«Der Islam ist eine Schweizer Religion»

Der Konvertit Pascal Gemperli kämpft in der Westschweiz für die staatliche Anerkennung des Islam. Doch dafür muss er einige Hürden überwinden.

Pascal Gemperli, Präsident des Dachverbands der Waadtländer Muslime, vermittelt zwischen Politik und Islam. Foto: Sebastien Agnetti

Pascal Gemperli, Präsident des Dachverbands der Waadtländer Muslime, vermittelt zwischen Politik und Islam. Foto: Sebastien Agnetti

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Der Mann, der den Waadtländer Muslimen zu Anerkennung verhelfen will, ist weder Westschweizer noch gebürtiger Muslim. Pascal Gemperli wurde katholisch getauft und wuchs im Thurgau auf. Vor fünfzehn Jahren kam er für das Studium nach Lausanne, fünf Jahre später unter anderem durch seine marokkanische Frau zum Islam. Wenn es diesen Mann nicht bereits gäbe, hätten ihn die Waadtländer Muslime erfinden müssen, schrieb vor kurzem die Tageszeitung «Le Matin». Der 37-Jährige hat unter anderem interkulturelle Kommunikation studiert, arbeitet als Mediator, sitzt für die Grünen im Gemeinderat von Morges – er ist ein ideales Gegenbild zu religiösen Fundamentalisten.

Und Gemperli ist der Präsident der Union Vaudoise des Associations Musulmanes (Uvam). Eines multiethnischen Dachverbands, dem 15 der 17 muslimischen Vereine und Zentren des Kantons angeschlossen sind und der gerade vor der wichtigen Entscheidung steht, ob er sich für den Status einer anerkannten religiösen Gemeinschaft bewerben soll.

Die katholische und die reformierte Kirche sind im Kanton Waadt als religiöse Gemeinschaften anerkannt, ebenso die israelitische Gemeinschaft. Seit einer Verfassungsänderung 2003 ermöglicht der Kanton auch die Anerkennung von anderen religiösen Gemeinschaften. Pascal Gemperli möchte diese Chance nutzen. Im albanischen Zentrum in Lausanne empfängt er zum Gespräch. Draussen hängen die Schweizer Fahne und die albanische, drinnen stehen ein Billardtisch, ein Regal für die Schuhe und eine Art Minarettkulisse, ausgerichtet nach Mekka. Vom Fenster aus kann man den benachbarten Kirchturm sehen.

«Offiziell demokratietauglich»

Für Pascal Gemperli sind die Vorteile einer Anerkennung klar: Vertreter der Uvam könnten sich regelmässig mit Parlamentariern treffen und würden bei der Ausarbeitung neuer Gesetze konsultiert. Sie erhielten Zugang zu den Einwohner­daten des Kantons und somit die Adressen vieler Muslime. «Wir könnten diese Personen direkt anschreiben, was gut für die Demokratisierung der Gemeinschaft wäre», sagt Gemperli.

Subventionen vom Kanton wären ebenfalls möglich, sind aber nicht direkt mit der Anerkennung verknüpft. Geld erhielte die Uvam nur für die «missions en commun», sprich für die Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften – etwa bei der Seelsorge. Doch der grösste Vorteil der Anerkennung wäre laut Gemperli psychologischer Art. «Wir Muslime hätten danach die offizielle Bestätigung, demokratietauglich zu sein.» Der Islam sei heute schon eine Schweizer Religion, das sei «eine soziale Realität». Gemperli ist sich sicher, dass die juristische Anerkennung dieser Realität einen positiven Effekt auf das Zusammenleben hätte.

Sprachunterricht für die Imame

Eric Golaz, Religionsbeauftragter des Kantons Waadt, sähe in der Anerkennung auch Vorteile für die Regierung: Sie könnte diplomatische Beziehungen zu den Muslimen unterhalten und hätte direkte Ansprechpartner, sagt er. Doch vor einem solchen Schritt müssten zahlreiche Hürden überwunden werden, unter anderem eine fünfjährige Prüfungsphase, während welcher der Kanton kontrolliert, ob die religiöse Gemeinschaft alle Bedingungen erfüllt. Anerkannt werden letztlich nicht «die Muslime» oder «der Islam», sondern die Uvam mit ihren 15 Zentren.

Manche der vom Kanton gestellten Bedingungen sind laut Gemperli «kein Problem». Etwa der regelmässige Einsatz für den interreligiösen Dialog; «das machen wir seit Jahren». Oder die Vorgabe zum Mindestanteil der Gruppe an der Gesamtbevölkerung – je nach «Alter» der Gemeinschaft zwischen 0,1 und 3 Prozent. Verlangt werden zudem die Anerkennung der zivilen Hochzeit als Bedingung für die religiöse sowie die Einhaltung des Polygamie-, des Prügelstrafen- und des Beschneidungsverbots bei Mädchen.

Würde bereits heute über eine Anerkennung entschieden, wäre laut Pascal Gemperli ein anderes Kriterium der Stolperstein für seinen Verband: «Die Vertreter der Gemeinschaft müssen beweisen, dass sie die französische Sprache beherrschen. Das heisst, sie müssen die Sprache verstehen und sich in ihr öffentlich ausdrücken können», steht in den Bedingungen. Vier der fünfzehn Imame erfüllen diese Vorgabe laut Gemperli derzeit noch nicht. «Aber bis zur Entscheidung haben sie genügend Zeit, um das aufzuholen.»

Der fünfjährige Prozess birgt für den muslimischen Dachverband auch Risiken. Denn der politische Widerstand ist ihm sicher, und er könnte sich mit der Zeit stärker formieren. «Die Anerkennung der muslimischen Gemeinschaft ist unmöglich», sagte der parteilose Kantonsrat François Brélaz nach dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo». Sollte der Grosse Rat die Uvam nach der Prüfungsphase anerkennen, wäre ein kantonales Referendum sehr wahrscheinlich. Lehnt das Volk die Anerkennung schliesslich ab, wäre das «eine Ohrfeige mit negativen Langzeitfolgen», sagt Gemperli. Bis zur Entscheidung wird es allerdings noch sechs, sieben Jahre dauern. «Wer weiss, wie der Ruf der Muslime dann ist.»

Interne Konkurrenz

Vielleicht bekommt die Uvam in dieser Zeit auch noch Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Das Centre Islamique in Lausanne, eine der grössten Moscheen in der Westschweiz, möchte offenbar nicht kooperieren. Man habe das Gespräch mehrmals angeboten, sagt Pascal Gemperli. Doch es gebe ideologische Differenzen. Der Sprecher des Lausanner Zentrums liess kürzlich verlauten, dass man sich wahrscheinlich in einigen Jahren selbst für die Anerkennung bewerben werde.

Vieles deutet darauf hin, dass die Uvam den Schritt schon jetzt wagen möchte – trotz des aktuellen politischen Umfelds, das den Antragstellern nicht gerade helfen dürfte. «Wir möchten, dass man uns an unseren eigenen Taten misst», sagt Pascal Gemperli, «nicht an jenen von anderen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2015, 19:29 Uhr

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