Der Geist der Schweiz

Ein Relikt geht online: die Schweizer Filmwochenschau. Der Bund schuf sie 1940, um dem Land eine Identität zu geben und ausländische Propaganda zu kontern.

«Abwehr unschweizerischer Einflüsse» - General Henri Guisan. Foto: Schweizerisches Bundesarchiv/Cinématèque suisse

«Abwehr unschweizerischer Einflüsse» - General Henri Guisan. Foto: Schweizerisches Bundesarchiv/Cinématèque suisse

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Siebzig Jahre sind es her, und dass es sich um einen historischen Moment handelte, war schon damals klar. 19. September 1946 also, Zürich bekommt Besuch von Winston Churchill, dem britischen Premier, dem Helden der Kriegszeit, der Lichtgestalt der freien Welt. Die Schulkinder haben frei bekommen, Zehntausende Menschen säumen die Strassen, und Churchills Wagen bahnt sich durch den Jubel seinen Weg zur Uni. Dort wird Churchill über die Einigung Europas sprechen.

Auch die Redaktion der «Schweizer Filmwochenschau» ist da, und zwar mit einer Tonkamera, um die Rede festzuhalten. Auch ausländische Wochenschauen haben bei ihr «diese wichtigste Aktualität durch dringliche Telegramme bestellt», und die Kamera sei einer «überaus gründlichen Prüfung» unterzogen worden, wird Chefredaktor Hans Laemmel tags darauf beteuern. Trotzdem versagt der Apparat, und das «fünf Minuten vor Beginn der Rede» – dem Mann muss der Kragen geplatzt sein. Schon früher verlangte er die Anschaffung einer neuen Kamera.

Wie die Milch ins Tal kam Was bewegte die Schweizer und Schweizerinnen im Jahre 1956? Video: Tamedia/Cinématèque suisse & Schweizerisches Bundesarchiv

Jedenfalls beschwert er sich gleich nach dem Desaster beim Stiftungsrat der Wochenschau. Nach langem Kampf wird ihm ein Tonaufnahmegerät zugestanden; Synchron-Ton-Film-Aufnahmen bleiben aber ein Problem. Die Leute der «Filmwochenschau» behelfen sich mit Mietgeräten, Occasionen oder eigenhändigen Umbauten. Dass sie in ihren Filmbeiträgen kaum jemanden interviewen, hat nicht nur mit dem Übersetzungsaufwand für drei Landessprachen zu tun. Sondern mit der dürftigen und veralteten Ausrüstung.

Dabei ist die «Filmwochenschau» eigentlich kein Projekt für Amateure, sondern eine «nationale Frage». So hat es der Bundesrat 1937 erklärt, als er dem Parlament seinen Plan für eine eidgenössische Filmpolitik vorlegte, die es bis dahin nicht gab. Der Staat müsse sich ums «Filmwesen» kümmern, so die Regierung: Jedes Land habe es mit dem «ausserordentlich starken Einfluss» zu tun, den dieses moderne Medium «auf die Meinungsbildung der Masse ausübt». Umso alarmierender, «dass die Bevölkerung unseres Landes in einer derart unkontrollierten Weise der getarnten ausländischen Propaganda ausgesetzt wird.

Die schönsten Katzen der Welt Die Schweizer Filmwochenschau zeigte den Schönheitswettbewerb der Katzen. Video: Tamedia/Cinématèque suisse & Schweizerisches Bundesarchiv

Damit waren vor allem die Wochenschauen gemeint – jene Nachrichtenprogramme, die die Kinos zeigten, als es noch kein Fernsehen gab. Die Kinobetreiber importierten sie vor allem aus Frankreich und Deutschland; ab Sommer 1940 blieben ihnen fast nur noch die der Nazis. Abhilfe sollte ein eigenes Programm schaffen. So war es auch in der legendären «Kulturbotschaft» des Bundes von 1938 vorgesehen, dem Evangelium der Geistigen Landesverteidigung. Sie war die erste Grundsatzerklärung einer nationalen Kulturförderung überhaupt, und sie verschrieb das Kulturschaffen der «Besinnung auf unsere schweizerische Eigenart» und der «Abwehr unschweizerischer Einflüsse». Einfach wurde das allerdings nicht.

