Der Feind im Dorf

Erst erschien Radovan Vitek als Retter von Crans-Montana – heute ist er das Problem der Gemeinde. Nun hat der Tscheche die Bergbahnen abgestellt.

Die Skilifte stehen still: Die Gemeinde Crans-Montana liegt mit dem wichtigen Investor Radovan Vitek im Streit. (Video: Tamedia/SDA)

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Die Gondeln schweben an den Tannenwipfeln vorbei, unter ihnen glitzert der Schnee in der Sonne. Fehlt nur noch der Vogel, der von einem Wipfel herunterzwitschert, und das Idyll wäre perfekt. Zwei Wochen zuvor war hier eine Kampfzone. Es lag haufenweise Schnee, aber die Bergbahnen standen still. Die Skifahrer standen mit Ski und Stöcken in der Hand Schlange, um per Bus ins benachbarte Skigebiet zu fahren. Über ihnen knatterten Helikopter zu Bergrestaurants, an Seilen hingen Container. Den Restaurants war das Wasser abgestellt worden. Die Boulevardpresse holte daraufhin die grossen Lettern hervor: «Rüpel-Milliardär», «Erpresser», «Touristen wütend», «Einheimische geschockt».

In Crans-Montana geschah am 5. April, wovor sich der Walliser Nobelskiort seit langem fürchtete: Radovan Vitek, Multimilliardär und Besitzer der Bergbahnen Crans-Montana-Aminona, hat die Bahnen gegroundet und den wenigen Bergrestaurants, die nicht ihm gehören, das Wasser abgestellt; sie beziehen ihr Wasser über die Bahnen. Vitek selber sass in Costa Rica, aber sein langer Arm reicht bis in die Schweizer Alpen. Er hat mit Philippe Magistretti, einem Einheimischen, einen Statthalter in Crans-Montana. Dieser warf der Gemeinde vor, sie weigere sich, die Leistungen abzugelten, welche die Bergbahnen für die Allgemeinheit erbrächten. Seinen offenen Brief an die Bevölkerung schloss er mit den Worten: «Da dieses Engagement derzeit fehlt, haben wir die einzige vernünftige Entscheidung getroffen: Das Skigebiet von heute an auf unbegrenzte Zeit zu schliessen.»

Es ging ihm zu wenig schnell

Bei der Endstation der Standseilbahn steht ein knallblauer Jeep Wrangler, auf der Tür prangt gross ein Sheriffstern. Ein Mann steigt aus, mit Sonnenbrille und Jackett, und sagt: «Enchanté, Nicolas Féraud». Féraud ist Gemeindepräsident von Crans-Montana – und damit der Gegenspieler Viteks. «Natürlich, es war ein Kräftemessen zwischen Vitek und uns», sagt Féraud, während er seinen Jeep durch den Ort steuert. Zwei Tage standen die Bahnen still, erst nach Vermittlung von Staatsrat Christophe Darbellay setzten sie sich wieder in Gang. Der Jeep fährt vorbei an Prada, Louis Vuit­ton, vorbei an Schaufenstern mit Uhren, Uhren, Uhren. Féraud unterbricht sich immer wieder selbst, deutet auf das neue Casino, auf die Strasse, die zur Fussgängerzone umgebaut wird, und erzählt vom geplanten Ausbau der Standseilbahn. Sie soll noch mehr Touristen den Berg hinauf bringen. Überall stehen Bauabschrankungen, das Geräusch von Bohren und Fräsen begleitet Besucher durch alle Quartiere. Crans-Montana rüstet sich für eine blühende Zukunft.

Gemeindepräsident Nicolas Féraud zeigt das Streitobjekt, eine der Kabinen der Bergbahnen von Crans-Montana. Foto: Urs Jaudas

«Monsieur Vitek liebt diese Ecke der Schweiz», sagt Féraud. Aber Vitek wolle auch Gewinn sehen. Bereits im November habe er von den Gemeinden 3,5 Millionen verlangt und gedroht, die Bahnen ansonsten zu stoppen. Die Gemeinden haben gezahlt – und sich für den Fall vorbereitet, dass Vitek seine Drohung wahr macht. Auch jetzt hätten sie gezahlt, nur zu wenig schnell für Vitek. «Er meinte, wir zögerten die Zahlung hinaus. Aber es braucht Zeit, wenn man drei Gemeinden zu allem befragen muss.» Und so sei es zu diesem «absolut irrationalen Entscheid» gekommen. Philippe Magistretti sagt auf Anfrage, dass sich Radovan Vitek nicht zu den Vorwürfen äussern wolle. Und zur Stilllegung der Bahnen sei alles gesagt, was sie zu sagen hätten. Das Kapitel sei geschlossen.

«Das Problem ist: Vitek spricht nicht mit uns», sagt Féraud. Alles laufe über seinen Vertrauten Magistretti. So wisse man nie, ob die Botschaft ankomme, wie sie gemeint war. Dabei wohnt Vitek in Crans-Montana. Minuten später hält Férauds Jeep vor einem riesigen Chalet neben dem Golfplatz. Es sieht aus, als wären dafür mehrere Chalets zusammengeschachtelt worden. Die Fensterläden sind unten, Vitek ist nicht zu Hause. Im Sommer besuchen die jüngeren seiner vier Kinder in London die Schule.

