Kolumne

Der Erfolg als Erdbeben

In Davos tagen 1400 der mächtigsten CEOs der Welt. Doch der Erfolg hat sie alle eingeebnet wie ein Erdbeben eine Stadt.

Klaus Schwab und Michelin Calmy-Rey treffen am WEF ein.

Klaus Schwab und Michelin Calmy-Rey treffen am WEF ein. Bild: Keystone

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Alle tragen in Davos WEF-Tasche, Telefon und Anzug und sprechen dasselbe Airport-Englisch. («Wir müssen uns grausam konzentrieren, weil ihr alle gleich ausseht und dasselbe abgebt», sagte eine Garderobiere.)

Tigerreiten

So geht es auch dem Inder CP Gurnani, CEO des Softwaregiganten Mahindra Satyam. Vor zwei Jahren noch hatte Gurnani nachdenkliche, fast poetische Interviews gegeben. Damals war sein Konzern bankrott. Der Premierminister nannte ihn «den Schandfleck Indiens». Verantwortlich war Gurnanis Vorgänger, Firmengründer Raju. Dieser hatte Satyam von einem Computershop um die Ecke zu einem der grössten Softwareproduzenten der Welt gemacht – dank superbilligen Programmierern. Doch im Januar 2009 schrieb Raju den Verwaltungsräten einen Brief und gestand, dass er den Umsatz um 1 Milliarde Dollar aufgebläht hatte, 6000 der 50 000 Stellen nur auf dem Papier existierten und der Gewinn nicht 23, sondern 3 Prozent betrug. Und dass er Millionen mit Immobilien verzockt hatte. Raju schrieb: «Ich ritt den Tiger und wusste nicht, wie ich absteigen konnte, ohne gefressen zu werden.»

Gurnani, Rajus Nachfolger, übernahm die Firma am Abgrund: Der Aktienkurs war um 80 Prozent eingebrochen, viele Kunden geflohen. Und trotzdem sagte er über seinen Vorgänger: «Mir ist es nicht peinlich, zuzugeben, dass ich bewundere, was er geleistet hat. Hätte er nur ein bisschen mehr Disziplin besessen. Hätte nur sein Ego ihn nicht gezwungen, etwas werden zu wollen, was er nie war!» Und dann sprach er von den Angestellten, die nach Rajus Betrug in Tränen ausgebrochen seien, die Fäuste blutig geschlagen hätten und teils aus Enttäuschung sogar einen spirituellen Weg eingeschlagen hätten. «Aber nun haben wir beschlossen zu kämpfen.» Es war ein interessantes Interview.

«In Davos will keiner reden»

Heute, zwei Jahre später, boomt Mahindra Satyam wieder. Und Gurnani, ein Mann wie der reiche Onkel im Film – mit weisser Haartolle, Diplomatenschnurrbart, einem lauten, aber distanzierten Auf-die-Schulter-Tätscheln – redet wie folgt: «Der Fall Raju war eine Tragödie. Doch ein Unternehmer soll nie zurücksehen. Er muss eine Vision haben: Wir wollen ein globales Unternehmen sein, das den Kunden dient. Und Werte schaffen. Das Wichtigste am Erfolg ist: die Führung.» Und dann zählte Gournani Umsatzzahlen und Kunden auf: in der Schweiz Swisscom und Nestlé. Es war eine 10-MinutenAudienz, und sie klang, als hätte man einen beliebigen US-Manager getroffen.

Ich ging zum Pressetisch und beklagte mich bei den Herren vom ZDF, die ihr Interview schon gedreht hatten. «In Davos will keiner bei einem Interview reden. Ausser er will etwas verkaufen», sagte der Kameramann. Doch sein Chef schüttelte den Kopf: «Satyam macht Geschäfte mit Managern in London, in New York, überall. Da muss der Chef auch ihre Sprache reden.»

