Porträt

Der Idealist, der aus dem Eis kam

Umweltaktivist Marco Weber ist zurück in der Schweiz – nach vielen Wochen in russischer Haft unter harten Bedingungen. Die Aktion im Polarmeer bereut er nicht.

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Mit der Kletterattacke auf eine russische Ölplattform hat Greenpeace zweierlei Debatten ausgelöst, von denen vermutlich nur die eine beabsichtigt war. Erreicht hat die Organisation, dass die ökologisch heikle Bohroffensive des Ölkonzerns Gazprom in der Arktis weltweit in den Fokus rückte; das Gleiche gilt für die Rache des Putin-Staats an den beteiligten Aktivisten, die für zwei Monate inhaftiert und einen zusätzlichen Monat an der Ausreise gehindert wurden.

In den Fokus der Debatte gerieten aber auch die Greenpeace-Methoden. Einmal mehr habe man die Aktivisten trefflich instrumentalisiert, tönte es aus anderen Umweltverbänden: Die jungen Freiwilligen dienten als «Gratisbrennstoff» für die PR-Maschinerie von Greenpeace. Entsprechend kontrovers diskutierten auch langjährige Beobachter, welche Beschreibung auf die Mitglieder der «Arctic 30» (so die Titulierung der 30 Inhaftierten durch Greenpeace) am ehesten zutreffe: selbstlose Helden, naive Idealisten oder gar leichtsinnige Draufgänger?

Schweizerischer gehts nicht

Den Medien bot sich am Dienstag die Gelegenheit zum Feldstudium. Denn das bekannteste Gesicht der «Arctic 30», der Mann, der am 18. September zusammen mit einer Mitstreiterin am Kletterseil unter der Ölplattform hing, als die Küstenwache anrückte, dieser Mann, zufällig Schweizer (die Beteiligten stammen aus insgesamt 18 Ländern), ist seit Montag wieder zurück in der Heimat. Wie die übrige Mannschaft hat auch er von der «Begnadigung» durch die russische Staatsführung profitiert (eine Verurteilung hat es nie gegeben). Einen Tag nach der Rückkehr stellt er sich im Zürcher Hauptquartier von Greenpeace den Journalistenfragen – zum vorläufig letzten Mal, denn er möchte sich von den Strapazen erholen, und es zieht ihn nicht ins Scheinwerferlicht. «Eine solche Medienkonferenz kostet mich mehr Mut, als auf eine Ölplattform zu klettern», sagt er.

Sein Name hat längst die Abendnachrichten rund um den Erdball passiert: Marco Weber. Schweizerischer geht es nicht, und auch der Rest passt: Kleidung und Frisur des 28-Jährigen zeugen von keinerlei Extravaganz, hinzu kommen die ruhige Redeweise, die Arbeit als selbstständiger Zimmermann in Wil ZH und die Freundin (Kinder sind noch keine da). Doch dann glaubt man da noch diese spezifische Kombination zu registrieren, die seit Jahrhunderten eine erstaunliche Wirkungsmacht entfaltet, wenn sie bei jungen Männern auftritt: die Kombination aus grosser Idee und Lust am Abenteuer.

Die Lust am Nervenkitzel

Nach der grossen Idee braucht man Marco Weber nicht zu fragen. Wir stünden gegenüber kommenden Generationen in der Verantwortung, zu unseren Lebensräumen Sorge zu tragen. Die Arktis sei ein sensibles Ökosystem, er werde sich weiter für sie einsetzen. Er habe zu ihr zwar keinen direkten biografischen Bezug. Doch er sei «sehr naturnah aufgewachsen», daher kämpfe er für die Umwelt. Die Teilnahme an der Aktion in der Barentssee bereue er nicht.

Und inwieweit treibt ihn die Freude am Nervenkitzel an? «Wenn es mir um den Adrenalinschub ginge, bräuchte ich Greenpeace nicht», antwortet Weber. Man tut ihm trotzdem nicht unrecht, wenn man ihm Abenteuerlust attestiert – denn das tut Greenpeace bei der Präsentation von Weber auf der Website gleich selber. Der Verband erklärt damit sogar Webers Spitzname «Kruso». Dieser beziehe sich auf das krause Haar, aber eben auch auf die Romanfigur Robinson Crusoe, den Schiffbrüchigen und Überlebenskünstler. Weber ist von Kindesalter an leidenschaftlicher Kletterer. Bei Greenpeace Schweiz coacht er das Bergsteigerteam. Der Einsatz in Russland war nicht sein erster. In den letzten fünf Jahren hat er sich immer wieder für Aktionen gemeldet, die ihn etwa nach Italien, Deutschland oder Dänemark führten.

Ob und wann er wieder einen solchen Einsatz leisten werde? Weber mag es noch nicht sagen. Nach Russland werde er vorläufig nicht zurückkehren, das sei aus juristischen Gründen «nicht sinnvoll». Vor allem aber gilt es, das Erlebte zu verarbeiten. Von den russischen Bewachern wurde er zwar meist respektvoll behandelt. Trotzdem waren die Haftbedingungen hart. Am Anfang erhielt er lediglich vier Deziliter Wasser zu trinken. Er wurde in Einzelhaft gehalten und hatte lange mit niemandem ausser seinen Anwälten Kontakt. Die Russen hätten «überreagiert», die Vorwürfe – Piraten- beziehungsweise Rowdytum – seien absurd gewesen. Nie erhielt er die Dokumente, die ihn betrafen, in der Muttersprache zugestellt. Der Freiheitsentzug schlug ihm immer mehr aufs Gemüt. Die drohende Haftstrafe von bis zu 15 Jahren verdrängte er. Jetzt, wieder in Freiheit, sagt er: «Ich weiss im Moment noch nicht recht, wie ich mich fühle.»

