Der Jihad-Aufruf in Bümpliz und die Terror-Connections des IZRS

Auffällig viele Personen aus dem Dunstkreis des Islamischen Zentralrats der Schweiz sind als Jihadisten nach Syrien gereist.

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Mindestens sieben Muslime, die dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) nahestanden, sind als Jihadisten nach Syrien gereist. Zu ihnen gehört zum Beispiel Emina A., eine Schweizerin mit bosnischen Wurzeln, die in der Region Luzern aufgewachsen ist. Die damals 30-jährige Mutter zweier Kinder kandidierte beim Islamrat im Februar 2014 als Aktivmitglied. An der Generalversammlung in einem Zürcher Hotel liess sie verlauten, sie habe acht Jahre lang als kaufmännische Angestellte bei einer Krankenkasse gearbeitet. Sie wurde einstimmig als Aktivmitglied aufgenommen.

Unerwähnt blieb allerdings, dass ihr Ehemann schon seit mehr als einem Jahr als Jihadist in Syrien kämpfte. Eine Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, ob der IZRS damals von der Rolle des Ehemanns wusste, liessen die Verantwortlichen unbeantwortet. Wenige Monate nach der Aufnahme in den inneren Kreis des IZRS reiste Emina A. über Bosnien nach Syrien zur Terrormiliz IS.

1,97 Jihadisten auf 1000 Muslime

Die Zahl von sieben Jihadisten ist im landesweiten Vergleich auffällig hoch. Wie der Kommunikationsverantwortliche Qaasim Illi via Twitter bekannt gab, beträgt die Zahl der Aktivmitglieder im IZRS 45, jene der Passivmitglieder 3500. total also 3545. Umgelegt ergibt das auf je 1000 Muslime für den IZRS 1,97 Jihadisten. Zum Vergleich: Die Stadt Winterthur, Schweizer Jihadisten-Hochburg, erreicht mit 1,35 Jihadisten auf je 1000 Muslime einen deutlich tieferen Wert.

Ist das Zufall? Offiziell betonen IZRS-Verantwortliche, dass sie etwa Anhänger des IS von ihrem Irrglauben abzubringen versuchen. In einer Audiobotschaft vom 15. Mai 2015 erklärte IZRS-Präsident Nicolas Blancho allerdings den Kampf gegen interventionistische Kräfte in islamischen oder ehemals islamischen Ländern zur legitimen Pflicht der Muslime. Dies sei eine «der edelsten Formen des Jihad».

Umrahmt war Blanchos Botschaft von einem A-cappella-Gesang des IS. Aus dem Hauptquartier des IZRS in Bern-Bümpliz ertönte somit ein klarer Aufruf zum Jihad.

Insgesamt neun Vereine hat IZRS-Präsident Blancho ins Handelsregister eintragen lassen.

Verbindungen mit mutmasslichen Jihadisten pflegte Blancho ausserdem im arabischen Raum. Er war eine Zeitlang ein häufiger Gast im Handelsregisteramt an der Berner Gerechtigkeitsgasse. Auffällig war dabei weniger der Präsident des IZRS als seine internationalen Begleiter, Männer mit wehenden arabischen Kleidern und mächtigen Bärten. Insgesamt neun Vereine hat Blancho unter den Berner Lauben ins Handelsregister eintragen lassen, vom IZRS Ende 2009 bis hin zu Aziz Aid vier Jahre später. Statt Blancho pilgern seit 2014 nun weniger prominente IZRS-Mitglieder zum Schalter an der Gerechtigkeitsgasse. Ziel ist dabei immer, eine frisch gegründete Vereinigung eintragen zu lassen. Mittlerweile sind es an die 20 Vereine.

Offiziell heisst es seitens des Islamrats, es handle sich dabei um private Angelegenheiten von Mitgliedern, für die der IZRS keine Verantwortung trage. Das Strickmuster ist aber immer ähnlich: Als Sitz verwenden die Vereine meist die Adresse des IZRS. Während der Vereinszweck früher vor allem mit der Verbreitung des Islam und dem Austausch zwischen muslimischen Gelehrten zu tun hatte, stehen bei den neueren Gründungen Wohltätigkeit und humanitäre Hilfe im Vordergrund – zumindest auf dem Papier.

Den Vereinen gemeinsam ist ausserdem, dass die Gründer anschliessend mit dem Handelsregisterauszug zu einer Bank gehen, um dort ein Konto zu eröffnen. Das hat für die häufig arabischen Kontakte der IZRS-Leute den Vorteil, dass sie bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Spendenaktionen in ihren Heimatländern auf ein Schweizer Bankkonto und einen Vereinssitz in Bern verweisen können.

Terrorfinancier als Mäzen?

Eine auffällige Konzentration von Personen mit mutmasslichen Verbindungen in die jihadistische Szene gibt es bei der Mitte 2011 eingetragenen Association des Savants Musulmans (ASM). Blancho ist dort Sekretär mit Einzelunterschrift neben dem Präsidenten Abdulmohsen Almutairi, einem kuwaitischen Universitätsprofessor für Scharia. Ein ehemaliger Insider des Islamrats bezeichnet Almutairi als Mäzen von Blancho.

Bereits 2012, also kurze Zeit nach der Gründung der ASM, begann der Kuwaiter laut dem US-Finanzministerium damit, Gelder zur Nusra-Front, der syrischen Filiale der al-Qaida, zu verschieben. Ausserdem habe Almutairi wohltätige Organisationen missbraucht, um Spenden für die syrische Terrororganisation zu sammeln, und er habe Jihadisten, die sich der Nusra-Front anschliessen wollten, mit Finanzspritzen unterstützt. Seit 2016 steht der Präsident der ASM deshalb auf der US-Terrorliste. Ein ähnlicher Fall ist jener des Jemeniten Abdel Wahab Humaiqani, den Blancho schon länger kennt. ASM-Mitglied Humaiqani werfen die Amerikaner vor, Spendengelder für Terroristen gesammelt zu haben und eine wichtige Figur der al-Qaida auf der arabischen Halbinsel zu sein. Er steht ebenfalls auf der US-Terrorliste.

