsloser Gehorsam

Als neue Erscheinung im Bistum Chur werden die Servi della Sofferenza von den Religionssoziologen bisher kaum wahrgenommen. Für Beobachter sind sie eine weitere traditionalistische Gruppierung, wie sie von den Bischöfen Wolfgang Haas und Vitus Huonder gefördert werden. Zusammen mit dem spanischen Opus Dei und der Petrusbruderschaft, welche die alte lateinische Messe kultiviert, gehören sie zum «Schwarzen Block». Priester dieser Gruppierungen, erkennbar am weissen Römerkragen, bilden eine Art Parallelklerus und gehören grösstenteils dem Churer Priesterkreis an. Bei all diesen Geistlichen kann Huonder mit bedingungslosem Gehorsam gegenüber Papst und Bischof rechnen. (mm.)

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