Hintergrund

Der Mittelstand in der Falle

Der Aufstieg wird schwieriger, der Abstieg aber leichter: Der Thinktank Avenir Suisse nennt Gründe für das Unbehagen in der gesellschaftlichen Mitte – und sagt, wie er sich eine gute Mittelstandspolitik vorstellt.

Avenir Suisse fordert einen zurückhaltenden Sozialstaat: Eine Mittelstandsfamilie mit vier Kindern.

Avenir Suisse fordert einen zurückhaltenden Sozialstaat: Eine Mittelstandsfamilie mit vier Kindern. Bild: Keystone

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Zur Debatte um den angeblichen Niedergang des Schweizer Mittelstands liefert Avenir Suisse wichtige Zahlen, Fakten und Analysen. In einer neuen Studie stellt der Thinktank zunächst fest, dass sich die ökonomische Lage des Mittelstands in den letzten 20 Jahren verbessert hat. Im Vergleich zur Ober- und Unterschicht hat er allerdings an Boden verloren. Während die hohen Gehälter seit 1994 real um 10 bis 15 Prozent gestiegen seien, hätten die Löhne des unteren und mittleren Mittelstands nicht Schritt halten können – sie seien lediglich um 6 bis 8 Prozent angewachsen. Die tiefen Löhne hätten mit realen Zuwächsen von 10 Prozent ebenfalls mehr zugelegt.

«Der Mittelstand kann sich nur noch mit Mühe nach unten abgrenzen, während der Aufstieg stark erschwert wird», stellt der Thinktank der Schweizer Wirtschaft fest. Dies sei eine zentrale Ursache für die Unzufriedenheit im Mittelstand. Etwas überspitzt könnte man durchaus, so Avenir Suisse, von einer Mittelstandsfalle sprechen.

In der Nähe der Grenze zur Unterschicht

Für den so genannten Positionsverlust des Mittelstands macht Avenir Suisse den Sozialstaat mitverantwortlich. Die vom Mittelstand finanzierte Umverteilung zugunsten der Geringverdiener führt gemäss der Studie dazu, dass er als Verlierer dasteht. «Nach Steuern, Abgaben und Transfers findet sich ein erheblicher Teil des Mittelstands in der Nähe der Grenze zur Unterschicht wieder», wie Avenir Suisse feststellt. So kommt es vor, dass Angehörige des unteren Mittelstands nicht viel mehr Geld in der Tasche haben als Menschen, die Sozialhilfe beziehen. Untersucht hat diese Zusammenhänge Monika Bütler, Volkswirtschaftsprofessorin an der Universität St. Gallen. Bütler ist mit einem Gastbeitrag in der Studie von Avenir Suisse vertreten.

Laut Bütler ist es gar nicht so selten, «dass ein meistens von der Zweitverdienerin der Familie erarbeiteter zusätzlicher Franken effektiv mit 70 Prozent und mehr besteuert wird, weil Krippenplätze mit höherem Einkommen teurer werden», wie sie kürzlich in Interviews mit «Tages-Anzeiger» und «Berner Zeitung» erklärte. Zusätzlich könnten schlagartig Prämienverbilligungen für die Krankenkasse, der Zugang zu verbilligtem Wohnraum und Alimentenbevorschussungen wegfallen, wenn eine bestimmte Einkommensschwelle überschritten werde. «Man verdient eigentlich mehr, hat aber weniger Geld zur Verfügung», sagte Bütler. «Es lohnt sich nicht, mehr zu arbeiten.»

Weniger Sozialstaat statt Nullsummenspiele

Dies alles führt nach Ansicht von Avenir Suisse dazu, dass bei Frauen in Zweiverdienerhaushalten der Anreiz, zu arbeiten, kleiner wird. Gleichzeitig werde eine für den Mittelstand wichtige Möglichkeit zum schrittweisen Aufstieg behindert. Fazit: Die staatliche Umverteilung erschwert dem Mittelstand den Weg nach oben. Laut Bütler müsste man den Mittelstand und vor allem die Zweitverdiener steuerlich stark entlasten – und im Gegenzug die sozialstaatlichen Subventionen zurückfahren.

Die Zurückhaltung des Staats sei die beste Mittelstandspolitik, betont Avenir Suisse. «Dem Mittelstand hilft der Staat am besten, indem er seine gesamte Belastung mit Steuern und Abgaben senkt», heisst es in der Studie. «Damit dies möglich wird, sollte das unübersichtlich gewordene Gestrüpp von gut gemeinten Subventionen, Zuschüssen, Verbilligungen und Realtransfers entwirrt und redimensioniert werden.» Einzelne staatliche Massnahmen könnten zwar Teilen des Mittelstands punktuell helfen. Da aber die Transfers in die Mitte zu einem wesentlichen Teil selbst berappt würden, resultiert für den Mittelstand ein Nullsummenspiel.

Lehrabschluss sichert nicht mehr Position im Mittelstand

Avenir Suisse benennt einen weiteren Grund für die Schwächung des Schweizer Mittelstands: Auf dem Arbeitsmarkt werden offensichtlich weniger mittlere, dafür aber mehr höhere und niedrige Qualifikationen nachgefragt. «Ein Lehrabschluss sichert die Position in der Mitte der Gesellschaft nicht mehr automatisch», heisst es in der Studie. Entsprechend habe sich das Lohngefüge zu Ungunsten des Mittelstands verändert.

In der Bildungspolitik müsse es nun darum gehen, dem Rückgang der Nachfrage nach mittleren Qualifikationen mit einer Höherqualifizierung der Arbeitskräfte zu begegnen. Das Studium an einer Fachhochschule oder eine höhere Berufsbildung sollte laut Avenir Suisse für die Absolventen einer Berufslehre noch mehr als heute zur Normalität werden.

In der Schweiz gehören über 60 Prozent der Bevölkerung dem Mittelstand an. In einem Single-Haushalt, der dem Mittelstand zugeordnet wird, beträgt das jährliche Bruttoeinkommen 45'000 bis 99'000 Franken. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt reicht die Einkommensspanne von 67'000 bis 150'000 Franken und bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern von 94'000 bis 210'000 Franken.

Patrik Schellenbauer/Daniel Müller-Jentsch: «Der strapazierte Mittelstand – Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüchterung», 292 Seiten, Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.

Erstellt: 16.11.2012, 10:56 Uhr

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