Diese Liste akzeptiert Nicolas Blancho jedoch nicht, wie er der Zeitung «Le Temps» einmal erzählte. Ihm seien viele der aufgeführten Personen persönlich bekannt, und er wisse genau, dass sie nichts mit Terrorismus am Hut hätten. Tatsächlich hat der Islamrat «jede Form von Gewalt, Terrorismus oder Diskriminierung» verurteilt, allerdings «in Anerkennung und unter dem Vorbehalt des Rechts auf Widerstand der Völker gegen Besatzung, Ausbeutung und tyrannische Herrschaft». Eine klare Verurteilung des Terrorismus sieht anders aus.

So erstaunt es nicht, wenn Blanchos Ehefrau, die zur Kerngruppe des IZRS zählt, den von den USA getöteten jemenitischen Al-Qaida-Terroristen Anwar al-Awlaki verherrlicht. Auch die zweite Frau von Mediensprecher Qaasim Illi hat auf Facebook eine Eloge auf die getöteten Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden und Awlaki veröffentlicht. Sie zählt dabei auf, was solche «Märtyrer» im Jenseits als Lohn von Allah zu erwarten hätten. Qaasim Illi wiederum publiziert auf Twitter Communiqués der syrischen Terrororganisation Tahrir al-Sham (HTS), deren Hauptbestandteil die ehemalige Nusra-Front ist. Ebenfalls auf Twitter verbreitete er ein Video von Ansar Bayt al-Maqdis, der IS-Vorläuferorganisation auf der Sinai-Halbinsel. Die Liste liesse sich verlängern.

«Edelste Form des Jihad»

Trotz offizieller Distanzierung hinterlassen Exponenten des Islamrats einen zwiespältigen Eindruck, wenn es um Jihadismus geht. So sagte Blancho am 15. Mai 2015 in einer Audiobotschaft: «Es muss auch unmissverständlich verdeutlicht werden, dass eine fremde Besatzung von ehemaligen islamischen Ländern oder ein indirekter Eingriff und Interventionismus durch eine Besatzungsmacht oder aussenstehende nicht islamische Kräfte von Muslimen abgelehnt wird. Es besteht unbestrittene und unveränderbare Klarheit in den islamisch-normativen Quellen und auch Konsens unter den islamischen Gelehrten darüber, dass der Kampf und die Verteidigung gegen solche interventionistische Kräfte eine legitime Pflicht der Muslime ist. Dies ist per Konsens (...) eine der edelsten Formen des Jihad.»

Auf die Frage dieser Zeitung, ob er mit solchen Verlautbarungen zum Jihad aufrufe, blieb Blancho die Antwort schuldig. Der IZRS antwortete auch nicht auf andere Fragen zu Kontakten und Äusserungen zu Jihadisten. Glasklar sind die zitierten Worte jedenfalls, wenn es um Afghanistan und Syrien geht, wo ausländische, nicht islamische Soldaten die Zentral­regierungen im Kampf gegen muslimische Widerstandsbewegungen unterstützen.

Wer Blanchos Aufruf folgt und für die «edelste Form des Jihad» in diese Länder reist, landet am ehesten bei den Taliban, der al-Qaida oder beim IS. Bemerkenswert ist die Begleitmusik, mit der Blanchos Jihad-Aufruf ein- und ausgeleitet wird. Dafür wählte der Islamrat einen A-cappella-Gesang des IS mit dem Titel «Die Scharia unseres Herrn ist Licht». Geschickt wurde dabei der im Original zu hörende Vorspann weggeschnitten. Dort heisst es, dass das Lied von der Ajnad-Medienstiftung präsentiert werde.

Ein mit IS-Gesängen untermalter Aufruf zum Jihad ist ein starkes Stück.

Dabei handelt es sich um eine zur Terrormiliz gehörende Propagandagruppe. Damit Leute mit Arabischkenntnissen nicht sofort merken, dass es sich um IS-Propaganda handelt, liess der Islamrat einige im Original enthaltene Passagen weg. In den ausgelassenen Liedzeilen heisst es, dass «unser Staat» auf Basis des Islam gegründet worden sei und dieser mittels Jihad gegen seine Feinde vorgehe. Ein mit IS-Gesängen untermalter Aufruf zum Jihad ist ein starkes Stück für eine Organisation, die den IS offiziell verurteilt.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, wenn Exponenten des IZRS den Argwohn der Behörden erregen. Edon P. etwa, ein Aktivist im Islamrat und in der IZRS-Hilfsorganisation Syrian Aid, hat mit einem anderen Mitglied und dem Kuwaiter Anwar Altabtabae versucht, ein Bankkonto in der Zentralschweiz zu eröffnen. Die Bankverantwortlichen wurden jedoch hellhörig und weigerten sich, das Konto einzurichten. Anwar Altabtabae ist der Bruder eines bekannten kuwaitischen Jihadisten, der mit IZRS-Generalsekretärin Ferah Ulucay im Zürcher Verein «Observatorium für Menschenrechte in Kuwait» sitzt. Wegen einer Protestaktion im kuwaitischen Parlament wurde Waleed Altabtabae zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.


Kommentar: Der Islamrat ist keine Lachtruppe Mit seiner Rhetorik bereitet der Islamische Zentralrat den Nährboden für die Ideologie des Jihadismus. Von Kurt Pelda

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2017, 20:05 Uhr

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