«Der Mann ist gut»

Alain Berset und Pierre-Yves Maillard gelten als Favoriten für den frei werdenden SP-Bundesratssitz. Wer hat die besseren Chancen? Eine Umfrage unter Parlamentariern und Experten.

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Für den ehemaligen SP-Präsidenten Peter Bodenmann ist klar: «Alain Berset ist gewählt», sagt er auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Und er fügt hinzu: «Der Bundesrat ist ein Kastratenchörli.» Berset passe deshalb viel besser ins Gremium.

Tatsächlich gilt der Freiburger SP-Ständerat Alain Berset als Favorit für den Ersatz von SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. Ihm gelang das Kunststück, als Sozialdemokrat in den Ständerat gewählt zu werden; am Sonntag wurde er sogar mit einem Glanzresultat bestätigt. Zudem gilt er als pragmatisch: Er will nicht in die EU und er will den Kapitalismus nicht überwinden.

Zuspruch von Oskar Freysinger

Dem anderen Favoriten, dem Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard, eilt der Ruf voraus, linker und kämpferischer zu sein. Während seiner Nationalratszeit zwischen 1999 und 2004 habe er sich kaum Freunde gemacht, heisst es unter Politbeobachtern. Maillard sei mit seinen pointiert linken Positionen für manche Bürgerlichen unwählbar.

Eine Umfrage unter Parlamentariern lässt allerdings vermuten, dass Maillard und Berset ungefähr dieselben Chancen haben. «Maillard ist der beste Staatsrat im Kanton Waadt», sagt SVP-Nationalrat Oskar Freysinger. Er werde Maillard seine Stimme geben, falls die SP ihn nominiere. Und nicht nur deshalb, weil Berset bei der Blocher-Abwahl mitgewirkt habe. «Maillard könnte die Probleme in der Gesundheitspolitik lösen, der Mann ist gut.»

Gute Karten bei der Landwirtschaftslobby

Freysinger glaubt, dass Pierre-Yves Maillard in der SVP-Fraktion gute Chancen haben könnte, weil er den Agrarfreihandel mit der EU ablehnt. «Dieser Punkt ist in unserer Partei nicht zu unterschätzen.»

Die Haltung beim Agrarfreihandel dürfte vor allem die rund 30-köpfige parteiübergreifende Landwirtschaftsdelegation im Parlament interessieren, die als starke Lobby gilt. Die Auswahl sei nicht ganz einfach, wie ein Vertreter sagt, der nicht namentlich zitiert werden will. «Maillard ist gegen den Agrarfreihandel, doch bleibt er es auch? Johann Schneider-Ammann hat sich uns gegenüber skeptisch gegenüber einer Marktöffnung gegeben, im Bundesrat hat er dann seine Meinung geändert.» Zudem habe auch Berset als Präsident der Vereinigung AOC-IGP ebenfalls gute Karten bei den Bauern. AOC und IGP sind Qualitätssiegel zum Schutz von Herkunfts- und Ursprungsbezeichnungen auf Produkten.

«Carobbio ist eine Kandidatin der Zukunft»

Maillard hat auch bei SVP-Vertretern Chancen, die nicht dem Bauernflügel angehören. «Ein Kandidat sollte die Partei abbilden und nicht eine Minderheitsposition vertreten», sagt SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Für einen Kandidaten hat er sich noch nicht entschieden, für ihn sind beide wählbar, sofern die SP den Anspruch der SVP auf zwei Bundesratssitze anerkennt. SVP-Ständerat Adrian Amstutz sagt: «Ich bin offen für Berset und Maillard. Entschieden habe ich mich noch nicht. Nur so viel: Ein Bundesrat darf auch Ecken und Kanten haben.»

Daniel Vischer (Grüne, ZH) hat sich schon entschieden: «Ich wähle Maillard. Er ist das grösste Talent, das die SP zurzeit hat. Und ein idealeres Gespann als Simonetta Sommaruga und Pierre-Yves Maillard kann es gar nicht geben.» Die Tessiner Kandidatin Marina Carobbio sei wohl «zurzeit eher chancenlos», sagt Vischer. «Aber sie ist eine Kandidatin der Zukunft.»

Der Wow-Effekt

Dem Walliser Stéphane Rossini und der Tessinerin Marina Carobbio werden von allen Befragten kaum Chancen eingeräumt, überhaupt auf das SP-Ticket zu gelangen. «Sie fallen ab», sagt Martin Bäumle, Präsident der Grünliberalen. «Berset und Maillard sind die Schwergewichte in der Partei, und sie haben auch den Wow-Effekt.» Für ihn dürfe es ruhig ein richtiger Linker sein, sofern ihn die Partei wolle und er sich im Bundesrat kollegial verhalte. Im Parlament habe zurzeit Berset wegen seiner pragmatischen Linie wohl ein wenig Vorsprung, sagt Bäumle.

Die befragten Mittepolitiker haben sich noch nicht entschieden. Für die CVP-Nationalrätinnen Barbara Schmid-Federer und Ruth Humbel sind Berset und Maillard wählbar. «Maillard hat eine starke Persönlichkeit», sagt Humbel. Trotzdem sei er nicht chancenlos. «Wenn er Gesundheitsdirektor würde, hätte er sicher grossen Einfluss.» Doch Berset habe bei den Mitteparteien wahrscheinlich im Moment die besseren Karten, fügt Humbel hinzu. Laut Barbara Schmid-Federer hat Berset als Parlamentarier einen «automatischen Vorteil», Maillard kenne sie noch nicht. Wäre Maillard wirklich so links wie sein Ruf, würde dies das Parlament sicher beeinflussen, sagt sie. Doch sie wolle den Waadtländer erst kennenlernen.

«Im Vergleich zu Bodenmann ein Softie»

Man könne Maillard und Berset durchaus mit dem SP-Zweiergespann Jacqueline Fehr und Simonetta Sommaruga vergleichen, die vor einem Jahr für den Bundesrat kandidiert haben, sagt Politologe Claude Longchamp. Der Erfolg von Sommaruga als Sozialdemokratin vom rechten Flügel würde für Berset sprechen. «Aber das Rennen ist sehr offen», sagt Longchamp. Beide hätten sich für die Bundesratswahl empfohlen, Berset als Ständeratspräsident und Maillard durch seine Verdienste als Waadtländer Regierungsrat. Sicher könne Maillard direkt sein, sagt Longchamp, «aber im Vergleich zu Peter Bodenmann ist er ja ein Softie». Und Maillard würde sich als Gesundheitsexperte im Bundesrat garantiert mit Burkhalter anlegen, sofern er das Departement nicht bekäme.

Fazit: Pierre-Yves Maillard hat im Parlament offenbar die besseren Chancen, als ihm bisher eingeräumt wurden. Damit dürfte das Rennen zwischen den Favoriten, welche die SP voraussichtlich aufs Zweierticket setzt, spannend werden.

Erstellt: 27.10.2011, 14:41 Uhr

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