«Der Islam tut mir gut»

Wirbel um 17-jährige Ausreisserin: Die junge Frau taucht im März wegen angeblicher Todesdrohungen unter. Dann tritt sie in im TV als islamistische Missionarin auf. Ist sie das Opfer einer «Gehirnwäsche»? Wird sie vom Islamischen Zentralrat Schweiz manipuliert?

Bei ihrem Auftritt in der Fernsehsendung «Arena»: Die 17-jährige Konvertitin F. U.

Schweizer Fernsehen

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Es war eine plötzliche Verwandlung: Vor einem Jahr noch war F. U. eine junge Frau in engen Hosen. Sie traf sich mit Freundinnen, trank Alkohol, spielte Volleyball. Heute trägt die 17-Jährige ein Kopftuch. Sie hört kein Radio mehr, betet fünfmal am Tag und verweigert Männern die Hand. In schwarze Kleidung gehüllt, trat sie letzten Freitag in der «Arena» des Schweizer Fernsehens auf – zusammen mit ihrem Freund, den sie nach islamischen Ritus geheiratet hat.

F. U. ist überzeugt, dass sie die wahre Religion gefunden hat. Sie fühle sich mit dem Kopftuch «sehr wohl» und mache alles «freiwillig». Ihre Eltern hingegen befürchten, dass sie die Tochter an eine sektenähnliche Organisation verloren haben: den Islamischen Zentralrat Schweiz, wo der junge «Ehemann» Naim Cherni als Generalsekretär waltet.

Die Fronten sind verhärtet: Seit dem 28. März ist die 17-Jährige untergetaucht – wegen angeblicher Todesdrohungen ihrer Familie. «Ich lebe an einem geheimen Ort in Bern», sagt sie gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Wo genau, will sie nicht sagen. Die Angst vor Repressionen sei zu gross. «Meine Familie akzeptiert meine Religion nicht. Ich habe ihre Unterdrückung nicht mehr ausgehalten.» Seit ihrer Konversion vor neun Monaten sei es immer wieder zu Konflikten gekommen. Ihr Vater habe sie mit der Faust geschlagen, der Onkel ihr sogar gedroht, sie umzubringen, wenn er sie sehe. «Jetzt kann ich wieder atmen und meine Religion frei leben», sagt sie.

«Der Islam tut mir gut»

Bis letzten Juni gehörte die junge Kurdin wie ihre Familie zur Glaubensgemeinschaft der Alewiten, die ebenfalls Muslime sind, den Islam jedoch moderat leben. Dann konvertierte sie zum sunnitischen Islam – aus eigenem Wunsch, wie sie betont. «Der Islam tut mir gut. Warum denn sonst sollte ich diese Religion annehmen?» Auch das Kopftuch trage sie aus eigener Entscheidung. «Früher war es ein Symbol der Unterdrückung für mich. Auch nachdem ich konvertiert bin, wollte ich es zuerst nicht tragen. Dann probierte ich es aus und war überrascht, wie gut es sich anfühlt.»

Den Vorwurf der Eltern, sie sei vom Zentralrat einer «Gehirnwäsche» unterzogen worden, lässt F. U. nicht gelten; auch von einer sektenähnlichen Abhängigkeit will sie nichts wissen. Dass sich ihre Eltern Sorgen machen, kann sie verstehen, schliesslich sei ihre Entwicklung hin zur Konversion «sehr schnell erfolgt». Es sei nachvollziehbar, dass sie Zeit bräuchten, um diesen Schritt zu akzeptieren – doch die Todesdrohungen seien deswegen nicht entschuldbar.

Rückkehr sei undenkbar

Nach eigenen Angaben telefoniert F. U. fast täglich mit ihrer Familie, vor allem die Mutter vermisse sie. Eine Rückkehr ist für sie dennoch undenkbar: «Das wäre, wie wenn ich ins Gefängnis gehen würde. Meine Familie sagt am Telefon immer, ich solle zurückkommen – und droht mir dann erneut.» Sie hofft, dass ihre Eltern «irgendwann merken, wie sehr ich dieses Leben wirklich will».

Genau das bezweifelt ihre 20-jährige Schwester S. U.: «Vordergründig sieht es so aus, als würde F. alles freiwillig machen. Doch sie steht unter grossem Druck von ihrem Mann und dem Zentralrat, den ich für sehr gefährlich halte.» F. wisse ganz genau, dass sie bei ihrer Familie immer willkommen sei; Todesdrohungen habe es nie gegeben. «Sie benützt diese angeblichen Drohungen vielmehr als Vorwand, um nicht nach Hause kommen zu müssen.» F.s Konversion sei «schnell und überraschend» gekommen, dementsprechend «happig» sei die Situation für sie und ihre Eltern. Die 20-Jährige glaubt, dass es sich dabei um ein «psychologisches Jugendentwicklungsproblem» handle, aus dem F. «grundsätzlich wieder herauswachsen» könne. Beängstigend sei jedoch, dass es äusserst schwierig sei, der sektenähnlichen Struktur des Zentralrats zu entkommen: «F. war schon immer sehr leicht zu überzeugen. Nun bekommt sie die Anerkennung, die sie will.»

