Hintergrund

Der Fluch der IT-Projekte

Steuerverwaltungs-Chef Urs Ursprung stolpert über das Flop-Projekt Insieme. Doch IT-Projekte, die Hunderte von Millionen verschlingen und dann doch nicht funktionieren, sind nicht selten. Warum nur?

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Es hat einen wohlklingenden italienischen Namen: Insieme, zusammen. Das Informatikprojekt hätte die bisher getrennt verlaufende Verarbeitung von Stempel- und Mehrwertsteuer vereinen sollen. Doch «insieme» lief hier kaum etwas, sondern kreuz und quer und nebeneinander her.

Gemäss Bundesanwaltschaft, die inzwischen ermittelt, seien für das 150-Millionen-Franken-Projekt Dutzende praktisch gleichlautende Teilaufträge abgeschlossen worden. Die Steuerverwaltung, so schrieb der «Tages-Anzeiger», habe an einem einzigen Tag drei identische Aufträge unterzeichnet.

Der als Hauptverantwortlicher geltende Steuerverwaltungs-Direktor Urs Ursprung ist suspendiert. Wenn das IT-Programm nicht gerettet werden kann, muss sich der Bund wohl Millionen ans Bein streichen.

Teuerster Flop: FIS Heer

Was ist das nur mit den IT-Projekten? Dass bei öffentlichen Grossaufträgen Budgets überzogen werden oder die Vorschriften für die Vergabe geritzt werden, ist leider auch in der Schweiz keine Seltenheit. Doch am Schluss stehen die Brücken, Spitäler oder Tunnel, auch wenn sie teurer als erwartet kommen.

Nicht so bei IT-Projekten. Der bisher teuerste Flop ist das «FIS Heer» der Armee. Unter Bundesrat Samuel Schmid wurde der Auftrag gegeben, ein eigenes elektronisches Führungskommunikationssystem herzustellen. Es dauerte Jahre, bis man sich eingestand, dass man Daten derzeit noch immer nur unverschlüsselt weitergeben kann. Damit verlor FIS Heer den besonderen Nutzen für die Armee.

Trotzdem wurde bisher für 500 Millionen Franken Hardware gekauft. Die Software verschlang bisher 200 Millionen. Der jährliche Betrieb kostet nach Angaben von Verteidigungsminister Ueli Maurer 30 bis 50 Millionen. Maurer überlegt sich derzeit, ob er noch einmal 80 Millionen investiert – oder die ganze Übung stoppt. Eine Dreiviertelmilliarde wäre in den Sand gesetzt.

Elektronischer Amtsschalter wurde beerdigt

Weniger spektakulär floppte das Projekt «ch.ch» zu Beginn der 2000er-Jahre in der Bundeskanzlei. Die Website mit diesem Namen existiert noch, aber sie ist nicht viel mehr als eine Ansammlung nützlicher Links. Dabei hätte es eigentlich eine Art elektronischer Amtsschalter werden sollen. Der Traum kostete 18 Millionen. Auch hier traute sich jahrelang niemand, das Projekt frühzeitig – und billiger – zu beerdigen.

Auch die Stadt Zürich machte bittere IT-Erfahrungen. Die Sozialdirektion unter Stadträtin Monika Stocker gab 2003 den Auftrag für ein Programm namens «Famoz», welches das Fallmanagement hätte vereinheitlichen sollen. Jahrelang kam wenig zustande, bis der Gemeinderat in seltener Eintracht von SP bis SVP zunehmend wütend Auskunft verlangte. Stockers Nachfolger Martin Waser stoppte Famoz und gleiste eine abgespeckte Nachfolgeversion auf, die heute mehr schlecht als recht funktioniert.

«Durchwursteln wird zur Devise»

Welcher Fluch verfolgt diese IT-Projekte der öffentlichen Hand? Martin Glinz, Professor am Institut für Informatik der Universität Zürich, sieht zwei Hauptursachen: «Schlechtes Projektmanagement. Danach unklare, sich häufig ändernde Anforderungen seitens der Auftraggeber. Und gleichzeitig eine Unterschätzung der technischen Schwierigkeiten, der Risiken und des Aufwands – und zwar durch Auftraggeber und Informatiker.»

Das beginne schon am Anfang mit unrealistischen Kosten und Terminplänen: «Glaube und vermeintliche Sachzwänge verdrängen den Sachverstand. ‹Das muss einfach gehen›, heisst es dann.» Selbst die besten Pläne würden zur Makulatur, wenn die Auftraggeber ständig mit neuen Anforderungen ankämen: «Durchwursteln wird zur Devise, Terminüberschreitung zur Regel.»

Glinz' Beobachtung: Oft würden Auftraggeber, die intern offen über Schwierigkeiten und Kosten informieren, verdrängt von Auftraggebern, die bloss die Kosten klein halten wollen. Ehrlichkeit wird bestraft. «Diese Teufelskreise muss man durchbrechen», fordert Glinz. «Auftraggeber müssen sich verabschieden von der Devise ‹Wir wollen alles, aber zum halben Preis›. Und Auftragnehmer müssen Aufwand und Risiken realistisch benennen.»

Eigentlich eine logische Sache. Doch so schnell lässt sich der IT-Fluch nicht bannen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2012, 12:49 Uhr

«Mehr Ehrlichkeit»: Informatik-Professor Martin Glinz beobachtet bei IT-Grossprojekten viel Durchwursteln.

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