Porträt

«Der Minder» kann nicht anders

Thomas Minders Leben ist ein Kampf – in seiner Trybol, im Ständerat und gegen die Abzocker. Er sieht sich als David, der gegen Goliaths antritt. Vor Christoph Blocher schreckt er aber zurück.

Unabhängigkeit eigenständig: Thomas Minder, Ständerat und Begründer der Abzockerinitiative.

Unabhängigkeit eigenständig: Thomas Minder, Ständerat und Begründer der Abzockerinitiative. Bild: Keystone

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Gestern hat Thomas Minder offiziell den Abstimmungskampf für seine Abzockerinitiative eröffnet. Es ist ein Kampf, wie er ihn liebt: Minder gegen das Establishment, David gegen Goliath. Gut möglich, dass ihm am 3. März ein Solosieg gelingt wie einst Anita Chaaban mit ihrer Verwahrungsinitiative. Der Schaffhauser Ständerat ist jedenfalls zuversichtlich. Das Volk stehe hinter ihm, denn es habe die Skandale um die Swissair und die UBS nicht vergessen.

Auch Minders eigene Wut gegenüber den «Abzockern» wurzelt im Swissair-Debakel: Seine Trybol, die er 1999 vom Vater übernommen hatte, führte 2001 einen Grossauftrag für die Fluggesellschaft aus. Für eine halbe Million Franken produzierte sie Eau de Toilette, Feuchtigkeitscreme und Handlotion. Doch dann groundete die Swissair. Und der damals 40-jährige Jungunternehmer zitterte ums Überleben seiner Firma. Als er wenig später erfuhr, dass Swissair-CEO Mario Corti fünf Jahresgehälter – 12,5 Millionen Franken – im Voraus bezogen hatte, startete er durch: «Unsere Rechnung wird nicht bezahlt, seine eigene aber schon.»

Missionarischer Eifer

Zwar konnte Minder den grössten Teil der Produktion später der Swiss verkaufen. Aber der Grundstein für seine Anti-Abzocker-Initiative war gelegt. Erst schrieb er Leserbriefe gegen die «Nieten in Nadelstreifen». Dann publizierte er einen offenen Brief an den Bundesrat, den er als Inserat in verschiedenen Zeitungen publizierte. Das Offenlegen der Gehälter genüge nicht, mahnte er. Man müsse an den Generalversammlungen über die Saläre abstimmen. Das Echo war gewaltig. Hunderte schrieben ihm zurück. Und nicht wenige machten Vorschläge, wie man der «Abzockerei» vorbeugen könnte. 24 dieser Ideen sind in den Initiativtext eingeflossen, über den wir nun abstimmen.

Wie sein Vater und Grossvater

Eine halbe Million Franken und unzählige Stunden hat Minder bereits in seinen Kampf gegen die «Abzocker» investiert. Was treibt ihn – über zehn Jahre nach dem Swissair-Grounding – immer noch an? Was bewirkt diesen missionarischen Eifer, den er auch bei anderen Themen offenbart?

«Der Minder», wie er sich selbst immer wieder nennt, kann nicht anders. Seine Rastlosigkeit, sein Querdenken und seine Radikalität sind ererbt. Bereits sein Grossvater Werner fiel durch ein patriotisches und eigensinniges Engagement auf. Er erfand die Armbrust als Zeichen für Schweizer Produkte. Und er initiierte «Schweizerwochen», um die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf einheimische Waren zu richten. Minders Vater Hans, der im vergangenen Februar verstorben ist, war ebenfalls ein Querkopf. Er schrieb unzählige Leserbriefe für die Natur und gegen die Einwanderung, präsidierte 42 Jahre lang Pro Natura Schaffhausen und engagierte sich gegen den EWR.

«Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm», sagt Thomas Minder. Auch er kämpft für helvetische Ware. Und wehe, jemand versucht, Produkte als schweizerisch auszugeben, die es nicht sind: Dann zeigt ihn Minder an. Dabei geht er manchmal auch zu weit. Dem Milchverarbeiter Emmi warf er in einem Inserat zu Unrecht Etikettenschwindel vor und kassierte dafür eine Busse.

«24 Stunden Bedenkzeit»

Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Das muss Minder jeden Tag. Sonst kann seine Trybol, die unter anderem Mundwasser, Zahnpasta und Kosmetika herstellt, nicht überleben. In einer Branche, die von Giganten wie Unilever und Colgate-Palmolive beherrscht wird, ist der Kleinbetrieb mit seinen 12 Vollzeitstellen ein Unikum. Auch hier kämpft David gegen Goliath. «Ich kenne nichts anderes», sagt Minder. Er drehe jeden Franken zweimal um. Und Ferien habe er in den letzten Jahren nie mehr als 10 Tage gemacht.