Marco Weber, so viel ist klar, legt Wert darauf, weder als naiv noch als leichtsinnig wahrgenommen zu werden. Greenpeace will ihn darin bestärken. Nachdrücklich lobt die Organisation den Mut der Aktivisten, bezeichnet die Aktion als Erfolg. Die russischen Ölbohrpläne seien «gestört» worden, sagt Markus Allemann, Co-Geschäftsleiter der Schweizer Sektion. Und die Aktivisten hätten den Schutz der Arktis als Botschaft weltweit vermittelt.

Idealismus und Abenteuerlust standen hinter den Erfolgen historischer Grössen wie Lawrence von Arabien oder Charles Lindbergh. Greenpeace hat vorerst erreicht, dass das Interesse an seinen Freiwilligenaktionen gestiegen ist. Gazprom aber hat vor zwei Wochen mit den Ölbohrungen in der Arktis begonnen.

Erstellt: 03.01.2014, 07:04 Uhr

Der Marco-Weber-Effekt

Laut Greenpeace haben sich in den letzten Monaten dreimal mehr Freiwillige gemeldet.

Als das japanische Kernkraftwerk Fukushima 2011 in die Luft flog, löste es weltweit eine emotionale Debatte über Umweltschutz und Atomkraft aus. Solche Ereignisse schlagen sich auch auf dem Konto von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace nieder. In Deutschland, wo der Atomausstieg besonders heftig diskutiert wurde, verzeichnete Greenpeace 2011 mit 48,89 Millionen Euro das grösste Spendenaufkommen in seiner 30-jährigen Geschichte.

Gibt es nun einen ähnliche Effekt nach den aufsehenerregenden Ereignissen um das Schiff Arctic Sunrise? Der TA erkundigte sich bei Greenpeace Schweiz und in der Zentrale von Greenpeace International in Amsterdam. «Das Interesse, bei uns mitzumachen, ist in den letzten Wochen massiv gestiegen», sagt Markus Allemann, Geschäftsleiter von Greenpeace Schweiz. So habe man dreimal mehr Anfragen als sonst erhalten. «Unsere Info-Abenden für Freiwillige sind zurzeit übervoll», so Allemann. Ben Ayliffe von Greenpeace International spricht von einer «überwältigenden Unterstützung»: «Beinahe drei Millionen Menschen weltweit setzten sich für die Freilassung von Marco Weber und der anderen Greenpeace-Aktivisten ein.»

Nicht mehr Spenden

Keinen Einfluss hatte die GazpromAffäre auf den Spendenfluss. «Wir haben bei unseren Einnahmen generell sehr selten Ausschläge nach oben oder nach unten», erklärt Allemann. Tatsächlich verharren die Spenden in der Schweiz auf hohem Niveau. Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahresbericht 2012. Zwar konnte Greenpeace im Vergleich zum Vorjahr einen dramatischen Zuwachs bei den Spendern von 93'356 auf 161'000 verzeichnen, doch der gesamte Spendenbetrag stagniert seit 2010 bei rund 25 Millionen Franken jährlich.

Dies im Unterschied zu Greenpeace Deutschland, dem finanzstärksten Länderbüro, das nach 2011 auch 2012 53,54 Millionen Euro einen neuen Spendenrekord verzeichnete. 2010 wurden noch 46,7 Millionen Euro gespendet.

Dennoch hat sich Greenpeace Schweiz langfristig viel besser entwickelt als die deutschen «Regenbogenkrieger». So betrug das Spendenaufkommen bei Greenpeace Deutschland 1997 rund 65 Millionen Deutsche Mark – was grob umgerechnet dem heutigen Spendenstand entspricht. Greenpeace Schweiz flossen hingegen 1999 von 135'000 Personen bloss 14 Millionen Franken Spenden zu. Seitdem haben sich die Schweizer kontinuierlich auf die heutige Marke von 25 Millionen Franken hochgearbeitet.

Bei Greenpeace International äusserte man sich nicht zu den möglichen Auswirkungen auf das Spendenaufkommen. Tatsache ist, dass es sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat. Nach einer schweren Krise im Jahr 2000, als Greenpeace International in den sechs Jahren zuvor 1,6 Millionen Mitglieder verloren hatte, ging es wieder aufwärts. So wuchs die Zahl der Fördermitglieder weltweit von 2,74 Millionen auf rund drei Millionen, und die Spendeneinnahmen nahmen global von 177 Millionen Euro auf 236,9 Millionen Euro zu. Interessant sind auch die jeweiligen Gründe für die Tiefs der Umweltorganisation: «Die Öffentlichkeit findet es langweilig, zuzusehen, wie wir uns an Schiffe und Kräne ketten», zitierte die britische «Sunday Times» im Jahre 2000 ein aktives Greenpeace-Mitglied. Davon kann heute wohl keine Rede mehr sein.
Michael Soukup

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