Hintergrund

Der Diplomat mit der Pauke

Der Schweizer Botschafter Tim Guldimann versucht, als Sondergesandter der OSZE die Krise in der Ukraine zu lösen. Einmal mehr hat er die ganz grosse Bühne der Weltpolitik gesucht und gefunden.

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Ein grosser Schweiger – das ist er nicht. Er ist kein Diplomat der alten Schule, der Gesprächspartner mit Floskeln eindeckt und die Realität mit schwer verständlichen Klauseln vernebelt. Das Buch «Wenn wir die Wahrheit sagen, haben wir uns versprochen. Aus der abenteuerlichen Welt der Diplomatie» hat Tim Guldimann wahrscheinlich nicht gelesen. Der Schweizer Botschafter in Berlin, der jetzt im Namen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Lage in der Ukraine beruhigen soll, spricht – fast immer – Klartext.

Während auf der ukrainischen Halbinsel Krim uniformierte Gangster im Auftrag von Wladimir Putin die Lunte zünden wollten, fand der OSZE-Sondergesandte Guldimann Zeit, vor der Delegiertenversammlung der SP im Zürcher Volkshaus aufzutreten. Hier, wo einst Lenin eine grosse Rede gehalten hatte, referierte der Topdiplomat über die Folgen der Masseneinwanderungsinitiative. Was er sagte, kam wuchtig daher. In europafeindlichen Kreisen war die Rede von einer Volksbeschimpfung.

Guldimann konnte den Ärger über seine Landsleute nicht unterdrücken, die am 9. Februar für die SVP-Vorlage gestimmt hatten. Die Schweiz, so Guldimann, sei unberechenbar geworden. Schlimmer noch: Das politische Denken mache an der Landesgrenze halt. Als Staatsbürger rief er in Erinnerung, dass die selbst gewählte Isolation der Schweiz «schizophren» sei. Und er beklagte sich, einen europäischen Spitzenpolitiker zitierend, über den «Parasitenstatus der Schweiz in Europa». Eine Mitte-links-Allianz müsse nun die Dinge in die Hand nehmen, sagte Genosse Guldimann. Der 63-Jährige ist SP-Mitglied.

Intellektueller Überflieger

Wer Guldimann am Cheminée in einem Hotel in Kosovos Hauptstadt Pristina erlebt hat, wer ihn gehört hat, wie er für eine bessere Welt eintritt und dem Westen Arroganz im Umgang mit anderen Kulturen vorwirft, wer ihn also auf einem intellektuellen Höhenflug gesehen hat, der kann über seinen Auftritt in Zürich nicht überrascht sein. Guldimann will nicht nur im Ausland, sondern auch zu Hause eine Rolle spielen.

Ein Diplomat sei ein Mann, der die Paukenschläge der Staatsmänner in zarte Harfenklänge verwandeln solle, schrieb der US-Schriftsteller Eugene O’Neill. Für Guldimann gilt das nicht. Er schlägt die Pauke selbst. Kein Mitarbeiter des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) würde öffentlich sagen, die Schweiz leide an «Selbstverzwergung». Guldimann sagt es und reist weiter – nach Wien, Berlin, Kiew. Dort, auf der Bühne der Weltpolitik, fühlt er sich zu Hause.

Noch ist unklar, was er bewirken kann im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Wahlen beobachten, Polizisten ausbilden, unabhängige Medien unterstützen – das ist eine Spezialität der OSZE. In der Ukraine muss zunächst aber ein drohender bewaffneter Konflikt abgewendet werden. Der UNO-Gesandte Robert Serry wurde bedroht und hat die Krim verlassen. OSZE-Beobachtern wurde gestern der Zugang zur Krim verwehrt. Guldimann will nun die Lage deeskalieren, wie es im Fachjargon der internationalen Krisenindustrie heisst. Er hat seine Mission kaum angetreten, aber in der Schweiz wird er fast zum Retter der Ukraine hochgeschrieben. Vielleicht ist das nicht übertrieben, denn von einem Diplomaten mit einer beeindruckenden diplomatischen und akademischen Karriere darf man etwas erwarten.

Ausnahmetalent

Guldimann gilt als Ausnahmetalent. Er spricht Russisch, Arabisch und Persisch. Er hat in vielen Metropolen zwischen Santiago de Chile und Nowosibirsk studiert, an mehreren Universitäten gelehrt, und er hat von 1999 bis 2004 die Schweiz in Teheran als Botschafter vertreten. Noch spannender dürfte für Guldimann damals aber gewesen sein, dass er mit der Wahrung der US-Interessen gegenüber dem Mullah-Regime betraut war. In der iranischen Theokratie kannte er keine Berührungsängste. Schliesslich wollte Guldimann mit den Turbanträgern nicht über Pistazien parlieren, sondern eine Lösung im Atomstreit des Iran mit dem Westen finden.

