Der Mann, der von Blochers Rücktritt profitiert

Er ist smart, kämpft mit viel Charme, Einsatz und auch Geld: Banker Thomas Matter rückt im Nationalrat für den SVP-Tribun nach. Wie er tickt und wo er angreift.

Erster Ersatzmann auf der Zürcher SVP-Liste: Thomas Matter. (Archiv 2009)

Erster Ersatzmann auf der Zürcher SVP-Liste: Thomas Matter. (Archiv 2009) Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Blocher hat seinen Rücktritt sehr eigenwillig terminiert: am Tag nach dem Ende der Session in Bern und vor Beginn der neuen Session im Juni. Blocher konnte im Nationalrat somit gar nicht verabschiedet werden. Er durfte – oder musste den Applaus des Rats nicht in Empfang nehmen. Das hat er wohl ganz bewusst so gewollt. Denn Blocher wollte nicht verabschiedet werden, für einen Abgesang ist es zu früh, sein Kampf gegen die EU geht jetzt erst recht weiter.

Dieser für Blocher typische und eigenständige Abschied birgt für seinen designierten Nachfolger ein kleines Problem. Erster Ersatzmann auf der Zürcher SVP-Liste ist Banker Thomas Matter. Er hat erst heute Morgen, wie er sagt, durch ein SMS einer Nationalrätin von Blochers Rücktritt erfahren. «Ich war völlig überrascht.» Voraussichtlich dürfte es für ihn aufgrund der Fristen nicht reichen, bereits im Juni als neuer Nationalrat vereidigt zu werden. «Und vor allem muss ich mich in den nächsten Wochen etwas umorganisieren», sagt der Mitbegründer der ehemaligen Swissfirst-Gruppe und heutige Präsident der Neuen Helvetischen Bank sowie der Matter Group.

Nur zwei Vertraute waren eingeweiht

Auch die Zürcher Parteileitung um Präsident Alfred Heer wurde am Morgen von Blocher überrascht. Offenbar waren bloss Toni Brunner und Walter Frei, der andere Zürcher SVP-Grandseigneur, eingeweiht.

Im März noch war Thomas Matter drauf und dran, für den zurückgetretenen Finanzfachmann Hans Kaufmann nachzurutschen. Der Frust in der Parteileitung war dann aber gross, als der 61-jährige Gemüsebauer Ernst Schibli darauf bestand, selber wieder nach Bern zu gehen. Schibli wurde bei den letzten Wahlen zwar abgewählt, er erzielte aber exakt 171 Stimmen mehr als Matter.

Mit 48 im besten Alter

Matter war schon damals der designierte Nachfolger von Kaufmann. Er hatte sich im Wahlkampf mit viel Charme, Einsatz und einem alten VW-Bus, mit dem er durch den ganzen Kanton kurvte, als neuer starker Mann profiliert. Der smarte Matter sollte als Finanzfachmann in Bern der Gegenspieler von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf werden, dem Feindbild der SVP. «Ob ich mit Widmer-Schlumpf ins Gehege kommen werde, weiss ich noch nicht», sagt Matter heute, einige ihrer Ideen habe sie bereits wieder zurückgezogen. Klar ist für Matter, dass er der Partei in den Bereichen Wirtschaft, Steuern und Finanzpolitik am meisten bringen kannt.

Matter hat die Volksinitiative «Ja zum Schutz der Privatsphäre» angeschoben. Er kämpft gegen den gläsernen Staat und für das Bankgeheimnis – auch aus Eigeninteresse. Einen wie Matter hätte die SVP erfinden müssen: Er ist mit 48 im besten Alter, hat ein gewinnendes Äusseres, einen lockeren und unkomplizierten Umgang und viel Geld. Matter hätte in Bern die FDP als Kämpferin für den Finanzplatz vollends in die Ecke drängen sollen. Nicht ins Konzept gepasst hat der Zürcher SVP dabei, dass in der FDP vor einer Woche mit Hans-Peter Portmann ausgerechnet ein Banker im Nationalrat vereidigt wurde.

Am Stimmenverhältnis ändert sich nichts

Matter ist ein anderer Typ als Blocher, ihm fehlt dessen bäuerliche Hemdsärmlichkeit und der SVP-Stallgeruch. Matter – von Freunden Tomy genannt – wird deshalb Blochers Rolle nie eins zu eins einnehmen können. Matter ist in Sissach BL in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater Peter war Finanzchef bei Roche und unterhielt beste Beziehungen zu BankerMartin Ebner und Christoph Blocher. Während Blocher trotz seines Reichtums immer eine gesunde Distanz zur Hochfinanz und zur besseren Gesellschaft wahrte, gehört ihr Matter schon von seinem Habitus her selber an.

Als es im März darum ging, ob Gemüsebauer Schibli zum Verzicht bewegt werden sollte, wurde SVP-intern behauptet, Schibli stehe Blocher näher als Matter. Matter selber sieht sich jedenfalls nicht als «Ziehsohn» von Blocher. Er habe mit ihm ganz normale Beziehungen wie andere Parteimitglieder auch, sagt er. Matter wurde von Blocher denn auch nicht vorinformiert. Thomas Matter weiss, dass er Blocher, den er als «den bedeutendsten Politiker der letzten 30 Jahre» bezeichnet, in Bern nicht ersetzen kann. «Aber immerhin wird am Stimmenverhältnis im Rat nichts ändern.»

Erstellt: 09.05.2014, 15:05 Uhr

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