Der Höfliche, der gerne wütend wäre

Walter Schmid: Wie der oberste Sozialhelfer mit dem Hass umgeht, der ihm dauernd entgegenschlägt.

Sanfte Höflichkeit: Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, muss oft die Fehler der anderen erklären. (3. Januar 2013)

Sanfte Höflichkeit: Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, muss oft die Fehler der anderen erklären. (3. Januar 2013) Bild: Keystone

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Seine Stimme klang ruhig und der Ton angenehm. Geduldig applizierte er die Rhetorik des guten Zuredens, servierte seine Argumente und hielt seine Herablassung unter Kontrolle. Er redete nicht drein und redete sich nicht heraus. Der Anzug sass, die Krawatte hing, das dichte Haar war gebändigt. Zwar war dem Interviewgast bei «10 vor 10» am Mittwoch die Frustration anzuspüren. Ärger gestattete er sich aber keinen, nur angestrengte Höflichkeit hinter dem Brillenglas. Denn Walter Schmid darf nie werden, was viele seiner Gegner sind: ausfällig.

Ob er nicht manchmal Lust habe, fragt man ihn, seine Unlust zu zeigen? Er lacht so laut, dass es wie eine Antwort klingt. Selbstverständlich würde er gern ausrufen. Und natürlich kann er nicht. «Das gehört zu meinem Job», sagt er, den er hat und behalten möchte, gelegentlichen Rücktrittsforderungen zum Trotz. Denn Walter Schmid ist der oberste Sozialhelfer der Schweiz. Zwar ist die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos), die er seit vielen Jahren präsidiert, ein privater Verein. Dennoch folgen die meisten Gemeinden und Kantone ihren Empfehlungen. Die Skos fungiert als Barometer der behördlichen Barmherzigkeit.

Er muss immer erklären

Nur wird Walter Schmid nicht als Samariter zum Interview gerufen, sondern immer nur, wenn es Lämpen gibt. Nie geben die 98 Prozent zu reden, die Sozialhilfe brauchen, sondern die anderen, die sie missbrauchen. Kaum je hört man von den 600 Gemeinden, die der Skos angehören. Dafür diskutiert das ganze Land darüber, dass Rorschach austritt. Die Gemeinde fordert von Schmid ein härteres Vorgehen gegen Renitente. Ein besonders Renitenter aus dem Aargau hatte landesweit zu reden gegeben, weil er Auflagen der Gemeinde missachtete und trotzdem Sozialgeld verlangte. Vor kurzem gab ihm das Bundesgericht sogar recht.

Dafür kann Walter Schmid zwar nichts, aber er muss es trotzdem erklären. Er ist auch nicht schuld, wenn ein Taxifahrer unfreundlich zum Fahrgast ist und Sozialgeld bekommt. Wenn ein Südländer Mercedes fährt und Sozialgeld bekommt. Wenn ein Zuhälter seine Frau anschaffen lässt und Sozialgeld bekommt. Oder wenn sonst ein «Name geändert» in der Zeitung auftaucht, hinter dem sich ein glutäugiger Albaner verbirgt, der Grieche an sich oder einer dieser Afrikaner, die nichts machen, ausser Sozialgeld zu bekommen. Obwohl Schmid dafür nichts kann und sich gegen Missbräuche auch wortreich verwahrt, bekommt man gelegentlich den Eindruck, er sei nicht nur an jedem Missbrauch schuld, sondern helfe sogar beim Organisieren mit.

«Angriffe gehören bei dieser Arbeit dazu»

Er nehme das hin, sagt Schmid, ein promovierter Anwalt, der seine Karriere bei der Flüchtlingshilfe begann, aber nie einer Partei angehörte. «Angriffe gehören bei dieser Arbeit dazu, und ich habe nie besonders darunter gelitten.» Seit 30 Jahren werde er in regelmässigen Abständen als Landesverräter beschimpft, also habe er sich daran gewöhnt. Walter Schmid mag sanft auftreten, ängstlich ist er nicht. In aller Öffentlichkeit bekannte er sich zum Gutmenschentum, als der Begriff schon längst vom Schimpfwort zur Verhöhnung eskaliert war. Er sei zwar mit einer Pfarrerin verheiratet, sagt er dazu, aber aus Frömmigkeit tue er das alles nicht, bloss aus Überzeugung.

Was er an diesem Tag noch vorhabe, fragt man ihn zuletzt. Er habe vor, sagt er, seinen 60sten Geburtstag zu feiern. Es klingt, als wolle er sich entschuldigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2013, 07:13 Uhr

Wirbel um die Skos

Die Konferenz für Sozialhilfe (Skos) geriet diese Woche in die Schlagzeilen, da die Stadt Rorschach aus dem Verein austritt. Die Skos vertrete nur noch die Interessen von Sozialhilfe-Empfänger, lautet die Kritik.

«Es wäre, als ob Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen die Interessen der Arbeitgeber vertreten würden», sagte der Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller am Mittwoch auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Er bestätigte eine entsprechende Meldung der Zeitung «Blick».

Anfang März hat der Sozialvorsteher laut Müller Konsequenzen gezogen und der Skos den Austritt mitgeteilt. Da es sich um einen Fachverband handle, liege dieser Entscheid in der Kompetenz des Sozialamtes. Rorschachs Schritt ist landesweit einmalig.


Die Skos engagiert sich für die Ausgestaltung und Entwicklung der Sozialhilfe in der Schweiz. Ihr Leitmotiv ist nach eigenen Angaben die Unterstützung und Integration von Menschen in Not; sie engagiert sich seit über 100 Jahren dafür, dass Armut wirksam bekämpft wird. Vertreten sind Gemeinden, Kantone und Bund, aber auch private Organisationen des Sozialbereichs.


Auslöser für Rorschachs Entscheid ist ein Urteil des Bundesgerichts, wonach die Aargauer Gemeinde Berikon einem heute 22-jährigen Mann zu unrecht die Sozialhilfe strich, weil er jegliche Kooperation verweigert hatte. «Der Entscheid basiert auf einem formaljuristischen Standpunkt, der kein Laie versteht», sagte Müller. (sda)

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