Die Iraner hatten schon 2003 einen Vorschlag für einen Dialog mit den USA gemacht. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz liess sich Guldimann vom EDA beurlauben – und entwickelte zusammen mit US-Atomphysikern und mit einem «hohen iranischen Vertreter» einen Lösungsansatz zur Nuklearfrage. Daraus entstand dann ein Report der Denkfabrik International Crisis Group (ICG). «Es ging darum, den Iranern eine beschränkte, international überwachte Urananreicherung zuzugestehen, wenn sie mit der Internationalen Atomenergie-Agentur zusammenarbeiten würden», sagte Guldimann später vor dem Cheminéefeuer in Pristina.

In Teheran war er beliebt, weil er den Umsturz von 1979 für eine «antikoloniale Revolution» hält. In Washington, wo George W. Bush und seine missionarischen Eiferer regierten, stiessen Guldimanns Vorschläge zur Lösung des Atomstreits auf Ablehnung. Die Eskalation des Nuklearkonflikts war laut Guldimann eine Folge des verweigerten Dialogs. Bushs Nachfolger Barack Obama zeigte sich offener: «Ich habe gerade mit Präsident Rohani am Telefon gesprochen», teilte der US-Präsident Ende September mit. Im November wurde in Genf bei Atomgesprächen ein Durchbruch erzielt: Der Iran versprach, einen wichtigen Teil seines Atomprogramms einzufrieren. Guldimann ist mit seiner Forderung nach Dialog richtig gelegen.

Über solche Episoden spricht er gerne. Als grössten Erfolg seiner Karriere betrachtet Guldimann seine erste internationale Mission, die ihn nach Tschetschenien führte. Er leitete dort von 1996 bis 1997 die OSZE-Vertretung, vermittelte zwischen Moskau und den Tschetschenen, organisierte die Wahlen, schloss Frieden zwischen den Kriegsparteien. Das alles habe er mit nur sieben internationalen Mitarbeitern erreicht, die in Grosny stationiert waren.

Doch diese Mission hat auch ihre Schattenseiten. Am 17. Dezember 1996 wurden südlich der tschetschenischen Hauptstadt sechs ausländische Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) im Schlaf ermordet. Zuvor waren auch lokale OSZE-Mitarbeiter verschleppt worden. Nach ihrer Freilassung sollen sie die OSZE gewarnt haben, Ziel von Entführungen könnten nun IKRK-Delegierte werden. Guldimann sagt, er habe davon nichts gewusst. Kenner und Beobachter der damaligen Lage in Tschetschenien vermuten, Guldimann habe das IKRK nicht alarmiert, weil er die Wahlen – sein Prestigeprojekt – nicht gefährden wollte. Das Engagement in Tschetschenien bezeichnet er als «Schlüsselerlebnis».

Kein Schlüsselerlebnis war dagegen Guldimanns Gastspiel in Kosovo als Leiter der OSZE-Vertretung. Kaum in Pristina angekommen, machte er sich im Herbst 2007 unbeliebt mit abschätzigen Äusserungen über die «Internationalen». Der gigantische Apparat sei ineffizient, sagte er. Damals zählte die OSZE-Mission in Kosovo etwa 900 lokale und internationale Mitarbeiter. «Auf dem Balkan haben wir einen riesigen Arbeitsmarkt von internationalen Einsatzkräften, die von einem Land ins nächste springen», beklagte sich der Schweizer. Diese «Mission Junkies» verlieren oft die Bodenhaftung. Für viele endet die Arbeitswoche am Donnerstagnachmittag, danach setzt sich die Karawane der Demokratieexperten in Bewegung von Pristina in Richtung albanische Küste, Thessaloniki oder Dubrovnik. Guldimann habe zweifellos den Finger auf einen wunden Punkt gelegt, aber sein Auftreten sei als überheblich empfunden worden, sagt ein OSZE-Mitarbeiter in Pristina. Guldimanns Führungsstil wurde als sehr arrogant beschrieben. In der OSZE-Zentrale in Wien hiess es damals, der Schweizer habe sich mit allen überworfen.