1938 wird die Schweizerische Filmkammer gegründet, eine halbamtliche Kommission mit rund fünfzig Branchen- und Behördenvertretern, die die Filmpolitik umsetzen soll. Zwei Jahre später ruft der Bundesrat dann die «Schweizer Filmwochenschau» ins Leben, auf Antrag der Filmkammer und gestützt auf seine Vollmachten im Krieg. Zunächst von der Genfer Firma Cinégram produziert, wird die Wochenschau bald einer eigenen Stiftung übertragen. Premiere ist am 31. Juli 1940: Im damaligen Berner Kino Metropol geht die erste Ausgabe über die Leinwand, und zwar als Vorprogramm zum offiziellen Erinnerungsfilm über die Landesausstellung 1939 in Zürich. Das ist bezeichnend – die Wochenschau ist ein Vehikel für den Vaterlandsgeist und die Botschaften der Behörden. Zunächst dreieinhalb Minuten, später dann doppelt so lang, bringt sie die Parolen für die Anbauschlacht oder für die Altstoffverwertung unter die Leute. Dazu kommen unverfängliche Aktualitäten aus der Welt des Brauchtums oder des Sports.

Die Haartrends von 1960 Was bewegte die Schweizer und Schweizerinnen vor 60 Jahren? Video: Tamedia/Cinématèque suisse & Schweizerisches Bundesarchiv

Der Filmhistoriker Thomas Schärer nennt es ein «ungeschriebenes Gesetz» der Wochenschau: «Erst wenn brisante Ereignisse abgeschlossen oder entschärft waren, wurden sie zum Thema.» Das zeigt sich auch in den Berichten über das Geschehen an der Grenze: Sie halten sich an die offizielle Flüchtlingspolitik; «problematische Ereignisse» (Schärer) blenden sie aus.

So bekommt das Publikum die Arbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes und geflohene fremde Soldaten zu sehen. Aber kaum Zivilisten, die es über die Grenze schaffen oder zurückgewiesen werden. Und erst recht keine jüdischen Flüchtlinge. Tatsächlich untersteht die «Filmwochenschau» nicht nur der Kontrolle durch die Filmkammer, sondern – wie alle Medien im Krieg – auch der militärischen Zensur.

1945 ist der Krieg zu Ende, nicht aber die «Filmwochenschau».

Grösser als der Nachrichtenwert der «Filmwochenschau» ist ihre Reichweite. Bis zur Ankunft des Fernsehens Mitte der Fünfzigerjahre hat sie das Monopol auf gefilmte Nachrichten aus dem Inland. Zudem ist sie obligatorisch: Die Kinos müssen sie von Gesetzes wegen zeigen. Mit einem Pflichtabonnement beteiligen sich die Kinobetreiber an der Finanzierung, ob sie wollen oder nicht. Jene in der Romandie wollen nicht. Doch 1943 verschärft der Bund die Bestimmungen des Obligatoriums.

1945 ist dann zwar der Krieg zu Ende. Nicht aber die «Filmwochenschau». Dafür sorgt ein stiller Konsens zwischen der Branche und dem Staat. Die Filmwirtschaft mag nicht auf die Förderung verzichten. Und beim Bund kümmert sich der katholisch-konservative Innenminister Philipp Etter, als Architekt der Geistigen Landesverteidigung und Kopf der «Kulturbotschaft» von 1938, schon früh um den Weiterbestand der Wochenschau – indem er die Diskussion bei den beteiligten Stellen blockiert. Zu dem Schluss kommt die Historikerin Rebekka Fränkel in ihrer Arbeit über die Wochenschau in der Nachkriegszeit. Auch unter den veränderten Bedingungen, so Fränkel, sei eine Einstellung «nie ernsthaft in Betracht gezogen» worden.

Die Krux mit der Einheit

Das gilt freilich auch für die Geistige Landesverteidigung, jenes Staats- und Kulturverständnis, dem sich die Wochenschau verdankt: Es wird im Kalten Krieg neu aufgelegt, nun im Namen des Antikommunismus. Auf die Nazis folgen die Sowjets, die Angst vor «getarnter Propaganda» besteht weiter, und so bleibt auch die «Filmwochenschau» auf ihrem Posten.

Doch ohne seine Vollmachten aus der Kriegszeit hat der Bundesrat nun kein Mittel mehr, um die Kinos in die Pflicht zu nehmen. In der Deutschschweiz springt der Verband der Kinobetreiber in die Lücke und verordnet seinen Mitgliedern das Obligatorium. Der Westschweizer Verband aber kündigt es umgehend und erklärt den Boykott. Die «Filmwochenschau» soll zwar das «Bewusstsein der schweizerischen Zusammengehörigkeit» stärken, wie es auch im neuen Filmgesetz von 1962 heisst. Doch in der Romandie erreicht sie stets nur eine spärliche Verbreitung.

Rebekka Fränkel sieht die Ursache für die Opposition in «persönlichen Animositäten», und zwar zwischen den Vertretern des welschen Verbands und jenen der Gremien beim Bund. Der chronische Streit um die «Filmwochenschau» zeigt aber auch, was dem Bund blüht, wenn er sich ausnahmsweise zu einer nationalen Kulturpolitik entschliesst, zwecks Förderung einer Nationalkultur. Zumal es in der Schweiz so etwas eigentlich nicht geben kann: Sie bildet weder ethnisch, geografisch noch sprachlich eine Einheit, und die «Gemeinschaft des schweizerischen Geistes» (Philipp Etter) soll gerade aus der kulturellen Vielfalt wachsen.