Alle drei Partys am Tag vor der Eröffnung wurden von indischen Softwaregiganten geschmissen. «Sehen Sie», sagte ein gutgelaunter Manager eines anderen Giganten: «Europa hat keine Seele. Es ist ohne Ehrgeiz. Brasilien hat eine Seele, Südafrika, China – sie wollen alle Nummer eins werden.» So ging es auch am nächsten Morgen weiter: Das WEF brummte vor Nachrichten über den Abstieg der ersten Welt. Die USA hat dieses Jahr ein überraschend grosses Wachstum, aber sein Output ... Die Märkte sind leicht beruhigter über den Euro, aber die fundamentalen Probleme sind ungelöst ... Meine Damen und Herren, ich zitiere nur eine Statistik: Im Jahr 2020 wird der durchschnittliche Amerikaner oder Chinese 38 sein. Der durchschnittliche Inder 28. Und der durchschnittliche Japaner oder Europäer 48. Da kommt ein riesiges Problem auf uns zu!

«China geht den chinesischen Weg»

So standen am Abend überall auf den Partys Inder. Und morgens vor den Hotels standen dann Chinesen, sagten «Huaa!» und rauchten. Auf den Podien agierten sie wie erfahrene WEF-Teilnehmer: mit Statistiken. 40 Prozent aller chinesischen Jugendlichen kaufen alles online, 67 Prozent können neben Chinesisch Englisch – ein enormer Wettbewerbsvorteil! Und schockten sogar die Wallstreet-Banker: «Wir haben unsere Schattenbanken im Griff», sagten sie, und dass sie nichts gegen regulierende Steuern hätten, etwa die Tobin-Steuer auf Finanzinstrumente. Die Banker, die gerade gesagt hatten: Die Krise ist vorbei, wir sind jetzt stabil, alle weiteren Regulierungen sollten gestoppt werden, sonst geben wir keinen Kredit mehr, kratzten sich konsterniert die Glatze.

«China geht den chinesischen Weg», sagte mir ein Chinese vor einem Kaffee. «Unsere Jugend in Indien will die Welt neu erfinden – indem sie anders denkt», sagte ein Inder, spätabends an der Bar. Aber es ist schon erstaunlich, wie sehr beide – bis auf den Akzent – allen anderen Managern hier glichen.

Schon ziemlich angetrunken traf ich auf einen amerikanischen Risiko-Investor. Er war ein junger, smarter Kalifornier mit einem schmalen, selbstsicheren Gesicht. «Eine grundsätzliche Lüge im Journalismus», behauptete ich, «ist die folgende: Sagen wir, ein Unternehmen geht pleite. Enron oder Swissair. Dann recherchierst du drei Tage und zwei Nächte. Und findest raus, was los war: Fehlentscheide, Unlogisches, Pfusch. Du bist stolz, es rausgefunden zu haben. Und präsentierst das dem Publikum. Grosser Applaus.» Der Amerikaner grinste: «Das Danach-weiss-es-jeder-besser-Syndrom.»

«Es ist nicht leicht, Erfolg vorherzusagen»

«Nur», fuhr ich fort: «wenn du über ein lebendiges Unternehmen recherchierst, findest du dasselbe: Fehler, Unlogisches, Pfusch. Wenn du über Misserfolg schreibst, ist es, als würdest du Leichen aufschneiden, in jeder zwei Lungenflügel finden und dann sagen: Alle diese Toten hatten eine Lunge. Daran müssen sie gestorben sein.»

«Yep», sagte der Amerikaner: «Es ist nicht leicht, Erfolg vorherzusagen. Ich scanne jedes Jahr 25 000 Firmen.» «Und die Kriterien für Erfolg?» «Wir investieren am liebsten in kleine Techfirmen – drei Männer mit einem Hund. Mit gutem Management. In einem Markt, in dem es noch keinen grossen Konkurrenten gibt.» «Das klappt?» «Nun, der Instinkt spielt auch eine Rolle», sagte er. «Ich hasse Verlierer.»

Erstellt: 27.01.2011, 07:22 Uhr

Constantin Seibt berichtet von den Ereignissen am WEF. (Bild: Keystone )

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