Schwere Vorwürfe gegen die Vormundschaftsbehörde

S. U. erhebt – wie auch ihre Eltern gestern in der «Weltwoche» – schwere Vorwürfe gegen die Vormundschaftsbehörde Köniz. Diese weiss, wo sich F. aufhält, gibt den Ort aber nicht preis: «Wieso darf meine Mutter ihre Tochter nicht sehen? Sie wird behandelt, als sei sie eine Terroristin.» Eine Rückkehr nach Hause wäre optimal; man wäre aber schon zufrieden, wenn F. an einen neutralen Ort wie eine Wohngemeinschaft oder ein Jugendheim käme.

Die Vormundschaftsbehörde Köniz nimmt zum konkreten Fall keine Stellung, verwahrt sich jedoch gegen die Vorwürfe, nichts getan zu haben. Generell sei festzuhalten, dass Jugendliche, die ihr Elternhaus verlassen haben, gegen ihren Willen nicht polizeilich dorthin zurückgeführt werden können. «Unser Ziel ist es, mit Vermittlungsgesprächen eine Einigung zwischen Eltern und Kindern zu erreichen», sagt der zuständige SVP-Gemeinderat Ueli Studer. Sei eine Verständigung nicht möglich, könne es zu einem Obhutsentzug und einer Platzierung der Jugendlichen an einem neuen Ort kommen. Die Eltern hätten in diesem Fall ein Recht auf Gehör.

Für den 4. Mai ist ein Treffen zwischen F. U., ihren Eltern und der Vormundschaftsbehörde geplant. Im August will die 17-Jährige ihre kaufmännische Lehre bei der Stadt Bern antreten. Die Angst ihrer Familie, dass sie diese dem Islam zuliebe sausen lässt, sei unbegründet: «Ich freue mich sehr darauf. Und schliesslich will ich später studieren.» Am liebsten Medizin, Medienwissenschaft oder Geschichte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2010, 23:21 Uhr

Islamismus: Die Rezepte der Parteien

Der Bund und die Parteien beschäftigen sich immer intensiver mit dem Fundamentalisten Nicolas Blancho und seinem Islamischen Zentralrat (IZRS). Anfang nächster Woche muss der Bieler beim Chef des Bundesamtes für Migration antraben. Alard du Bois-Reymond befürchtet einen Nährboden für potenzielle Terroristen, vergleichbar mit den früheren RAF-Terroristen in Deutschland. Worüber das Amt mit Blancho sprechen wird, wollte du Bois-Reymond dem TA gestern nicht sagen.

Die FDP fordert konkrete Massnahmen gegen Islamisten. So sollen muslimische Gemeinschaften künftig generell die Pflicht haben, Predigten entweder in einer Landessprache abzuhalten oder diese simultan zu übersetzen. Weiter müsse der Bundesrat bald eine Zusatzbotschaft zur Revision des Bundesgesetzes über die Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) vorlegen. Darin soll die präventive Überwachung von Räumen, Telefonen und Internet ermöglicht werden. Die Revision ist blockiert, weil eine Mehrheit des Parlaments einen neuen Fichenstaat befürchtet.

Bei vielen Parteien kommen die Forderungen schlecht an. Nur die CVP ist einverstanden, wie Nationalrat Jakob Büchler erklärt. Oskar Freysinger (SVP) ist für eine «gezielte Überwachung von Moscheen». Das BWIS dürfe aber keinen Überwachungsstaat bringen. «Die Übersetzungspflicht ist problematisch, denn der Islam schreibt vor, dass der Koran auf Arabisch gelesen werden muss», so Freysinger. Daniel Vischer (Grüne) wundert sich, warum man gerade Blancho überwachen soll: «Der redet ja deutsch und deutlich.» Solche Fanatiker dürfe man nicht überbewerten. Evi Allemann (SP) zeigt Verständnis für die Übersetzungspflicht – sie müsse aber für alle Religionen gelten. Der IZRS stellt diese Forderungen ebenfalls und weist darauf hin, dass extremistische Indoktrination vor allem im Internet stattfinde, nicht in Moscheen. (David Schaffner)

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