Wie in Teheran suchte Guldimann auch in Pristina die grosse Bühne der Weltpolitik. Während der UNO-Gesandte Martti Ahtisaari mit Kosovo-Albanern und Serben verhandelte und das Drehbuch für die Unabhängigkeit der bis 1999 serbisch beherrschten Region schrieb, mischte sich Guldimann mit pointierten Äusserungen in die Debatte ein. Von den Kosovo-Albanern und auch von US-Diplomaten wurde er schnell und wohl zu Unrecht als Gegner der Unabhängigkeit abgestempelt. Guldimann forderte, die Russen und die Serben besser einzubeziehen.

Dafür hatte Martti Ahtisaari, der spätere Friedensnobelpreisträger, schon gesorgt: In seinem Unabhängigkeitsplan wurden die Rechte der Minderheiten in Kosovo berücksichtigt. Zudem hatten die Russen vor Beginn der Verhandlungen über die Zukunft Kosovos eine Erklärung der internationalen Kontaktgruppe mitgetragen, wonach die Lösung der Statusfrage für die Menschen in Kosovo annehmbar sein müsse. Für die Mehrheit der kosovarischen Bevölkerung kam nur die Unabhängigkeit infrage.

Als Serbien den Internationalen Gerichtshof (IGH) anrief, die Rechtmässigkeit der kosovarischen Abspaltung zu überprüfen, begrüsste Guldimann diesen Schritt. Der Ausflug Belgrads vor den IGH in Den Haag erwies sich aber als Bumerang: Der IGH kam zum Schluss, dass die Unabhängigkeitserklärung Kosovos im Februar 2008 das Völkerrecht nicht verletzt habe. Guldimann verliess Pristina nach nur knapp zwölf Monaten. Über eine Verlängerung seines Einsatzes wurde in der OSZE nie diskutiert.

Neid im EDA

Eigentlich hatte Guldimann das Kosovo-Abenteuer gar nicht geplant. 2006 rechnete er fest damit, dass die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey ihn auf seinen Wunschposten als Botschafter in Israel entsenden würde. Guldimann, der mit einer deutschen Journalistin verheiratet ist, hatte bereits seine Kinder in einer Tel Aviver Schule angemeldet. Doch Calmy-Rey entschied sich gegen den scharfsinnigen Diplomaten. Man munkelte, der damalige Staatssekretär Michael Ambühl habe vor «zu viel Aktionismus» in Nahost gewarnt. In Tel Aviv wäre Guldimann vermutlich durch seinen Betätigungsdrang aufgefallen. In Bern bestand auch die Furcht, die israelische Regierung könnte Guldimann als Botschafter ablehnen wegen seiner angeblichen Nähe zu den Iranern.

Im EDA hat der ehrgeizige Diplomat Bewunderer, aber auch Neider. Diese werfen ihm Überheblichkeit vor. Die Kritiker sagen, er habe eine Abneigung gegen solide Verwalter. Diese lasse er oft spüren, dass er in einer anderen diplomatischen Liga spiele, und bei seinen philosophischen Exkursen berufe er sich oft etwas penetrant auf seinen «Lehrmeister Habermas». Der Frankfurter Grossdenker Jürgen Habermas ist ein geschätzter Gesprächspartner von Guldimann. Als bescheiden wird der in Zürich geborene Diplomat auch ausserhalb des EDA nicht empfunden. Guldimann trat 1982 in den diplomatischen Dienst ein. Zwei Jahre später setzte er sich schon als Kreml-Astrologe in Szene und schrieb ein Buch über «Macht und Herrschaft in der Sowjetunion».

Ob ihm das Werk nun bei seiner Vermittlungsmission in der Ukraine etwas nützt? In einem Beitrag für die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» schrieb Guldimann vor Jahren über Bedingungen, die erfüllt werden müssten, damit ein Konflikt gelöst werden könne: «Erstens müssen sich alle Betroffenen an der Diskussion über eine Verständigung beteiligen können, und ein Gespräch muss stattfinden. Zweitens müssen die Beteiligten gleichberechtigt sein oder sich zumindest gegenseitig respektieren. Drittens darf eine Verständigung weder durch Zwang oder Gewalt noch durch deren Androhung herbeigeführt werden.»

Es bleibt zu hoffen, dass Guldimanns kluge Worte bei Wladimir Putin Gehör finden. Der Kreml-Chef, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, habe den Bezug zur Realität verloren. Und der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk doppelte nach: Russland diffamiere die proeuropäischen Kräfte in der Ukraine als «Häretiker der ostslawischen Umma». Guldimann muss jetzt zwischen Putin und den Maidan-Helden vermitteln. Vermutlich ist das die wichtigste Mission seines Lebens als Diplomat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2014, 06:20 Uhr

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