Kopf des Tages

Der Mann, der die AHV retten soll

Der sozialdemokratische Spitzenbeamte Jürg Brechbühl wird selbst von der SVP in den höchsten Tönen gelobt. Nun soll er Alain Bersets AHV-Reform zum Durchbruch verhelfen: Eine Herkulesaufgabe.

Um seine Aufgabe ist er nicht zu beneiden: Jürg Brechbühl, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, äussert sich am 21. November 2012 zur Reform der Altersvorsorge.

Um seine Aufgabe ist er nicht zu beneiden: Jürg Brechbühl, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, äussert sich am 21. November 2012 zur Reform der Altersvorsorge. Bild: Keystone

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Jürg Brechbühl ist nicht zu beneiden. Als Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) obliegt ihm eine der schwierigsten Aufgaben der Eidgenossenschaft. Zusammen mit Bundesrat Alain Berset soll er auf einen Schlag sowohl die Probleme der AHV als auch jene der Pensionskassen lösen. Beiden Sozialversicherungen drohen gröbere Finanzierungsschwierigkeiten, weil künftig weniger Erwerbstätige für mehr Rentner aufkommen müssen und die Lebenserwartung steigt. Bis anhin sind aber alle Reformen gescheitert. Das Volk lehnte sowohl die 11. AHV-Revision als auch eine Reduktion des Umwandlungssatzes der Pensionskassen ab.

Nun liegt es an Brechbühl, mit Berset den grossen Durchbruch zu schaffen. Eine Herkulesaufgabe. Aber Brechbühl ist der ideale Mann dafür. Selbst SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi ist des Lobes voll, wenn er vom Sozialdemokraten spricht: «Ein guter, kompetenter, der Sache verpflichteter Mann. Ich hatte Freude, als er zum BSV zurückkehrte.»

Experte für Sozialversicherungen

Dort hat der 56-Jährige einen Grossteil seines Lebens verbracht. Er begann 1982 als Mitarbeiter der Sektion Renten – damals noch unter Innenminister Hans Hürlimann (CVP). Diesem folgten Alphons Egli (CVP), Flavio Cotti (CVP), Ruth Dreifuss (SP) und Pascal Couchepin (FDP). Brechbühl blieb – bis 2005. Dann suchte der damalige Vizedirektor den «radikalen Neuanfang» und wechselte in die Privatwirtschaft – als Berater und Verwalter von Vorsorgeeinrichtungen. Er blieb dem Bund als Experte aber stets verbunden. Und als der frisch gewählte SP-Bundesrat Alain Berset Anfang Jahr einen neuen BSV-Direktor suchte, musste er Brechbühl nicht lange bitten. Die beiden haben sich sofort sehr gut verstanden.

Für Berset ist Brechbühl ein Glücksfall – insbesondere wegen seines enormen Fachwissens. Der Jurist kennt nicht nur die Sozialversicherungen in- und auswendig. Er weiss auch, wie man mit Parlamentariern umgeht. Diese wiederum loben ihn für seine wertschätzende Art. Nach negativen Punkten fragt man auch unter Brechbühls Mitarbeitern und ehemaligen Vorgesetzten vergeblich. Stattdessen betonen diese das grosse berufliche Engagement des kinderlosen Opernfans. Er arbeite oft auch am Wochenende, weiss sein ehemaliger Chef und Vorvorgänger Otto Piller.

Schliesslich ist Brechbühl SP-Mitglied, was selbst Bürgerliche für einen Vorteil halten. Dies helfe ihm, den Sozialdemokraten unpopuläre Massnahmen wie das Frauenrentenalter 65 oder die Reduktion des Umwandlungssatzes zu erklären. Als Realist sei dem neuen BSV-Direktor klar, dass «linke Fantasiegebilde» keine Chance hätten, sagt Bortoluzzi. Der am Mittwoch vorgestellten Reform sehe man Brechbühls Handschrift an.

«Wir dürfen nicht warten, bis das Haus brennt»

Auch FDP-Ständerätin Christine Egerszegi ist zuversichtlich, dass der Vielgelobte die schwierige Aufgabe meistert. Helfen dürfte ihm, dass die AHV nun langsam in die roten Zahlen rutscht – und damit die Probleme offensichtlich werden. Dies erhöht den politischen Druck.

«Wir dürfen nicht warten, bis das Haus brennt», sagt Brechbühl. Sonst gehe es den Leuten hier wie in Italien. Dort kenne er eine Lehrerin, die bereits das Restaurant gebucht habe, um ihre Pensionierung mit 60 zu feiern. Doch dann habe Ministerpräsident Mario Monti plötzlich das Rentenalter auf 65 Jahre erhöht, wodurch die Frau das Fest habe absagen müssen. Ein Horror für Brechbühl, der viel Wert auf Vertrauen und Vorhersehbarkeit legt. Für ihn ist daher klar: «Es ist wirklich wichtig, dass unsere Reform gelingt.»

Erstellt: 23.11.2012, 08:49 Uhr

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