Der Neid auf die prominenten Überflieger

Morgen nominiert die Berner SP zwei Quereinsteiger für den Nationalrat. Warum das Geschäft mit der Prominenz für die Parteien zweischneidig ist.

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Dieses Jahr streben ungewöhnlich viele Prominente einen Sitz im eidgenössischen Parlament an. Ärztepräsident Jacques de Haller und Fernsehmoderator Matthias Aebischer, die morgen Samstag von der Berner SP nominiert werden, sind nur zwei davon.

Ebenfalls für die SP des Kantons Bern kandidiert Alexander Tschäppät, ein bekanntes Aushängeschild der Partei. Der Stadtpräsident von Bern plant nach neun Jahren Abwesenheit seinen Wiedereinstieg in den Nationalrat.

Weitere Interessenten sind der Strafrechtsprofessor Martin Killias, der für die Aargauer SP in den Nationalrat will, sowie der Herzchirurg Thierry Carrel, der für die Berner FDP kandidiert. Auch Claude Béglé, der ehemalige Verwaltungsratspräsident der Post, hat Interesse an einem Parlamentssitz bekundet, er würde für die Waadtländer CVP kandidieren. Und der Bündner Skirennfahrer Paul Accola hat zwar keine Zeit für ein politisches Amt, doch wenn die Bündner SVP ihn braucht, nimmt er sie sich, wie es im Parteisekretariat heisst.

Stimmen für die Partei

Der Listenplatz ist den Quereinsteigern sicher, die Wahlchancen sind mehr als intakt. Beispiele wie die des «Arena»-Moderators Filippo Leutenegger oder des Schweizergarde-Kommandanten Pius Segmüller zeigen dies. Prominente Quereinsteiger umgehen damit die sogenannte Ochsentour, die klassische Politkarriere, mühelos und im Handumdrehen. Während sich das Gros der Politiker in langjähriger Fleissarbeit von der Kirchenpflege bis zum lokalen oder kantonalen Parlament hocharbeitet, steigt der Polit-Promi auf eidgenössischer Ebene ein, ohne je einen Finger für die Partei krumm gemacht zu haben. Und er schnappt fleissigen Parteidienern erst noch den Listenplatz vor der Nase weg.

«Die Kandidatur von Prominenten ist zweischneidig», sagt Roland Näf, Präsident der SP Kanton Bern. «Wir haben dieses Traktandum am Parteitag ausführlich diskutiert, und es gab auch kritische Stimmen.» Doch er, Näf, bestätige anhand seines eigenen Beispiels, dass man die Parteiinteressen auch über die eigenen stellen könne: «Ich habe selber die klassische Ochsentour absolviert und kandidiere jetzt ohne grosse Wahlchancen für den Nationalrat.» Dass die SP mit de Haller, Aebischer und Tschäppät möglichst viele Stimmen holt, sei ihm wichtiger als sein eigener Erfolg.

«Personalpolitisches Risiko»

Das Privileg der Quereinsteiger berge ein personalpolitisches Risiko, bestätigt Näf. Manche werden sich Chancen auf einen Sitz ausgerechnet haben, und jetzt reicht es doch nicht mehr. Ihnen gibt Näf zu bedenken, dass sie dank der zusätzlichen Wähleranteile, welche der Partei dank den prominenten Aushängeschildern winken, vielleicht schneller ins Parlament nachrücken.

Gratis sei ein Listenplatz aber bei der SP nicht zu haben, fügt Näf hinzu: «Wir überprüfen die Quereinsteiger in Bezug auf ihre Gesinnung auf Herz und Nieren. Sie müssen die Ideen der SP ganz klar vertreten, dabei achten wir auch auf den Hintergrund und die Herkunft.»

«Man kann keine Prüfung machen»

Nicht so streng scheint da die FDP zu sein. So erzählte Thierry Carrel kürzlich in der Sendung «Giacobbo-Müller», gefragt nach seinem FDP-Bezug, er habe sich nach Gesprächen mit mehreren Parteien für die Freisinnigen entschieden. Also mehr Kopf- als Bauchentscheid, das politische Amt scheint in diesem Fall ein Job wie jeder andere zu sein, der Kandidat frei von ideologischer Herkunft und Verbundenheit.

Man versuche die Wertehaltung eines Kandidaten in Gesprächen herauszuspüren, sagt Corinne Schmidhauser, stellvertretende Präsidentin der FDP des Kantons Bern. Doch dies sei schwierig, «eine Prüfung kann man ja nicht machen». Als ehemalige Skirennfahrerin brachte sie ebenfalls den Prominenten-Bonus mit, als sie im vergangenen Herbst an einer Ständeratskandidatur interessiert war. Auch Schmidhauser schlug eine grundsätzliche Skepsis in der Berner FDP entgegen. «Manche denken, ich sei nur deswegen hier, weil ich berühmt bin. Dann liegt es an mir, das Gegenteil zu beweisen.»

Dass prominente Kandidaten in der Partei für Ärger sorgen, sei ganz klar, sagt Stefan Feldmann, Präsident der SP Kanton Zürich. «Doch Nominationen sind ohnehin heikel, der Konkurrenzkampf ist riesig.» Der Unmut ist vor allem dort gross, wo viele fähige und willige Kandidaten einer kleinen Sitzzahl gegenüberstehen. «Wir haben etwa dreimal so viele potenzielle Kandidaten wie Sitze im eidgenössischen Parlament, Reibereien sind vorprogrammiert», sagt Feldmann.

Erstellt: 25.02.2011, 13:16 Uhr

«Neid, Missgunst und Ärger»

Wenn prominente Quereinsteiger oder Rückkehrer wie Alexander Tschäppät den ambitionierten Parteimitgliedern plötzlich vor der Sonne stehen, setze das zunächst einmal «Neid, Missgunst und Ärger» frei, sagt Wahlkampfstratege Mark Balsiger. «Das kann auch positive Effekte haben: Es entwickelt sich nämlich ein engagierter Konkurrenzkampf innerhalb der Partei.» Auf der Strecke blieben aber die Nachwuchstalente und Leute des Mittelbaus. «Dort sitzt der Frust tief und vereinzelt macht sich Verbitterung breit, oder die Leute schmeissen den Bettel hin.»

Dass Quereinsteiger mit mehreren Parteileitungen Gespräche führen und ihre Chancen ausloten, bezeichnet Balsiger als zunehmend normal. «Die ideologische Verankerung ist nicht mehr so prägend wie in früheren Generationen oder sie fehlt ganz.» Die politischen Milieus in der Schweiz hätten sich längst aufgelöst, die Parteibindungen seien schwächer geworden. «Deswegen dürfte das Partei-Hopping in der Schweiz zunehmen.» (blu)

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