Der Schaffhauser hätte es einfacher haben können. Er hätte als Produktmanager bei Rank Xerox bleiben können, als ihn sein Vater 1989 anrief und vor die Wahl stellte: «Entweder du steigst ins Unternehmen ein, oder ich verkaufe. Du hast 24 Stunden Bedenkzeit.» Thomas Minder war damals 29 Jahre alt. «Viel zu jung», sagt er heute. Doch er entschied sich für Trybol. Für die Selbstständigkeit. Für die Tradition.

Fünf Jahre lang verdiente er im zweiten Glied seine Sporen ab. Dann übernahm er die operative Führung, während sein Vater vorerst Verwaltungsratspräsident blieb. Das ging nicht gut. Zu oft gerieten sich die beiden Eigenwilligen in die Haare. 1999 klärten sie die Situation: Thomas machte einen Erbvorbezug und kaufte das Unternehmen. Seither ist er Alleinaktionär. Und wer folgt einst auf ihn, den kinderlosen Patron? Das sei in einem Testament geregelt, sagt er. Stosse ihm etwas zu, gehe die Firma «an eine Stiftung im Naturbereich».

«Es ist ein Drecksspiel»

Wie gut oder schlecht Trybol läuft, behält Minder für sich. Er gibt weder Umsatz- noch Gewinnzahlen bekannt. Nicht einmal über seinen eigenen Lohn mag er sprechen. Ausgerechnet er, der ständig die Saläre anderer kritisiert. Als Alleinaktionär eines nicht börsenkotierten Unternehmens sei er niemandem Rechenschaft schuldig, findet Minder.

Wortkarg gibt er sich auch, wenn man ihn nach seinem Budget für den Abstimmungskampf fragt. Sein persönlicher Mitarbeiter, der die Kampagne orchestriert, ist auskunftsfreudiger. Claudio Kuster spricht von 200'000 Franken, wobei das Geld noch nicht beisammen sei. Kürzlich hat Minder zwei Häuser zum Verkauf ausgeschrieben. Braucht er das Geld für den Abstimmungskampf? Nein, sagt er. Die beiden Häuser hätten seinem verstorbenem Vater gehört und würden nun zugunsten der Erbengemeinschaft verkauft. Mit der Initiative habe dies nichts zu tun.

Minders Gegner können derweil aus dem Vollen schöpfen. Rund 8 Millionen Franken will allein der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse in die Gegenkampagne buttern und so das Volk umstimmen. Vor einem halben Jahr waren laut einer Economiesuisse-Umfrage noch 77 Prozent für die Initiative. Dieses Resultat zu kippen, wird nicht einfach sein und erfordert viel Geld. «Es ist ein Drecksspiel», wettert Minder. Die Millionen stammten von Firmen und somit von Aktionären. Mit anderen Worten: Economiesuisse bekämpfe Aktionärsinteressen mit Aktionärsgeldern.

Der Antiständerat

Auf ihren Plakaten sprechen die Gegner nur noch von der «Minder-Initiative». Damit umgehen sie das Wort «Abzocker» und versuchen, dem Volksbegehren einen «minderen» Beigeschmack zu verleihen. Den Initianten trifft das nicht. Er mag sich auch nicht darüber aufregen, dass mit der Stiftung Ethos und den Gewerkschaften Verbündete abgesprungen sind. Das Nein von Christoph Blocher hingegen nervt ihn gewaltig. Die beiden hatten 2010 zusammengespannt und ein «noch besseres» Paket als die Initiative geschnürt. Komme es durch, versicherte Minder, ziehe er sein Begehren zurück. Scheitere es, versprach Blocher, unterstütze er die Initiative.

Das tut er nun aber nicht. Der vom Parlament verabschiedete Gegenvorschlag decke ja einen Grossteil der Initiativanliegen ab, argumentiert Blocher. Minder widerspricht: Entscheidende Punkte wie die zwingende jährliche Wiederwahl der Verwaltungsräte fehlten. Auch Blocher habe dies 2010 noch als unverzichtbar bezeichnet. Für den Schaffhauser ist daher klar: «Der Schulterschluss mit Blocher war ein Fehler.»

