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Der Kanton Zug verhindert einen Film über Amokläufer Leibacher

Zuerst förderten Bund und Schweizer Fernsehen einen Spielfilm über das Attentat im Zuger Parlament. Doch dann intervenierte die kantonale Regierung – bis SF einknickte.

Zug, 27. September 2001: Verletzte werden aus dem Parlamentsgebäude geholt.<br />Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Zug, 27. September 2001: Verletzte werden aus dem Parlamentsgebäude geholt.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Als Anders Behring Breivik vor drei Wochen in Oslo und auf der nahen Insel Utöya 77 Menschen umbrachte, wurde in der Schweiz die Erinnerung wach an das Attentat im Zuger Kantonsparlament. Im September 2001 hatte Friedrich «Fritz» Leibacher 14 Politiker ermordet. Am 27. September jährt sich das Attentat von Zug das zehnte Mal. Bisher unbekannt war, dass sich die Zuger Behörden erfolgreich dafür eingesetzt haben, dass ein Spielfilm über das Leben und die Tat Leibachers nicht zustande kam. Bis heute.

Unmittelbar nach der Tat hatten sich Regisseur Sascha Weibel und Filmredaktor Felix Karrer an die Arbeit gemacht. Das Schweizer Fernsehen und das Bundesamt für Kultur (BAK) finanzierten ihre Recherchen in Leibachers Umfeld mit insgesamt 40'000 Franken. Die beiden Filmemacher führten Interviews mit Angehörigen und Bekannten des Massenmörders, stiessen aber von Anfang an auf Widerstand der Zuger Behörden. Niemand von offizieller Seite wollte oder durfte mit ihnen reden.

Zehn Jahre abwarten

Stattdessen intervenierte der Regierungsrat auf der Chefetage des Fernsehens. «Wir bitten Sie höflich», schrieb er im Februar 2002, «von der Realisierung eines derartigen Spielfilmes während mindestens zehn Jahren abzusehen. Sollten Sie diesen trotz unserer Ablehnung bald realisieren wollen, könnten weder der Regierungsrat noch die kantonale Verwaltung dieses Projekt in irgendwelcher Weise unterstützen. Wir hoffen im Interesse vieler zutiefst traumatisierter Menschen auf Ihr Verständnis.» Kopien des Briefes gingen an die damaligen Bundesräte Ruth Dreifuss (zuständig für Kultur) und Moritz Leuenberger (zuständig für die SRG).

«Der Regierungsrat hat es auch mehrfach abgelehnt, an wissenschaftlichen Studien teilzunehmen», bestätigt Tino Jorio, Zuger Landschreiber und selber Überlebender des Attentats, den Widerstand des Kantons. Die Betroffenen hätten sich vor allem Ruhe gewünscht. «Es ging auch darum, Retraumatisierungen zu vermeiden», sagt Jorio, der bis heute die kantonale Begleitgruppe Attentat leitet.

Armin Walpen, damals SRG-Generaldirektor, versicherte der Zuger Regierung in seinem Antwortbrief, das Schweizer Fernsehen werde nicht pietät- oder rücksichtslos vorgehen. Ein «Recherchierverbot» jedoch könne auch keine Lösung sein.

Auch Ivo Kummer blitzte ab

Trotz des Widerstands der Zuger Behörden entstand ein Drehbuch, das zuerst den Titel «Tag des Zornes» (nach einem Flugblatt Leibachers) trug und später in «Schattenzug» (nach der Homepage des Täters) umbenannt wurde. Das Bundesamt für Kultur lobte das Drehbuch im März 2004 in höchsten Tönen («packend geschrieben», «straffe, unerbittlich klare Dramaturgie», «subtil gezeichnete Figuren», «schlanke, geschliffene und authentische Dialoge», «spannender Beitrag zu die Öffentlichkeit beschäftigendem Drama»). Das Bundesamt für Kultur sprach einen Förderbeitrag von 500'000 Franken.

Auf einmal wollte aber das Schweizer Fernsehen nichts mehr wissen von der Produktion, die es am Anfang gefördert hatte. Es begründete die plötzliche Ablehnung nicht mit der Intervention der Zuger Regierung. Diese bekamen die Filmproduzenten laut eigenen Angaben nur auf Umwegen mit. Den Wortlaut der Intervention erfuhren sie erst durch die Recherchen des TA.

Die SF-Abteilung Kultur und Unterhaltung argumentierte ihnen gegenüber anders, wie aus einem Schreiben von 2005 hervorgeht. Ivo Kummer – damals Produzent und Direktor der Solothurner Filmtage, heute Leiter der Sektion Film im BAK – hatte nach der ersten SF-Absage 2003 einen zweiten Anlauf unternommen, um das Projekt zu verwirklichen.

«Dieser besoffene Berserker»

«Es ist ungewöhnlich», beschied ihm das Schweizer Fernsehen, «dass die Diskussion über ein Drehbuch vom März 2003 in einer Redaktionssitzung im Februar 2005 nochmals so hohe Wellen schlägt!» Wieder gab es Lob («packend geschrieben», «Milieu glaubhaft geschildert», «überraschend viel Thrill»). «Grösste Bedenken» bestünden aber gegenüber der faktengetreuen Darstellung des Protagonisten Leibacher: «Diesen jähzornigen besoffenen Berserker und Waffennarr wollen wir in seiner Verzweiflung gar nicht verstehen!» Ohne die Unterstützung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt – das musste auch der hervorragend vernetzte Kummer einsehen – lässt sich ein solcher Film in der Schweiz kaum realisieren.

Nicht fürs «Familienpublikum»

Andere Produzenten sahen aber weiterhin ein grosses Potenzial. Vergangenes Jahr versuchte es die Produktionsfirma Zodiac Pictures («Achtung, fertig, Charlie!»). Wieder gab es eine freundliche Absage vom Schweizer Fernsehen, in der erneut das Drehbuch gelobt wird. Allerdings gebe es «Bedenken grundsätzlicher Natur»: Für den Sonntagabend mit «Familienpublikum» sei das Thema mit dem Fokus «so nah an der Figur des Täters» nicht geeignet. Die Chancen, dass der Film nun nach Ablauf des Moratoriums der Zuger Regierung doch noch realisiert wird, sind nach drei SF-Absagen minim.

Der Kanton Zug wird sich am 27. September 2011 mit einer schlichten Zeremonie in Unterägeri an die Opfer des Attentats vor zehn Jahren erinnern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2011, 15:09 Uhr

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