Der Numerus clausus ist auch an den kantonalen Unis kein Tabu mehr

Nach dem ETH-Entscheid steigt der Druck, das Problem der steigenden Studierendenzahlen zu lösen. Die Kantone sind sich nicht einig: Basel will eine verschärfte Selektion, Bern und Zürich bleiben skeptisch.

Den Ansturm auf die Unis bremsen: Der Weg zu einem Studienplatz könnte steiniger werden.

Den Ansturm auf die Unis bremsen: Der Weg zu einem Studienplatz könnte steiniger werden. Bild: Keystone

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«Dass die ETH für Architektur und Maschinenbau einen Numerus clausus einführen will, hat uns überrascht», sagt Mathias Stauffacher, Generalsekretär der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (Crus). Und er fügt hinzu: «Zulassungsbeschränkungen sind auch an den kantonalen Universitäten ein virulentes Thema.» Bereits morgen Donnerstag will die Crus an ihrer Plenarversammlung das Thema diskutieren. Dabei sei aber offen, «an welchen Unis, in welchen Fächern und in welcher Form» ein Numerus clausus eingeführt werden soll.

Wie an der ETH richtet sich der Fokus primär nicht auf die Studienanfänger, sondern auf die Schnittstelle zwischen Bachelor und Master. Die Schweiz und Österreich sind im Bologna-Verbund die einzigen Länder in Europa, die fürs Masterstudium noch keine standardisierten Aufnahmebedingungen kennen. Davon profitieren insbesondere Bachelor-Absolventen aus Deutschland. Dort erhalten nur jene den Zugang zum Masterstudium, die den dreijährigen Bachelor mit guten Noten abgeschlossen haben.

«Klasse vor Masse»

Kommt hinzu, dass in Deutschland wegen der verkürzten Gymnasialdauer gleich zwei Jahrgänge mit Abitur an die Hochschulen drängen. «Das wird den Ansturm auf unsere Universitäten noch verstärken», sagt Hedwig Kaiser, Vizerektorin der Uni Basel. Beliebtes Ziel sind die Schweizer Unis vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften, und besonders unter Druck stehen Psychologie und Medienwissenschaft.

Für Hedwig Kaiser ist deshalb klar: «Klasse geht vor Masse. Wenn wir unsere hohe Ausbildungsqualität halten wollen, ist eine verschärfte Selektion vor oder während des Studiums unumgänglich.» Dabei sei ebenso klar, dass ausländische gegenüber Schweizer Studierenden nicht diskriminiert werden dürften. Eine Form von Numerus clausus könne deshalb bereits darin bestehen, dass die Schweiz die Aufnahmebedingungen an jene der Herkunftsländer ausländischer Studierender anpasse.

Numerus clausus eher sekundär

Dieses Selektionskriterium wendet Basel in Psychologie und Medienwissenschaft bereits heute an – und zwar für Studienanfänger. Im Visier stehen dabei wiederum Studierende aus Deutschland. Im Unterschied zur Schweizer Matura garantiert das Abitur nämlich noch keinen Studienplatz. Die Uni Basel übernimmt deshalb nur Studienanwärter aus Deutschland, die bereits eine Studienplatzbestätigung vorweisen können.

Ansonsten dürfte ein Numerus clausus für Studienanfänger in der Schweiz vorerst eher sekundär sein. Bis auf weiteres wird es ihn bloss für Medizin und für Sportwissenschaft geben. Im neuen Universitätsgesetz des Kantons Bern etwa hatte der Regierungsrat ursprünglich die Einführung von generellen Zulassungsbestimmungen vorgesehen, diesen Passus dann aber wieder gestrichen. In Zürich geht der letzte Vorschlag auf die Zeit von Bildungsdirektor Ernst Buschor zurück. Er wollte 2003 einen Numerus clausus für Psychologie und Publizistik einführen, zog die Vorlage nach Studentenprotesten aber wieder zurück.

Kein neues Gesetz nötig

Und dennoch: Im Unterschied zur ETH wäre an den kantonalen Universitäten für die Ausweitung des Numerus clausus keine Gesetzesänderung nötig. «Die Voraussetzungen dazu sind in den Universitätsgesetzen bereits gegeben», sagt Sebastian Brändli, Chef des Zürcher Hochschulamts. In jenem des Kantons Zürich steht: «Der Regierungsrat kann auf Antrag des Universitätsrats Zulassungsbeschränkungen einführen.» Bedingung müsste allerdings sein, dass die finanziellen Mittel zur Gewährleistung eines ordnungsgemässen Studiums nicht mehr ausreichen.

Dieses scheint in Zürich trotz übervoller Hörsäle noch immer möglich zu sein. «Es gibt bei uns keine konkreten Numerus-clausus-Pläne», sagt Otfried Jarren, Prorektor der Uni Zürich. Jarren taxiert Zulassungsbeschränkungen generell als «unfaires» Selektionsinstrument: «Wir setzen auf die innere Selektion und haben deshalb den Hürdenlauf während des Studiums verschärft.» Am ehesten kann sich Jarren Assessments vor dem Masterstudium vorstellen, kombiniert mit einer Beratung. «Das dürfte aber kein explizites Auswahlverfahren sein.»

Universitätskonferenz debattiert im Dezember

Wie auch immer: Nach dem Vorentscheid des ETH-Rats steigt auch auf die Universitäten der Druck, das Problem der steigenden Studierendenzahlen zu lösen. Nach den Unirektoren will nun die Schweizerische Universitätskonferenz, das gemeinsame Organ von Bund und Kantonen, zu einer konsolidierten Meinung kommen. Sie hat das Thema für Anfang Dezember traktandiert.

Erstellt: 02.11.2010, 23:40 Uhr

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