Wie konnte es so weit kommen, dass sich Crans-Montana einem tschechischen Milliardär ausliefert? Ein Gemeinwesen in einem Land, das die Selbstbestimmung hochhält und jede Einflussnahme von aussen bekämpft? Als Magistretti 2013 mit seinem Freund Radovan Vitek nach Crans-Montana kam, hatte die Gemeinde ihre besten Zeiten hinter sich. Hotels hatten geschlossen, in vielen Ferienhäusern waren die Betten erkaltet. Etliche wurden in den 60er- und 70er-Jahren erbaut, die Besitzer waren in die Jahre gekommen und ihre Kinder verreisen lieber auf die Malediven.

Verschwiegener Milliardär: Eines der wenigen Bilder von Radovan Vitek. Foto: Getty Images

In dieser Situation erschien Vitek vielen als Retter aus dem Malaise. 2014 stieg er bei den Bergbahnen ein. Die Aktionäre, die zuvor glücklos agierten, waren nur zu gerne bereit, ihm ihre Aktien zu überlassen. Vitek kaufte nach und nach Aktien hinzu; heute verfügt er über eine Mehrheit von 90 Prozent. Damit hat er die Kontrolle über die «poumon économique», die Lunge der Wirtschaft. Denn die Bahnen sind es, die Touristen aufs Hochplateau holen, wo sie essen, übernachten und Geld ausgeben. Im Dorf befürchten manche, dass Vitek seine Macht noch massiv ausbaut, ja, dass er einen Staat im Staat schafft. Ihm gehören heute nicht nur die meisten Bergrestaurants, er will auch eine Schönheitsklinik eröffnen und plant ein Resort mit Luxushotels und 150 Zweitwohnungen.

Das Messer an der Gurgel

Die finanzielle Potenz dazu hat er. Gemäss Schätzungen der «Bilanz» verfügt er über ein Vermögen von 3,25 Milliarden. Den Grundstein dazu legte er Anfang der 90er-Jahre, als die Tschechoslowakei ihren Staatsbesitz privatisierte. Vitek wusste sich das System der sogenannten Coupon-Privatisierung so geschickt zunutze zu machen, dass er schliesslich in ganz Europa Hotels, Wohnungen und Einkaufszentren aufkaufen konnte.

Armand Bestenheider atmet schwer durch. «Die Politiker haben einen grossen Fehler gemacht, als sie die Mehrheit an den Bergbahnen aus der Hand gaben», sagt er. Nicht einmal eine Sperrminorität hätten sie behalten. «Und nun haben wir das Messer an der Gurgel.»

Bestenheider gehört zu den grösseren Playern im Ort. Er besitzt drei Hotels, zwei Restaurants, eines davon mit «Michelin»-Sternen, und eine Bäckerei. Dennoch tritt er unprätentiös auf, trägt Pullover und Freizeithose. Bestenheider ist besorgt. Er will das, was er aufgebaut hat, seinen Kinder übergeben. Sie sollen eine Zukunft haben in Crans-Montana und nicht wegziehen. «Aber es macht mir Angst, wenn die Bergbahnen von einem kontrolliert werden, der macht, was er will.» Und vor allem: Was geschieht, wenn es Vitek wieder tut? Wenn er die Bahnen wieder stoppt? Einige von Bestenheiders Gäste haben vor zwei Wochen verärgert reagiert. «Was, ausgerechnet hier in der Schweiz steht der Skilift still!», hiess es.

Vermeintlich perfekte Idylle: Hotels in Crans-Montana. Foto: Urs Jaudas

Nur bei einem ist nicht einmal ein Anflug von Ärger zu spüren. Er sitzt ganz oben im Rhonetal in Brig und heisst Peter Bodenmann, heute Hotelier, früher SP-Präsident: «Wie ich höre, plagt ein böser Milliardär eine arme Gemeinde», sagt er maliziös. Aber sie sei selber schuld, dass sie sich so blamiert habe – sie schwimme im Geld, aber dennoch habe sie dem Milliardär die Bergbahnen überlassen. Nun müsse sie sich nicht über ihn beschweren. Denn seit wann, fragt Bodenmann, hat der Kapitalismus ein Demokratieverständnis? Die Reaktionen auf Viteks Vorgehen findet er typisch für die Schweiz: «Wir haben das Gefühl, dass ein Ausländer in unserem Land anständig sein muss.» Sei es der Ausländer nicht, sei der Aufschrei gross.

Doch wie gross ist Radovan Viteks Einfluss wirklich? Nicolas Féraud glaubt, er werde überschätzt. Der Steuerzahler Vitek ist wichtig, aber nicht so wichtig, wie man angesichts seines immensen Vermögens annehmen könnte – Vitek wird pauschal, das heisst nach seinen Ausgaben statt nach seinen Einnahmen besteuert. Wichtiger ist der Arbeitgeber Vitek: Im Winter bietet er 200 Arbeitsplätze, unter dem Jahr 30. Gemessen an den 5000 Arbeitsplätzen in der Gemeinde, ist aber auch das nicht viel. Und ob der Investor Vitek expandieren kann, ist ungewiss. Die Bürgerschaft, von der er Land für sein Bauprojekt kaufen will, ist ihm nicht sehr wohlgesonnen.

Und wer hat nun das Kräftemessen gewonnen? Der Multimilliardär oder der Gemeindepräsident? Peter Bodenmann findet: der Multimilliardär. «Er handelte rational – er war ja nicht gekommen, um Geld zu verlieren. Chapeau, muss man fast sagen.» Féraud sagt, Vitek habe gezeigt, wozu er fähig sei, aber gewonnen habe er nicht. Seinen Joker habe er gespielt. Ein zweites Mal kann er die Bergbahnen nicht stoppen – denn dann riskierte er, die Konzession zu verlieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 23:24 Uhr

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