Das ist die Formel der Geistigen Landesverteidigung, die seither selbstverständlich gewordene Definition der Willensnation. In ihr steckt aber auch das «Ursprungsparadox helvetischer Kulturpolitik», wie es die beiden Historiker Claude Hauser und Jakob Tanner nennen: Je stärker der Wille zur Einheit, also der Versuch, das kulturelle Profil der Schweiz zu stärken, desto stärker werden auch die gegenläufigen Kräfte, die «föderalistischen und antizentralistischen Momente».

Tatsächlich kämpft die «Filmwochenschau» bis zum Schluss nicht nur mit der Renitenz der Romands. Sondern auch mit organisatorischen Unzulänglichkeiten, versandenden Reformen, unklaren Kompetenzen und ebenso klaren Inkompetenzen in den beteiligten Gremien. Prekär auch das Budget für die Redaktion: Es reicht gerade für gut zehn Teilzeitstellen, und der Redaktionssekretär ist jeweils Tessiner, weil er auch als Übersetzer und Sprecher fürs Italienische amtieren muss. Zudem gibt es Vorschriften für den Materialverbrauch; das Verhältnis der gefilmten zu den verwendeten Aufnahmen darf 4:1 nicht unterschreiten. Farbaufnahmen gibt es nur, wenn sie gesponsert werden.

Tod durch Auszehrung

Und das alles bei einer Institution, die die Landesregierung beharrlich zum Pfeiler für die «Selbstbehauptung unseres Staates» erklärt. 1975 geht dann zu Ende, was in 35 Jahren niemals etwas Rechtes wurde: Der Bundesrat hat die Einstellung der «Schweizer Filmwochenschau» durch eine Änderung des Filmgesetzes verfügt. Als es in Kraft tritt, ist die Stiftung bereits liquidiert; mit den vorab gekürzten Bundesgeldern war der Betrieb nicht mehr zu finanzieren.

Eine Raison d’être hatte die Wochenschau allerdings schon länger keine mehr. Zum einen hatte sie in der Konkurrenz mit dem Fernsehen immer weniger zu bieten; die Ideen für eine Neupositionierung waren zu lange liegen geblieben. Zum anderen hat sie ihr politisches Kapital verloren: Die gesellschaftliche Öffnung der Sechzigerjahre brachte die Geistige Landesverteidigung ins Wanken; die Vaterlandsbeschwörung taugte zusehends weniger als Basis für die Kulturpolitik.

Dass sich der Landigeist überhaupt so lange halten konnte, ist laut Rebekka Fränkel umgekehrt wohl auch ein Verdienst der Wochenschau. Und was uns jetzt gegenübertritt, da sie im Internet wiederaufersteht, als Relikt der Mediengeschichte, das ist vor allem dieser Geist. Die Wochenschau versuchte dem nationalen Zusammenhalt zu dienen, indem sie, so Fränkel, ein «idealisiertes Bild des Landes entwarf, das sämtliche Konflikte, Prozesse und Probleme ausblendete». Was sie dokumentiert, ist denn auch weniger der Alltag in der Schweiz. Vielmehr ist es ein Glaube. Der Glaube an eine Schweiz, die ihr Selbstverständnis in den Bergen, in der Landwirtschaft und in den Traditionen finden soll.

Aladin fand seinen Geist in einer Wunderlampe. Die Schweizer hatten dafür ihre Wochenschau. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2016, 23:14 Uhr

Die «Wochenschau», reloaded

Im Netz bis 2018

1650 Ausgaben, 9000 Berichte, 280'000 Meter Film: Das ist die Erbmasse der «Schweizer Filmwochenschau», die ab 1940 als halbamtliches Nachrichtenprogramm dreisprachig in den Kinos lief. Nachdem sie 1975 ein­gestellt worden war, übernahmen das Schweizerische Bundesarchiv und die Cinémathèque suisse den Bestand. Bei der SRG wurden die Beiträge später verschlagwortet. Und nun geht die «Filmwochenschau» ins Internet: Nach einem exklusiven Best-of für den «Tages-Anzeiger» werden seit Mitte November die Ausgaben des Jahres 1956 online gestellt. Die übrigen Jahrgänge folgen Schritt für Schritt. In zwei Jahren soll dann die gesamte «Wochenschau» digital zugänglich sein, und zwar auf dem Informationsportal des Vereins Memoriav, der sich um die Erhaltung des audiovisuellen Erbes der Schweiz kümmert. Er realisiert das Onlineprojekt gemeinsam mit der Cinémathèque und dem Bundesarchiv. (ddf)

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