«Schulterschluss mit Blocher war ein Fehler»

Trotzdem scheut er sich vor einem Streitgespräch mit diesem. Auch auf eine direkte Auseinandersetzung an der SVP-Delegiertenversammlung vom 26. Januar ist Minder nicht mehr so erpicht wie auch schon: «Es ist nicht gut, wenn sich zwei Hörnige derselben Fraktion zerfleischen.» Vor einem halben Jahr hatte er in einem TA-Interview noch auf den Fight gedrängt: «Da heisst es dann Blocher gegen Minder. Wir werden sehen, auf welche Seite sich die Delegierten schlagen.» Das SVP-Generalsekretariat geht denn auch immer noch davon aus, dass die beiden gegeneinander antreten. Im Ständerat scheut Minder keine Auseinandersetzung. Dort fährt er «auf der Konfrontationsschiene», wie es sein Ratskollege Pirmin Bischof (CVP) nennt. Der Schaffhauser sucht nicht wie andere den Kompromiss, sondern vermeidet ein «Umkippen». Das «langsame Bohren harter Bretter», wie der Soziologe Max Weber die Politik einst umschrieb, ist dem 51-Jährigen völlig fremd. Lieber spricht er von «Tubel-Vorschlägen», «Streichelzoo» und «Kindergarten».

Minder ist gewissermassen der Antiständerat. Er wirkt nicht gelassen, sondern regt sich auf. Er spricht nicht diplomatisch, sondern prägnant und manchmal auch verletzend. Er hält sich nicht gerne an Regeln – schon gar nicht an ungeschriebene wie das Schweigen in der ersten Session. «Ich würde vom Charakter her besser in den Nationalrat passen», weiss Minder. Aber dort sind seine Wahlchancen als Parteiloser schlecht. Also nutzte er im Herbst 2011 die günstige Konstellation, die sich mit dem Rücktritt des Schaffhauser FDP-Ständerats Peter Briner bot.

Ein Einzelgänger

Gerne hätte sich der parteilose Minder der grünliberalen Fraktion angeschlossen. Aber die wollte ihn nicht. Nun sitzt er in der SVP-Fraktion, mit deren Politik er sich im Grossen und Ganzen gut identifizieren kann – ausser in Umweltfragen, da tickt Minder grün. Er unterstützt auch die Ecopop-Initiative, die aus Umweltgründen die Einwanderung beschränken will – aus Überzeugung und wohl auch, weil sein Vater jahrelang im Ecopop-Vorstand sass.

Minder habe ein Flair für populäre Themen, konstatiert der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann. Er sei auch immer sehr gut vorbereitet, ergänzt Alex Kuprecht, der die SVP-Ständeratsgruppe leitet. Im persönlichen Umgang finden ihn aber fast alle Ratskollegen schwierig. Es fallen Worte wie «penetrant», «aggressiv» und «borniert». Zwar habe sich Minder im Vergleich zu den ersten Monaten etwas gemässigt. Aber er sei ein Aussenseiter geblieben. Manchmal, glaubt Germann, lehne der Rat Minders Anträge auch deswegen besonders deutlich ab.

Die Weltreise muss warten

Der 51-Jährige unternimmt wenig gegen seine Aussenseiterrolle. Gehen seine Fraktionskollegen abends zusammen essen, verschwindet er meistens, was Kuprecht bedauert. Aber so funktioniert der Schaffhauser nun einmal: Er lässt sich nirgendwo einbinden, weder in einer Partei noch einem Verband. Er will ohne Interessenbindungen politisieren und nimmt deshalb auch keine fremden Verwaltungsratsmandate an. Er ist ein Einzelgänger.

Seinen einstigen Traum von einer Weltreise hat er bis heute nicht realisiert. Thomas Minder hat Wichtigeres zu tun. Er muss kämpfen – in seiner Firma, im Ständerat und in den nächsten Wochen vor allem gegen die «Abzocker». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2012, 06:28 Uhr

Kampagnenstart
Minder setzt aufs Internet

Thomas Minder gab sich gewohnt kämpferisch, als er gestern den Abstimmungskampf für seine Abzocker-Initiative vor den Medien lancierte: «Die Hintertüren müssen endlich geschlossen werden.» Es gehe nicht an, dass Manager mit Beratermandaten, langfristigen Verträgen und Abgangsentschädigungen Regelungen umgehen könnten. Den Vorwurf der Gegner, die Initiative schädige den Standort Schweiz, bezeichnete Minder als haltlos. Ein Investor gehe dorthin, wo das Privateigentum gut geschützt werde und die Mitsprache gross sei. Als Beleg führte Minder den Zuzug grosser Unternehmen wie Transocean oder Coca-Cola Griechenland an.

Zum Durchbruch verhelfen soll dem Ja-Komitee die interaktive Plattform, die der Verein «Volk gegen Abzockerei» lanciert hat. Dort haben Spender nicht nur die Möglichkeit, eigene Ideen für Plakate und Inserate einzureichen, sondern können auch bestimmen, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Gespendet werden kann per SMS oder über andere elektronische Kanäle. Auf einer virtuellen Schweizer Landkarte sollen zudem jederzeit die Herkunft und die Höhe der Spenden einsehbar sein. (SDA)

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